Archiv für Oktober 2011

Freies Programmieren im Netzwerk?

Wer wären eigentlich die wichtigsten potentiellen Nutzer meines Netzwerk-Konzepts sowie eines netzwerk-internen freien Bankensystems? Die, die gegen solch ein Netzwerk hetzen wollen, haben natürlich eine Antwort parat: Schlimme Kriminelle, insbesondere böse Geldwäscher.

Ich hatte nie vor, mich gegen solche sowieso zu erwartende Hetze zu wehren, eher im Gegenteil: Wer wem Geld überweist ist Privatsache, das geht den Staat nichts an. Punkt. Und es interessiert mich überhaupt nicht, ob diese Überweisungen dazu dienen, den „Steuern“ genannten Raub von Eigentum durch Staaten zu verhindern, oder Bezahlung für von Kunden gewünschte aber trotzdem (warum auch immer) illegale Dienstleistungen sind. Und für die Freiheit ist es nicht so wichtig, ob die Gründe, warum jemand frei sein möchte, nun alle moralisch positiv zu werten seien: Jedes Mitglied des Netzwerkes stärkt es, unabhängig von seinen Motiven.

Trotzdem ist es wichtig, dass es auch möglichst viele ethisch gesehen völlig einwandfreie Gründe gibt, am Netzwerk teilzunehmen. Solche ethisch einwandfreien Gründe liefert das Patentrecht. Sicher, man könnte auch von seinem Missbrauch sprechen. Aber sollte man? Das Buch „Against Intellectual Monopoly“ von Michele Boldrin and David K. Levine zeigt klar genug, dass solcher „Missbrauch“ eher die Regel ist, eher der eigentliche Grund, es überhaupt einzuführen.

Aber abgesehen von der Notwendigkeit (aber, aufgrund der Stärke des Lobbyismus, auch der Hoffnungslosigkeit) einer ersatzlosen Abschaffung des Patentrechts: Es gibt eine sehr wichtige Industrie, die mit Hilfe des Patentrechts heute faktisch in ein Oligopol einiger weniger Großfirmen verwandelt worden ist. Und das ist die Softwareentwicklung, die Programmierung.

Das ist eine Industrie, in der Neuerung extrem wichtig und nützlich ist, und von der wir noch viel Neues erwarten könnten. Aber in dieser Industrie besitzen einige wenige Riesenfirmen eine riesige Menge von Patenten. Diese Patente sind weitreichend genug, dass jeder, der genügend komplizierte eigene Programme schreibt, notwendigerweise diese Patente verletzt. Und damit hat man auf dem Softwaremarkt nur dann eine Chance, wenn man jedem, der einem mit einer Patentklage droht, eine Gegenklage androhen kann, weil man selbst genügend Patente hat, die jedes komplexere Programm erfassen. Aber das haben nun einmal nur die ganz Großen. Eine kleine Newcomer-Firma hat heute nur noch eine Chance: Eine Nische zu entdecken, dort ein Patent zu erwerben, und sich dann aufkaufen zu lassen.

Eine solche Situation ist fatal für den Fortschritt. Aber sie ist ein idealer Ausgangspunkt für eine netzwerk-interne Software-Industrie. Denn:

  • Software-Firmen brauchen keine großen Investitionen im realen Leben. Kleine Teams können viel leisten. Und selbst große Teams können überall auf der Welt verteilt leben, ohne aufzufallen. Ihre Mitarbeiter könnten zu Hause arbeiten, ohne sich von Arbeitslosen zu unterscheiden.
  • Selbst wenn zentrale Server notwendig wären, wären die Sicherungen durch das Netzwerk ausreichend, um staatlicher Verfolgung auszuweichen.
  • Es braucht den Kunden nichts geliefert zu werden, was nicht über das Netzwerk selbst lieferbar wäre.

Wichtiger ist jedoch, dass es für die staatliche Verfolgung einer solchen Untergrund-Softwareindustrie kaum eine moralische Legitimation gäbe. Denn die Gründerzeit der Software-Industrie, als Patente noch keine Rolle spielten, ist allen noch in zu guter Erinnerung.

Und damit würde eine Verfolgung des Netzwerkes schnell von allen als eine offensichtliche Gefahr für den Fortschritt erkannt werden können.

