Archiv für Mai 2012

Verdrehte Würde

Bei den Piraten fand ich folgendes (unüberprüfte) Zitat:

Heiner Geißler: „Menschen zu degradieren zu Kostenfaktoren ist der größte Angriff auf die menschliche Würde.“

Phrasen, die den Begriff „menschliche Würde“ enthalten, sind natürlich generell höchst suspekt. Sie stehen allerdings in einer langen Tradition, die auf der wohl unglücklichsten Formulierung des Kantschen Imperativs beruht:

„Handle so, dass du die Menschheit sowohl in deiner Person, als in der Person eines jeden anderen jederzeit zugleich als Zweck, niemals bloß als Mittel brauchst.“

eine Formulierung, die sich in ihrer Diffusität und Schwammigkeit klar von anderen, viel klareren Formulierungen absetzt, wie z.B.

„Handle so, dass die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könne.“

Aber zurück zur obigen Phrase. Man kann natürlich zu Geißlers Gunsten mal annehmen, dass das nur eine hohle Phrase ist und weiter nichts. Bei Politikern ja die Regel. Aber was, wenn es das nicht ist? Was wäre die eigentliche inhaltliche Bedeutung einer solchen Phrase?

Um das herauszufinden, formuliere die Phrase erstmal als Frage um: Wie will ich von Geschäftspartnern behandelt werden – als Mensch oder als Kostenfaktor? Wie hängt dies mit meiner Würde zusammen?

Was wäre eine Behandlung als Kostenfaktor denn praktisch: Es bedeutet, die Geschäftsbeziehung funktioniert, solange ich dem Geschäftspartner keine Kosten verursache, also solange er aus der Kooperation mit mir eigenen Vorteil zieht. Ist die Beziehung nicht mehr von Vorteil für ihn, bricht er sie ab. Mehr ist nicht dahinter: Ich bin ein Kostenfaktor, und die Beziehung bricht ab, wenn die Kosten höher sind als sein Nutzen.

Was ist die Alternative – als Mensch, statt als Kostenfaktor, behandelt zu werden? Die Antwort ergibt sich recht eindeutig in einer Situation, in der die Kosten für ihn den Nutzen übersteigen, bricht er eben nicht die Beziehung zu mir ab, sondern setzt sie fort, mit Verlust für ihn selbst. Warum? Nicht aus eigennützigen Gründen, also beispielsweise, weil er der Überzeugung ist, seine Treue zu mir würde ihm später nutzen, weil ich sie mit Treue zu ihm zurückgeben werde, weil dies das Betriebsklima verbessert usw.. Dies wäre nur eine Variante der Eigennützigkeit, eine langfristigere, gescheitere, aber trotz alledem nur eine Verallgemeinerung, in der ich immer noch „nur Kostenfaktor“ bin, nur Mittel zum Zweck.

Denn der Unterschied kann nur allein mit meiner Person zu tun haben – mit mir als Mensch statt als Kostenfaktor.

Worin kann dieser Unterschied bestehen? In seiner Reaktion auf Fakten aus meinem menschlichen Leben, die mit unserer Geschäftsbeziehung nichts zu tun haben, ihm also keine Kosten und keinen Nutzen bringen. Also aus meinem Privatleben.

Mit anderen Worten, er schmeißt mich nicht raus, weil er für die reine Geschäftsbeziehung irrelevante Fakten aus meinem Privatleben kennt und berücksichtigt – Krankheiten, Familiensituation, sonstige private Probleme. Fakten, die ihn eigentlich nichts angehen. Trotzdem, Menschen sind oft geneigt, solche Informationen, wenn sie ihnen vorliegen, zu berücksichtigen. Sie berücksichtigen sie beispielsweise auch in einer anderen Situation – bei Bettlern. Dem Bettler spendet man etwas, weil man mit ihm als Menschen Mitleid hat. Würde man ihn zum Kostenfaktor reduzieren, würde man nichts spenden, oder nur im Fall aggressiven Bettelns, wenn man sich die Befreiung von der Belästigung erkauft.

