Kinderrechte

Für das wichtigste moralische Prinzip überhaupt halte ich die Goldene Regel:

Was du nicht willst, dass man dir tu, das füg auch keinem andern zu.

Eines weiß ich außerdem ganz sicher: so wie Kinder rechtlich behandelt werden, möchte ich niemals behandelt werden. Und damit ist für mich die Sachlage klar: Es ist moralisch geboten, sich für Kinderrechte einzusetzen.

Und wie steht der geneigte Leser dazu?

Stellen Sie sich vor, Sie sind alt geworden, Ihre Kräfte lassen nach, auch die geistigen. Man wird vergeßlich, findet sich mit Neuem nicht mehr so gut zurecht. Aber Sie sind immer trotzdem noch so fit, wie es ein durchschnittlicher Siebzehnjähriger ist.

Meinen Sie nicht, dass Sie in so einer Situation dringend vor den Härten des Lebens geschützt werden müsssen? Etwa so:

  • Sie brauchen unbedingt einen amtlichen Vormund. Bei dessen Auswahl Sie natürlich keine Rolle mehr zu spielen, dazu sind Sie schon zu alt. Wenn Sie etwas ganz Schlimmes gegen ihn einzuwenden haben, werden Sie eventuell „angehört“, die Entscheidung fällt jedoch ein anderer –der Vormundschaftsrichter.
  • Der darf dann über alles mögliche bestimmen. Zum Beispiel, wann Sie weggehen dürfen, wann Sie nach Hause kommen müssen.
  • Außerdem bekommen Sie eine altersangemessene Arbeit zugewiesen. Sicherlich eine leichte, vielleicht durchaus auch mal interessante (die allgemeine Meinung der dort Beschäftigten ist allerdings eher negativ). Aber wie Sie diese Arbeit finden, ob Sie mit den Leuten dort zurechtkommen, interessiert nicht.
  • Lohn bekommen Sie auch nicht, aber etwas Taschengeld bekommen Sie üblicherweise von Ihrem Vormund. (Wenn Sie ihm gehorchen.)
  • Außerdem dürfen Sie generell keine Pornos mehr sehen.
  • Dass Autofahren oder wählen nicht mehr in Frage kommt, versteht sich von selbst.

Nach ein paar Jahren sind sie immer noch so fit wie es ein durchschnittlicher Fünfzehnjähriger ist. Aber natürlich brauchen Sie jetzt noch mehr Schutz.

  • Jetzt dürfen Sie auch nicht mehr rauchen und trinken.
  • Und Sex gehört sich jetzt nicht mehr für Sie. Wenn eine Jüngere sie zu Sex verführt, dann kann ihr Vormund die Jüngere verklagen.

Nach ein paar Jahren sind sie nur noch so fit wie es ein durchschnittlicher Dreizehnjähriger ist. Jetzt wird Schutz für Sie immer wichtiger.

  • Knast droht ihnen generell nicht mehr, dazu gelten Sie schon als zu tuttelig.
  • Die Verantwortung für Ihre Taten trägt allerdings Ihr Vormund. Und der hat die entsprechenden Rechte, die es ihm ermöglichen, Straftaten von Ihrer Seite zu verhindern.
  • Allzu schlimm prügeln darf er Sie zwar nicht, das ist verboten. (Das wird allerdings nur bestraft, wenn Sie wirklich schwere Verletzungen davontragen). Aber ein paar Ohrfeigen ab und zu gelten durchaus als normal.
  • Mit Sex ist jetzt endgültig Schluß. Wenn Sie Sex mit einer Jüngeren haben, wandert die in den Knast. Wenn Sie Sex mit Altersgenossen haben, wird das Ihr Vormund nicht gerne sehen –er könnte Schwierigkeiten mit dem Altersamt kriegen, weil er sie sexuell verwahrlosen läßt.
  • Überhaupt, wenn Jüngere zu Ihnen Kontakt aufnehmen und nett zu Ihnen sind, erweckt das schon mal Verdacht. Die sind doch nicht etwa pervers und wollen vielleicht Sex mit Ihnen?
  • Ach so, das „Sie“ kann ich mir jetzt sparen, du seniles Dummerchen.