Außerdem könnte es noch einen ganz anderen Effekt geben: Die eine oder andere der Firmen im heutigen Oligopol der Softwaregiganten könnte sich entscheiden, auch daran teilzunehmen. Unter anderem Namen könnte sie dort Produkte verkaufen, die sie offiziell, wegen Waffenstillständen an der Patentrechtsfront, nicht verkaufen könnten. Und schon wären ein paar genügend reiche Teilnehmer mit genügend starker Lobby im Netzwerk, die effektive staatliche Angriffe gegen das Netzwerk abblocken könnten.

Patentrecht ist ein Verbrechen

Bisher war mein Verhältnis zu Copyright und Patenrecht etwas zweischneidig. Zwar eher ablehnend als zustimmend, aber ich habe akzeptiert, dass es gute Argumente dafür gibt. Und hatte, wenn ich die Argumente dagegen für überzeugender hielt, ein kleines bisschen ein schlechtes Gewissen – ist dies wirklich eine objektive Abwägung, oder ist hier nicht doch der Wunsch Vater des Gedankens? Schließlich bin ich ja, und aus ganz anderen Gründen, gegen den Staat. Aber der Staat wäre notwendig, um Copyright und Patentrecht durchzusetzen.

Dies hat sich geändert, nachdem ich das hervorragende Buch Against Intellectual Monopoly von Michele Boldrin and David K. Levine gelesen habe. Kurz gesagt, das beste Buch, was ich in letzter Zeit gelesen habe. Ein Buch, nach dessen Lektüre ich mir nachträglich beschmutzt vorkomme – wieso bin ich bisher eigentlich auf solche verlogenen Argumente hereingefallen?

Dass die Argumente für intellektuelle Monopole dermaßen schwach sind, und dass die Schäden, die dadurch angerichtet werden, derartig offensichtlich und fatal sind, hat mir doch die Sprache verschlagen.

Phantastisch allein schon die Geschichte der Dampfmaschine, die faktisch zu einer Erzählung wird, wie die gesamte industrielle Revolution, wegen des Patentrechts, erst ein viele Jahre später stattfinden konnte, weil, solange Watt ein Patent hatte, keine Verbesserungen von Watts Dampfmaschine durchgeführt werden konnten.

Bis hin zum heutigen Softwaremarkt. Etwas, was mir so gar nicht bewusst geworden war, was nur so als Gefühl im Untergrund mitlief: Irgendwas hat sich in den letzten Jahren geändert. Früher gab es mal jährlich neue große Namen. Und wer ein Jahr Top war, konnte schon im nächsten Jahr ein Niemand sein, weil jemand anders besser war. Aber, ja, wenn man darüber nachdenkt, irgendwie ist das doch schon lange her. Im Buch erfährt man den Grund: Jede der Firmen, die heute Top sind, hat ein riesiges Pool von Softwarepatenten. Der Großteil dieser Patente ist ziemlich hohl, nur, wenn man sich, auch ohne alle Kenntnise, einfach nur ausgehend vom gesunden Menschenverstand, ein völlig neues Programm schreibt, ist trotzdem eines ziemlich sicher: Man wird gegen irgendein Patent aller großer Firmen verstoßen. Die großen Firmen untereinander haben Waffenstillstand an dieser Front – niemand verklagt den anderen, weil man sonst genügend Gegenklagen bekommt – aber Newcomer haben keine Chance mehr. Alles was sie tun können, ist, eine gute Idee auf einem speziellen Gebiet zu haben, ein Patent dafür zu erwerben, und sich dann aufkaufen zu lassen.

Dann ist da noch der kleine Punkt dass das Patentrecht oft genug zu fahrlässiger Tötung wird. Denn die AIDS-Medikamente wären im Prinzip spottbillig, nur darf sie so spottbillig eben keiner herstellen – wegen Patentrechten. Und man kreische, bitte nicht, „böse geldgierige Kapitalisten“. Die sind nun einmal wie sie sind. Man muss sie nicht mögen. Aber es sind immer noch die Staaten, die, mit ihrer Polizei, mit Gewalt, verhindern, dass einfach jemand den an AIDS erkrankten Afrikanern die Medizin zu den Preisen herstellt, die sich auf einem freien Markt automatisch einstellen würden. Hergestellt von genauso geldgierigen Kapitalisten, nur eben ohne Staatseinmischung.

Meine persönliche Zusammenfassung sieht augenblicklich in etwa so aus: Rein logisch gesehen gibt es, im Prinzip, die Möglichkeit, dass Patentrechte oder Copyright in speziellen Situationen einen gesamtgesellschaftlichen Nutzen bringen könnten. Dem steht gegenüber, dass sie immer auch schaden. Aber, viel schlimmer, dass sie immer den etablierten, großen Firmen nutzen, weil sie so den Fortschritt und die Konkurrenz behindern und ihre etablierten Methoden verlängern können.