Und, wenn man jetzt wieder zur Geschäftsbeziehung zurückkommt, stellt man fest, dass es genau das ist, worum es geht: Behandelt mich der Geschäftspartner anders, besser, wenn er etwas aus meinem Privatleben berücksichtigt, dann ist dies nichts anderes als eine Spende für einen Bettler – für mich.

Nur, was gibt es, nach klassischen Vorstellungen von Würde, denn würdeloseres als einen Bettler?

Der Verbrecher wird bestraft – aber seine Würde kann man ihm nicht nehmen: Klassische Unterschiede in der Art der Hinrichtung (Erhängen statt Erschießen) haben zwar dieses Ziel, nur wirkt dies nur gegenüber denjenigen, die auf diese staatlichen Ehrbegriffe Wert legen. Der echte Verbrecher behält seine Würde – kaum jemand wird beispielsweise Störtebeckers Tod als würdelos betrachten, und schon immer war das eigene Verhalten, das letzte Wort des Hingerichteten wichtiger für die Einschätzung seiner Würde als staatliche Schikanen drumherum.

Nein, der Würdelose ist – zumindest für den klassischen Würdebegriff – nichts anderes als der Bettler, egal, worum er bettelt, und unter welchen Bedingungen.

Was bedeutet dies nun für unsere Geschäftsbeziehung? Nun, ganz einfach: Wo immer ich nachweislich nicht als Kostenfaktor, sondern als Mensch behandelt werde, nehme ich Almosen entgegen, verhalte mich also wie ein Bettler. Und damit nach dem klassischen Würdebegriff unwürdig.

Und damit erweist sich die obige Phrase nicht nur als eine Verzerrung der Bedeutung (etwas, was jedem immer wieder passieren kann, weil die Bedeutung der Worte nicht festgeschrieben ist), sondern ist ein klassischer Fall einer direkten Umkehrung der Werte: Ein meine Würde achtendes Verhalten wird als Angriff auf meine Würde bezeichnet, ein wirklicher Angriff auf meine Würde hingegen als moralische Pflicht.

Ganz abgesehen von einem weiteren Aspekt: Dem Schutz meiner Privatsphäre. So degeneriert der moderne Würdebegriff auch ist – auch von ihm ist der Schutz der Privatsphäre als Teil der Menschenwürde anerkannt.

Aber damit mein Geschäftspartner mit überhaupt als Mensch, statt als Kostenfaktor oder Mittel zum Zweck, behandeln kann, muss er erst einmal überhaupt die Möglichkeit dazu haben. Und die hat er nur, wenn ich ihm diese Information überhaupt zukommen lasse. Solange ich das nicht tue, solange hat er nur die Informationen, die er braucht, um mich als Kostenfaktor bewerten zu können.

Mit anderen Worten, durch mein natürliches würdevolles Verhalten zwinge ich den Geschäftspartner, mich lediglich als Kostenfaktor zu behandeln, verhindere ich, dass er mich faktisch als Mensch behandelt – weil ich ihm die Informationen vorenthalte, die dazu nötig wären, mich als Mensch überhaupt einschätzen zu können.

Was ist aber nun das Ziel dieser Werteumkehrung? Wie oben schon gesagt, können wir solche Ziele nur unterstellen – beim einzelnen Politiker, der sich solcher Phrasen bedient, steht möglicherweise, sogar wahrscheinlich, nichts Überlegtes oder Durchdachtes dahinter, sondern nichts anderes als eben Phrasendrescherei. Daher ist eine Betrachtung über das Ziel dieser Umwertung eher eine Betrachtung darüber, was die Verwendung gerade dieser Art Phrase für die Phrasendrescher so besonders attraktiv macht.

Und dies ist in diesem Fall ihre antikapitalistische Stoßrichtung – der privaten Wirtschaft wird unterstellt, sie würde mich unwürdig behandeln, und dies auf eine Art, gegen die sie sich gar nicht wehren kann: weil der Würdebegriff verdreht wurde, wird das natürliche, meine Würde respektierende Verhalten des Marktteilnehmers ja zu einem meine Würde verletzenden Verhalten. Nur wenn ich mich selbst würdelos verhalte, meine Privatsphäre dem Geschäftspartner offenbare, in der Hoffnung, dass mir dies Vorteile bringt, ist der Geschäftspartner überhaupt in der Lage, mich wirklich, ohne moralische Verlogenheit, „als Mensch“ zu behandeln. Die moralische Verlogenheit einer Firma, die in ihrer Reklame vorgibt, mich „als Mensch“ statt „als Kostenfaktor“ zu behandeln, ist leicht erkennbar und durchschaubar – sie kann es gar nicht, weil ich ihr die dazu nötigen Informationen gar nicht gebe.