Also, wäre das nicht ein Reformvorschlag für Ihre Alterssicherung? Damit müssten Sie doch völlig einverstanden sein. Etwa nicht? Keine Angst, in diesem Gedankenexperiment nehmen wir an, dass die Feststellung, wann Sie die entsprechenden Stadien erreicht haben, aufgrund völlig objektiver Tests durchgeführt wird. Sie können sich die Schulbücher der entsprechenden Klassen vornehmen, um einen Maßstab zu erhalten. Andere Aspekte wie körperliche Stärke, Reaktionsschnelligkeit, sexuelle Fähigkeiten, Alltagswissen (zum Beispiel über neue Technologien) werden angemessen mit berücksichtigt.

Allerdings sind Einzeltests doch wohl zu teuer. Man wird sich –nach sehr genauer Untersuchung und umfangreichen Statistiken –für ein Durchschnittsalter entscheiden, ab welchem dann die genannten Maßnahmen automatisch und pauschal in Kraft treten.

Na, wie wärs damit? Oder ist es nicht doch schöner, dass wir diese erniedrigende Sch… inzwischen hinter uns gebracht haben und uns so etwas nicht mehr droht?

Aber wie war das nochmal mit der Goldenen Regel? Sollte aus der nicht folgen, dass wir zwischen folgenden Alternativen zu wählen hätten:

  • Zustimmung zu diesem Reformvorschlag (am Besten in Form einer eidesstattlichen Erklärung, dass sie auf diese Weise behandelt werden wollen).
  • Ablehnung der heutigen rechtlichen Behandlung von Kindern und Unterstützung von Kinderrechten.

Wäre alles andere nicht Doppelmoral?


2 Antworten auf „Kinderrechte“


  1. 1 saba 28. Oktober 2010 um 21:17 Uhr

    Nein, da gehe ich nicht mit. Ich votiere hier ganz klar für unlibertäre Prinzipien: Kinder brauchen keine vollen Rechte, aber deren Eltern haben Pflichten.

    Der Vergleich alte, senile Menschen vs. Kinder geht ja auch nur zum Teil auf. Senile Menschen waren einmal im Vollbesitz ihrer geistigen Fähigkeiten und konnten damals Vorkehrungen treffen, wie sie im Alter behandelt werden wollen. Kinder kommen erst noch in die Phase. Sieht man von diesem Unterschied ab, würde ich quasi für die erste Option deiner (wohl rhetorisch gemeinten) Frage am Ende votieren. Was ist daran so abwegig?

    Ich halte es hier ganz mit Narveson, Levin und vielen anderen Autoren der libertären Tradition: Autonomierechte sind etwas für Erwachsene, die halbwegs klar im Kopf sind – nicht für Kinder, geistig Behinderte und andere. Ob 13,15,17 oder 21 das passende Alter ist, ihnen solche Recht komplett zuzugestehen – diese Frage sollten Psychologen beantworten.

    Aber zunächst noch mal zur Klarstellung: Um welche Rechte geht es? Ich vermute – aufgrund deiner Beispiele – primär um Autonomierechte und beziehe mich nur auf diese. Das Recht, nicht gefoltert zu werden, und ähnliches – solche Rechte sind ja unstrittig.

    Zu deiner Argumentation: Ich bin ja kein allzu großer Fan der goldenen Regel. Aber darum soll es hier nicht gehen. Wichtig ist alleine, dass die goldene Regel überhaupt nicht weiter hilft, sofern man nicht von den Unterschieden der Person abstrahiert. Der Masochist will etwas ganz anderes als der Sadist.
    Und rückblickend stimme ich sehr wohl zu, dass es richtig von meinen Eltern war, mir einige Dinge verboten zu haben. Wäre ich wieder in der Situation eines Kindes (beschränkte kognitive Fähigkeiten, beschränkte Informationen), würde ich wieder bevormundet werden wollen. Beschränkte Rechte für Kinder sind also mit der goldenen Regel kompatibel.
    Auch dein Gedankenspiel ist nicht abwegig. Senile Menschen werden regelmäßig entmündigt. Wenn ich mir anschaue, wie sich Demente ohne eine solche Bevormundung verhalten, stimme ich wieder zu: Wenn ich so drauf wäre wie die, würde ich auch gerne daran gehindert werden, immer meinen eigenen Willen durchzusetzen.
    Auch die anderen Punkte, die du ansprichst, finde ich eher begrüßenswert. Warum kein Führerschein-Entzug für alte Menschen?
    Wären die Autobahnen in privater Hand und könnten die Betreiber selbst entscheiden, wen sie darauf fahren lassen und wen nicht, dann wären alte Opas und Omas vermutlich unter den ersten, die ein Fahrverbot bekommen würden. Die Betreiber sind an sicheren Autobahnen interessiert. Ob sich Omas deswegen beleidigt fühlen, interessiert sie weniger.