Die nur rein theoretisch bestehende Möglichkeit, Copyright und Patentrecht auf die wenigen Ausnahmen zu beschränken, in denen sie möglicherweise von Nutzen sein könnten, ist daher praktisch nicht realisierbar. Der lobbyistische Druck der etablierten Firmen, die ein eindeutiges Interesse daran haben, Copyright und Patentrechte zu verschärfen, um Konkurrenten zu behindern, macht es unmöglich, Copyright und Patentrechte in einer Demokratie zu beschränken.

Eine Frage, die sich mir allerdings in diesem Zusammenhang stellt, ist noch eine ganz andere: Der Fortschritt auf dem Gebiet der Programmierung ist also, wie sich herausstellt, im öffentlichen Raum faktisch lahmgelegt. Aber in dem von mir vorgeschlagenen Netzwerk könnte eine Copyright- und Patentrechtfreie Softwareindustrie entstehen. Die hätte dann damit einen enormen Wettbewerbsvorteil vor der offiziellen, legalen Welt.

Das wäre etwas, worüber es sich lohnt, genauer nachzudenken. Die Garagentüftler, die all die heute großen Firmen gegründet haben, die gibt es doch heute auch. Nur haben sie keine Chance mehr. Eigentlich müsste man sie nur finden ….

So ein Mist, dass ich keinerlei organisatorischen Fähigkeiten habe. Manager gesucht …

Muss man Angst vor Monopolen haben?

Es gibt tatsächlich, vor allem unter den Linken, eine Menge Leute, die meinen, Großkonzerne würden noch größer werden, wenn es keine staatliche Kontrolle gäbe. Ich bin vom Gegenteil überzeugt. Warum? Das möchte ich hier darlegen.

Besonders beliebt sind bei Argumentationen dieser Art Kartellgesetze. Aber haben diese wirklich etwas gebracht, was die Frage der Gefahr durch Monopolisierung betrifft? Faktisch nicht. Sie bewirken in der Realität nur, dass sich große Firmen, selbst wenn sie es gar nicht wollen, mit der Politik arrangieren müssen. Das beste Beispiel ist Microsoft. Nein, ich mag diese Firma nicht. Aber immerhin hat sie (so wird zumindest erzählt, wirklich recherchiert habe ich das nicht) eine zeitlang keine Lobbyarbeit gemacht. Aber dann hat die Konkurrenz versucht, Microsoft mit Hilfe staatlicher Kartellgesetzgebung zu zerschlagen. Klar, dagegen musste Bill Gates was unternehmen. Hat er natürlich auch. Und so finanziert heute eben auch Microsoft eine Lobby in Washington. Von Wal-Mart hörte ich ähnliches.

Viel wichtiger bei der Frage nach der Betriebsgröße auf einem freien Markt erscheinen mir jedoch viele viele andere Punkte. Da ist zuallererst einmal der riesige bürokratische Aufwand zum Gründen einer Firma. Je mehr staatliche bürokratische Vorschriften, desto schwerer ist es, auch nur eine kleine Firma zu gründen.

Insbesondere muss der Arbeitgeber hier in Deutschland auch noch die Arbeit der Steuerfahnder übernehmen, also selbst Steuern und Abgaben für den Arbeitnehmer direkt an die staatlichen Behörden überweisen. Eine Unverschämtheit.

Große Firmen haben auch steuerrechtliche Vorteile: Alles, was intern stattfindet, wird nicht besteuert. Verluste einer Sparte können gegen Gewinne einer anderen Sparte aufgerechnet werden, besteuert wird nur der Gesamtprofit. Und, wichtiger noch, interne Investitionen vergrößern zwar den Wert der Aktien, werden aber auch nicht versteuert. Dadurch sind viele Firmen schon aus steuerrechtliche Gründen größer, als sie auf dem freien Markt wären.

Dann gibt es eine riesige, fast unüberblickbare Menge von Vorschriften, die als „Verbraucherschutz“ schöngeredet werden, in der Realität jedoch viel eher einen Schutz der aktuell etablierten Großkonzerne vor der Konkurrenz darstellen. Dazu reicht es, sich mal vorzustellen, wie ein ideales, aber für immerhin noch für alle gleiches Gesetz für den faulen Boss eines Großkonzerns aussehen würde: Ganz einfach, dieses Gesetz würde allen vorschreiben, alles ganz genauso zu machen wie seine eigene Firma es augenblicklich tut.

