Archiv für November 2011

Oasologie

Unter dieser Überschrift gab es in der Freiheitsfabrik einen interessanten Artikel, der mich motiviert hat, ein paar ältere Gedanken zu diesem Thema aufzuschreiben.

Das Problem der „Oasologie“ ist das des Ausdenkens von extremen Situationen um ethische Prinzipien zu testen. In diesem Fall wird das Prinzip des Eigentums mit dem Extrembeispiels des Oasenbesitzers getestet, dessen Oase von Tausenden von Verdurstenden umgeben ist.

Die Gefahr solcher Extrembeispiele ist ziemlich klar zu sehen: Hat man erstmal akzeptiert, dass Eigentum nicht absolut ist, dann geht es in der Diskussion „nur noch“ um die Grenzen des Eigentums, wo halt der eine etwas engere und der andere etwas weitere Grenzen sieht. Vom libertären Unterschied zwischen einvernehmlicher Zusammenarbeit und staatlichem Raub ist nichts mehr übrig – so scheint es zumindest.

Trotzdem, generell ist nichts daran auszusetzen, sich bei jeder Theorie, egal ob naturwissenschaftlich oder ethisch, die Extreme anzuschauen. Denn an den Extremen kann man am leichtesten erkennen, dass die Theorie falsch ist. Denn die Extreme reduzieren die verschiedensten anderen Einflüsse, die im Normalfall ein Urteil so schwer machen, auf ein Minimum, und es bleibt eine auch konzeptionell viel einfachere Situation übrig.

Das Betrachten von Extremen ist daher generell eine sehr gute Idee, und Teil der wissenschaftlichen Methode. Und es ist auch ein wesentlicher Bestandteil des Popperschen kritischen Rationalismus, der zwar auch in der Wissenschaft anwendbar ist, aber auch darüber hinaus, insbesondere auch in ethischen Theorien, anwendbar ist.

Was ist aber nun konkret mit unserer Oasologie? Nun, insbesondere im noch weiter zugespitzten Extrems des einzelnen Verdurstenden, dem der Eigentümer der Oase das Wasser verweigert, wird klar, dass ein absolutes Eigentumsrecht nicht den natürlichen ethischen Intuitionen entspricht.

Aber warum sollte man auch so ein absolutes Eigentumsrecht akzeptieren? Als kritischer Rationalist habe ich keine besondere Sympathie für absolute, unbezweifelbare Wahrheiten, und während es auf dem Gebiet der Naturwissenschaft ja absolute, menschenunabhängige Gesetze gibt – nur dass wir nie sicher sein können, sie zu kennen – kann man mit Stirner schon über die Idee absoluter ethischer Gesetze lachen.

Heißt dies aber nun, alles wäre egal, nur eine Frage der Macht? Im Prinzip zwar schon. Erschreckt? Kein Grund, denn die Frage ist eben, was daraus für die Praxis folgt. Ich mache, was mir nutzt. Mir nutzt Kooperation. Kooperation aber funktioniert nur, wenn man vertrauen kann. Also muss ich mich einschränken, denn nur mit Selbsteinschränkung kann ich andere zur Kooperation mit mir bewegen. Und die wichtigste Form dieser Selbsteinschränkung ist, die Freiheit des anderen und sein Eigentum zu akzeptieren.

Und was ist nun mit der Oasologie? Nun, ich schlage meinen Kooperationspartnern eine einfache und sinnvolle Einschränkung des Eigentumsrechts vor: Wenn es für mich extrem wichtig ist, insbesondere um zu überleben, werde ich die Eigentumsrechte anderer möglicherweise verletzen. Aber in diesem Fall verpflichte ich mich, den Schaden später, so schnell es geht und so gut ich es kann, wieder gutzumachen. Und ich biete, nach der Goldenen Regel, meinen Partnern dasselbe an: Wenn sie in einer extremen Notlage sind, können sie mein Eigentum verwenden, um ihr Leben oder ihre Gesundheit zu retten, wenn sie es danach wieder zurückgeben, oder zumindest alles tun, was sie können, um es mir zurückzugeben.

Das hier vorgeschlagene ethische Prinzip – Eigentum ist zu beachten, allerdings mit Ausnahmen in Notfällen, die allerdings danach wieder gutzumachen sind durch den, der sie verletzt hat – hat nicht die Schwierigkeiten, die der absolute Eigentumsbegriff hat. Hier fällt es den Verteidigern staatlicher wiederholter Dauerenteignung schon erheblich schwerer fallen, ein Extrembeispiel zu konstruieren.

Allerdings, unmöglich ist es nicht. Und das Oasologie-Beispiel ist schon nahe daran. Die einzige natürliche Wasserquelle der Gegend gehört einem einzigen Menschen, und tausend andere Menschen sind am Verdursten. Was folgt in dieser Situation?