    Wie würdest du denn bei geistig behinderten Menschen argumentieren? Etwa einem Menschen mit Down-Syndrom (und entsprechend niedriger Intelligenz)? Oder einem Autisten? Sollen wir denen auch Autonomierechte zugestehen?

    Und wenn du schon in diesem Sinne Kinder wie Erwachsene behandeln willst – wie sieht es denn in anderen Bereich aus: Was ist z.B. mit Eltern, die ihre Neugeborenen oder überhaupt kleine Kinder aussetzen, ähnlich wie das früher üblich war. Warum sollte es besondere Hilfspflichten der Eltern gegenüber ihren Kindern geben? Das gibt es ja gegenüber anderen Menschen auch nicht, sofern nicht zuvor ein expliziter Vertrag geschlossen wurde.

    Da fällt mir etwas anderes ein: Man könnte natürlich auch so argumentieren wie Rothbard: Kinder schmarotzen bei ihren Eltern. Und solange sie das tun, haben sie auch deren Regeln zu akzeptieren; es liegt hier so etwas wie ein impliziter Vertrag vor. Formal hätten Kinder dann volle Rechte, aber praktisch würde sich herzlich wenig ändern; höchstens vielleicht bei Jugendlichen, die von zu Hause abhauen.
    Ich finde eine solche Argumentation aber nicht überzeugend. Die andere Option – Paternalismus für Kindern – wird unseren Intuitionen eher gerecht. So war das in allen Gesellschaften und bisher sind wir damit doch Recht gut gefahren.

  2. 2 libertarian 05. November 2010 um 14:08 Uhr

    Erstmal bin ich in dieser Frage nicht extrem radikal und bereit, zuzugestehen, dass es legitim ist, Kinder wie auch geistig Behinderte vor den Folgen eigener falscher Entscheidungen zu schützen. Und wenn es gar nicht anders geht, sogar mit Gewalt.

    Aber wenn man mal von den klassischen Kleinkindern, die angeblich nichts weiter wollen als dauernd ohne zu gucken auf Hauptstraßen rennen, absieht, gibt es nicht allzu viele Fragen, bei denen so etwas ähnlich gut legitimiert ist.

    Was für mich bei der heutigen Behandlung von Kindern schief liegt ist jedoch einiges. Ich habe nie mit geistig Behinderten zu tun gehabt und weiß daher nicht, ob es ihnen gegenüber ähnlich krasses Unrecht gibt wie ich es gegenüber Kindern sehe. Und worauf mein Vergleich abzielte, ist eben dieser Unterschied. Kein Erwachsener, der auf dem geistigen Niveau eines 13-jährigen steht, wird deswegen auch nur in der geringsten Weise entmündigt.

    Es gibt ja nicht nur zwei Möglichkeiten – völlige Autonomie aller von Geburt an vs. die heute üblichen Regelungen. Wenn du selbst meinst, dass man dir im Fall einer schweren Geisteskrankheit die Autonomie einschränken sollte, ist das ja ok. Nur war das ja nicht meine Frage. Sondern die war, ob man deine Autonomie so stark einschränken sollte, wie die für heutige 17-jährige eingeschränkt ist, sobald deine geistigen Fähigkeiten denen eines durchschnittlichen 17-jährigen entsprechen.

    Und wenn die eigenen Rechte schon eingeschränkt werden, dann bitte schön doch in minimaler Weise: Die freie Wahl des Vormunds sollte das Recht sein, was als letztes eingeschränkt werden sollte.

    Rothbards Ansichten dazu sind mir sehr sympathisch. Das Recht des Kindes, abzuhauen, ist ein natürliches Recht. Und alles, was ein Kind in ein verhasstes „zu Hause“ zwingt, aus dem es ja normalerweise nicht völlig ohne Grund weglaufen will, ist Unrecht. Es entfällt auch automatisch das klassische Problem des Sorgerechtsstreits: Das Kind entscheidet, bei wem es leben will.

    Und dem Kind das Recht, wegzulaufen, abzustreiten wäre in einer anarchistischen Gesellschaft auch niemand da.

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