Und ziemlich genau so sehen die Verbraucherschutzvorschriften aus. Was auf dem Markt etabliert ist, entspricht ihnen. Eine im Prinzip ja mögliche Konkurrenz muss jedoch vieles erstmal genauso machen, wie es die etablierte Firma schon macht. Also muss sie erst einmal erheblich investieren.

Es gäbe da noch eine Variante. Wenn die etablierte Firma schon ein Patent für eine neue Technologie hat, dann wäre es sicherlich nützlich, wenn der Staat die Industrie etwas antreibt, und die noch von niemandem verwendete (und möglicherweise auch völlig unnütze) Technologie gesetzlich vorschreibt.

Wie sähe das hingegen auf einem freien Markt aus? Ein Neuling würde, auch wenn er noch nicht die Standards der etablierten Firmen realisieren kann, trotzdem am Markt teilnehmen können. Und seinen noch minderwertigen Service könnte er durch niedrigere Preise ausgleichen.

Und damit wäre er vor allem für die Armen attraktiv. Die Reichen würden sicherlich weiterhin die etablierten Firmen vorziehen, auch wenn die teurer sind, weil sie ja besseren Service bieten. Aber den Armen wäre der Service eher egal, wenn sie sich überhaupt das entsprechende Gut leisten könnten. Sie würden den Billiganbieter vorziehen.

Und damit erweist sich der Verbraucherschutz als dreierlei: Erstens als ein Schutz etablierter Firmen vor Konkurrenz, und damit eine Behinderung des Fortschritts, zweitens als eine Umverteilung von unten nach oben, weil den Armen verboten wird, einen billigeren Service zu nutzen, den die Reichen gar nicht nutzen wollen, und drittens einer Förderung großer Firmen, da es kleine Firmen sehr viel schwerer haben, allen möglichenVorschriften zu genügen.

Eine weitere erhebliche Förderung von Großfirmen ist die Folge des staatlichen Patentrechts. Statt einfach etwas herzustellen, was andere Menschen gebrauchen können, müssen sich Firmen erst einmal kundig machen, ob das, was sie produzieren wollen, nicht gegen irgendwelche Patentrechte verstößt. Wenn ja, müssen sie Gelder an irgendeine üblicherweise große Firma dafür zahlen, dass sie herstellen dürfen, was sie auch so herstellen wollten und problemlos hätten herstellen können.

Das Patentrecht ist extrem vorteilhaft für große etablierte Firmen, die sich eigene Forschungsabteilungen leisten können, und die sich jeden Furz, den sie dort entwickeln, patentieren lassen. Dass auf diese Art Innovation gefördert würde, dürfte ein Märchen sein.

Der libertäre Ersatz für ein Patentrecht ist das Recht, die eigenen Produktionsverfahren geheimzuhalten, und die Information über diese Verfahren zu verkaufen. Dies bietet ausreichend Verdienstmöglichkeiten für Forschung, behindert aber nicht den freien Markt.

Und selbst wenn so ab und zu eine Erfindung von der ganzen Welt genutzt werden kann, ohne dass der Erfinder eine angemessene Belohnung bekommt – ist nicht der Nutzen der ganzen Welt ein höherer Wert als der Vorteil des Einzelnen? Und gibt es nicht andere, zivilisiertere Methoden, die Erfinder allgemein genutzter Ideen zu würdigen? Durch Preise, Einladungen zu Vorträgen, gute Jobs an Prestige-Universitäten? Der freie Markt bietet hierzu genügend Möglichkeiten.

Und dann ist auch die Preisgestaltung auf den heutigen Märkten nicht so frei wie auf einem freien Markt. Es gilt ja sowieso, dass der böse Kapitalist immer im Unrecht ist: Ist der Preis höher als der Marktpreis, verlangt er Wucherpreise, ist es genau der Marktpreis, weist dies auf illegale Preisabsprache hin, und verlangt er weniger als den Marktpreis, macht er Dumpingpreise.

Aber das, was heute als Dumpingpreis verfolgt wird, ist genau das, womit ein Newcomer den Markt erobert, und womit er die etablierten Firmen um ihre Monopolstellung bringt. Nur, wie bringt man dem Volk bei, dass Dumpingpreise etwas Böses sind?