Wenn es um das eigene Leben geht, so ist ziemlich klar, dass man sich nicht an die Grenzen von Eigentumsregeln halten wird. Denn das Eigentum ist je kein Selbstzweck und kein göttliches Gebot, sondern es wird als Methode begründet, die uns hilft, ein möglichst gutes Leben zu führen: Gesellschaften ohne Privateigentum sind einfach weitaus schlechter zum Leben – man lebt dort ärmer und unfreier. Aber wenn Eigentum so begründet ist, ist ja klar, dass man, wenn die Akzeptanz fremder Eigentumsrechte den eigenen Tod bedeuten würde, diese Methode, ein gutes Leben zu führen, zumindest zeitweilig, solange die Gefahr für das eigene Leben besteht, aufgeben sollte. Denn alles andere hieße ja, einer Methode auch dann weiter zu folgen, wenn sie ihr ursprüngliches Ziel gar nicht mehr erreichen kann.

Und so ist es natürlich für die tausenden Verdurstenden, dass sie sich vereinigen und den unwilligen Eigentümer des Wasser einfach enteignen.

Ganz abgesehen davon ist Eigentum an beschränkten natürlichen Ressourcen weitaus problematischer als Eigentum an dem, was man selbst, mit eigener Arbeit, erschaffen hat, oder was man für die Ergebnisse eigener Arbeit von anderen legitimen Eigentümern eingetauscht hat. Selbst eigentumsfeindliche Ideologien wie der Marxismus verwenden ja in der Begründung ihrer Ideologie die Idee, dass dem Arbeiter das Produkt seiner eigenen Arbeit voll zustehe.

Allerdings gilt auch für natürliche Resourcen, dass sie am besten und nachhaltigsten dann entwickelt werden, wenn sie sich in privatem Eigentum befinden. Und daher gilt auch in diesem Fall, dass sich eine Verletzung von Eigentumsrechten nur durch Notsituationen der extremeren Art rechtfertigen lässt.

Hinzu kommt die Frage der Entstehung des Eigentumsanspruchs. Wo Eigentum historisch durch Eroberung entstanden ist, was fast immer der Fall ist, und auf dieser Grundlage extreme Unterschiede zwischen, sagen wir, wenigen Großgrundbesitzern und einer Vielzahl landloser Bauern gibt, Bauern, deren früheres Eigentum möglicherweise einfach von der Regierung enteignet wurde, gibt es auch keinen guten Grund, diese Eigentumsverhältnisse als legitim anzuerkennen.

Auch dies ist allerdings ein höchst zweischneidiges Schwert: Denn auch Großgrundbesitzer tun etwas für ihr Eigentum, investieren in ihr Land, sorgen dafür, dass es langfristig fruchbar wird, im Vertrauen auf ihr Eigentumsrecht daran. Dieses Vertrauen zu zerstören bedeutet immer auch, nützliche und wichtige Investitionen in das Land zu riskanten Spekulationen zu machen und somit faktisch zu verhindern.

Das von den Libertären favorisierte Prinzip des Eigentumserwerbs durch eigene Nutzung vorher ungenutzten Landes ist ja leider auch nicht so unproblematisch. Ist beispielsweise die Nutzung eines Waldgebietes als Jagdgrund durch die Indianer eine solche Eigentum verschaffende Nutzung? Ist es die heutige Nutzung als Naturreservat?

Allerdings, wie auch immer man sich in solchen Fragen entscheidet: Wenn es effizientere Methoden der Nutzung gibt, werden sich diese auf dem Markt durchsetzen. Auch bei einem Respektieren der Rechte der Indianer auf ihre Jagdgründe wäre es den Siedlern möglich gewesen, notfalls im Tausch gegen einen Teil der Ernte Landeigentum für eine effizientere landwirtschaftliche Nutzung zu erwerben.

Und daher kann ein Verstoß gegen Eigentumsrechte nicht mit einem solchen Wandel in der Technologie begründet werden. Wo immer es eine neue Technologie gibt, die ein Gebiet effizienter nutzen kann, kann dies im Einvernehmen mit den bisherigen Eigentümern geschehen – entweder über Kauf des Bodens, oder über Kredite an die Eigentümer, damit diese selbst die neue Technologie einsetzen können, oder auch über Beteiligungen an gemeinsamen Unternehmen, in die die alten Eigentümer Land und andere notwendiges Kapital einbringen.

Damit bleiben aber Verletzungen von Eigentumsrechten auf Ausnahmesituationen beschränkt, Situationen, in denen den Betroffenen zum eigenen Überleben nichts anderes übrigbleibt, als bestehendes Eigentum zu verletzen. Für regelmäßige, dauerhafte Verletzungen von Eigentumsrechten, und dies nicht einmal bei natürlichen Ressourcen, sondern bei Arbeitseinkommen, sehe ich keine Grundlage aufgrund solcher Extrembetrachtungen.