Es ist erstaunlich, aber im Kampf gegen Dumpingpreise vereinen sich scheinbar (aber auch nur scheinbar) entgegengesetzte Ideologien, insbesondere wenn die Dumpingpreise von ausländischen Anbietern gemacht werden: Die Nazis sind dagegen, weil doitsche Firmen geschützt werden müssen. Die Kommunisten hingegen verurteilen die böse kapitalistische Ausbeutung der Arbeiter in der Dritten Welt. Einig sind sie sich nur in der daraus resultierenden Empfehlung: Kauft nur beim Doitschen. Von ökonomischem Sachverstand zeugen beide Argumentationen nicht. Denn dass er seine Waren in Doitschland verkaufen kann, ermöglicht es dem Dritte-Welt-Kapitalisten, mehr Arbeiter einzustellen, und damit etwas gegen die Armut zu tun. Wird er boykottiert, muss er seine Arbeiter entlassen, und das ist mit Sicherheit nicht das, was dem armen ausgebeuteten Arbeiter guttut. Aber auch die doitsche Variante ist nicht von Weitblick getrübt. Denn wenn der Doitsche ausländische Waren kauft, was macht der Ausländer mit dem Geld? Letzten Endes wird er damit auch doitsche Waren kaufen. Vom Handel profitieren nämlich alle Beteiligten.

Wie auch immer, auf einem freien Markt können zwar immer noch die Ideologen der verschiedensten Farben ihr „Kauft nur beim Doitschen“ brüllen, aber sie könnten niemandem mehr verbieten, zu Dumpingpreisen zu verkaufen. Und damit könnten monopolisierte Märkte sehr viel schneller aufgemischt werden, zugunsten vor allem der Käufer.

Das Recht zum Weglaufen

Rothbards Idee, dass ein Kind ein natürliches Recht, von seinen Eltern wegzulaufen, hat, habe ich ja schon immer gut gefunden. Es verhindert wirklich schlimme Fälle von Kindesmisshandlung, bei denen Autoritäten den Eltern glauben und die Kinder faktisch den Eltern ausliefern wenn sie weglaufen. Aber es verhindert auch viel zu frühes Eingreifen von Kinderschützern – die Kinder könnten in diesem Fall aus den Heimen fliehen und wieder nach Hause, wenn sie es denn wollen.

Worüber ich hier nachdenken möchte, ist, wie dieses Recht, als Recht des Kindes, zu den üblichen Modellen für Sicherheitsfirmen passt. Im Prinzip besteht hier ein Widerspruch: Wer sollte das Recht des Kindes zum Weglaufen schützen? Das Kind kann schließlich kaum eine Sicherheitsfirma bezahlen. Die Sicherheitsfirma wird von den Eltern bezahlt, macht also, was die Eltern wollen.

Doch, und das ist der Punkt dieses Beitrags, ganz so hoffnungslos ist die Lage der Kinder bezüglich dieses Rechts keineswegs. Dazu muss man einen wichtigen Punkt verstehen: Die Sicherheitsfirmen machen ja keineswegs einfach was die Eltern wollen. Nein, sie lassen sich das bezahlen. Nichts ist umsonst.

Kinder, die von zu Hause wegrennen wollen, gegen ihren Willen wieder einzufangen und nach Hause zu bringen, ist eine Menge Aufwand. Vor allem, er wiederholt sich: Das wieder nach Hause gezwungene Kind kann ja am nächsten Tag wieder abhauen.

Außerdem hätte die Sicherheitsfirma das Kind zum Feind. Und das weggelaufene Kind kann Freunde gefunden haben, die versuchen werden, es zu beschützen.

Das Wiederfinden und nach Hause bringen eines Kindes, welches verloren gegangen ist, und selbst nichts lieber will als nach Hause, ist daher etwas ganz anderes als ein Kind wieder nach Hause zu zwingen, welches weggerannt ist. Ersteres ist normalerweise ein einmaliger Akt, und es ist billiger, weil das Kind kooperieren wird. Außerdem ist auch die Arbeit selbst sehr viel zufriedenstellender – fast jeder hilft gerne einem Kind, den Weg nach Hause zu finden. Aber wer mag schon ein Kind als Gefangenen, der jede Gelegenheit zum Abhauen nutzen wird und seine Unlust offen zeigt, bei Eltern abzuliefern, die es hasst, und vermutlich nicht ohne guten Grund?

Andersherum sieht es mit der Bereitschaft der Eltern aus, dafür zu zahlen. Die meisten Eltern dürften bereit sein, sehr viel Geld zu zahlen, damit ein verlorengegangenes Kind wiedergefunden wird. Aber die Möglichkeit, dass ihr Kind sie einmal hassen könnte, so sehr, dass es von zu Hause ausreißt, kommt vielen Eltern bei Vertragsabschluss gar nicht erst. Da werden sie kaum bereit sein, viel zu zahlen.

Und damit dürfte klar sein, dass die Sicherheitsfirmen ein Angebot machen werden, bei dem das gewaltsame Zurückbringen von Ausreißern nicht im Preis einbegriffen ist. Für das gewaltsame Zurückbringen von Ausreißern müsste hingegen extra gezahlt werden. Und dies nicht wenig.

Dies vor allem auch deshalb, weil das Kind möglicherweise Adoptiveltern findet, die bereit sind, ihrer Sicherheitsfirma für den Schutz des Kindes zu zahlen. Die Kosten dafür wären in etwa dieselben wie für den Schutz eigener Kinder, da normalerweise bei adoptierten Kindern keine zusätzlichen Kosten für die Sicherheitsfirma auftreten dürften.

Für das gewaltsame Zurückbringen eines Ausreißers müsste eine Sicherheitsfirma also mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit mit einem teuren Konflikt mit einer anderen Sicherheitsfirma rechnen.

Das übliche Modell libertärer Sicherheitsfirmen geht davon aus, dass diese sich untereinander auf Rechtsprinzipien einigen werden, nach denen sie handeln, und so Konflikte verhindern oder zumindest minimieren. Welche Einigung ist nun für beide Firmen besser? A: Kind gehört Eltern, oder B: Kind hat Recht wegzurennen?

Das Recht Wegzurennen vermindert sehr radikal die Rechtsfindungskosten: Man fragt das Kind, zu wem es will, und damit ist der Fall geklärt.

Es vermindert die Vollzugskosten: Das Kind kommt willig mit, versuch nicht abzuhauen, wird nicht gleich morgen wieder wegrennen, so dass man es dauern einfangen muss, vielleicht braucht man es, nachdem es den Weg weiß, nicht einmal begleiten.

Es entfallen auch alle Rechtsfindungskosten bei Scheidungen: Gehört es Vater oder Mutter? Es entscheidet selbst.

Adoptiveltern werden das Recht Wegzurennen deutlich vorziehen, und bereit sein, dafür Kosten in Kauf zu nehmen. Diese Kosten dürften das, was Eltern für ein Eigentumsrecht zu zahlen bereit sind, klar übertreffen: Beim Vertragschließen gehen sie ja davon aus, dass ein Wegrennen des Kindes für sie persönlich irrelevant ist.

Wenn man (was als Modell auch populär ist) die natürliche Verknüpfung von Sicherheitsfirmen mit Versicherungen betrachtet, bei der die Sicherheitsfirma ein Schmerzensgeld zahlt, wenn die Sicherheitsleistung nicht erbracht wird, dürfte die Situation noch klarer werden: Welche Firma wäre bereit, irgendwelchen Rabeneltern Prämien zu zahlen, wenn die es so übertreiben, dass die Kinder ihnen wegrennen? Die Missbrauchsgefahr wäre viel zu groß. Es wäre also sicherlich eine Klausel im Vertrag, der Prämienzahlung ausschließt, wenn das Kind aus eigenem Willen wegrennt und selbst nicht mehr nach Hause will. Da normale Eltern davon ausgehen, dass so etwas bei ihnen selbst nicht vorkommen wird, werden sie damit keine Probleme haben. Und in diesem Fall ist die Firma (da sie keine Prämie im Fall des Misserfolgs zahlen muss) auch nicht interessiert daran, die Kids einzufangen.

Hinzu kommt natürlich die ethische Betrachtung. In einer libertären Gesellschaft ist die Selbstbestimmung ein hoher Wert. Auch ist nicht zu erwarten, dass einer solchen Lösung allzu viel Widerstand entgegenschlägt. In traditionelleren Gesellschaften der Dritten Welt besteht das faktische Recht des Kindes auf Weglaufen durchaus noch, auch wenn die Tradition den Eltern noch so viel Macht zuspricht, moderne westliche Gesellschaften hingegen werten die Rechte von Kindern immer höher.

Daher erscheint es mir höchst plausibel, dass sich das Recht des Kindes auf Weglaufen in einer libertären Gesellschaft auch durchsetzt.