Die einzigen Institutionen, die überhaupt in der Lage sind, mich nach diesem verdrehten Würdebegriff „menschenwürdig“ zu behandeln, sind Institutionen, die meine Privatsphäre verletzen – sozialistische Institutionen. Und nur ein totalitärer, alles über mich wissender Staat kann mich in meiner Gesamtheit „als Mensch“ behandeln.

Die Angst vor Minderheiten

Ein recht typisches Argument fuer den Staat ist die Angst vor Minderheiten, wie sie sich in folgendem Argument ausdrueckt, welches ich unter dem Titel „Wider den Anarchismus“ gefunden habe:

Jede noch so verrückte und geisteskranke “fringe group” kann ein eigenes Rechtssystem auf die Beine stellen (Es sei denn, es gäbe eben eine übergeordnete Instanz, die entscheiden dürfte welche Rechtsinstanzen überhaupt rechtens sein können. Ergo ein Staat. Was ja aber nicht sein darf in AnCapistan.) So werden bspw. Taliban ihre islamistischen Gerichte gründen oder Päderasten Instanzen, die sexuellen Missbrauch an Schutzbefohlenen erlauben werden. Auch wenn die Mehrheit oft irren vermag, so hat die Demokratie doch einen Vorteil: Solche Extremisten, egal welcher Couleur, werden an den Rand gedrängt. Der Staat toleriert ihr Verhalten nicht, sogar selbst dann wenn es “einvernehmlich” wäre. Der Staat hat so die Macht bspw. den Kannibalen von Rottenburg einzusperren. In AnCapistan käme dieser aber davon, da das Opfer ja „einverstanden“ war und es vielleicht sogar entsprechende Kannibal-Rechtsinstanzen gäbe.

Was ist dagegen zu sagen? Das erste, was mir dabei in den Sinn kommt, ist, dass es keineswegs klar ist, dass es die Extremisten sind, die in einer Demokratie unterdrueckt werden. Anhaenger einer speziellen Religion, die von der Richtigkeit ihrer Religion so ueberzeugt sind, dass sie Vertreter anderer Religionen unterdruecken wollen, sind in jedem Fall Extremisten. Was man daran erkennen kann, dass ein friedliches Zusammenleben zwischen solchen Menschen nicht moeglich ist, wenn sie verschiedenen Religionen angehoeren. Aber wer will wirklich bezweifeln, dass solche Extremisten demokratische Mehrheiten erhalten koennen? Dass Hitler auf demokratische Weise an die Macht kam wird auch gerne vergessen. Also, bitte, etwas neutraler: Minderheiten werden an den Rand gedraengt. Aber, so formuliert, ist das ganze Argument kaputt.

Wie dann? Vielleicht so: Minderheiten koennen in einer freien Gesellschaft Enklaven bilden, wo sie Mehrheiten sind und ihre eigenen, moeglicherweise absurden, Moralvorstellungen als Standard durchsetzen koennen. Was ist daran schlimm? Dass einige dieser vielen Moralvorstellungen falsch, schlecht, gar verbrecherisch sind.

Nun, das sind sie natuerlich, wenn man sie nach der eigenen Moral bewertet. Aber vielleicht ist es ja die eigene Moral, die falsch, schlecht, oder gar verbrecherisch ist? Diese Frage steht fuer Vertreter solcher Ansichten selbstverstaendlich nicht – sie selbst sind natuerlich im Recht. Hoeflicherweise gibt man zu, dass das vielleicht auch nicht der Fall sein koennte: „Auch wenn die Mehrheit oft irren vermag“. Aber es folgt nichts daraus. Insbesondere nicht, dass dann, wenn die Mehrheit irrt, in der Demokratie allen Unrecht geschieht, waehrend in Ancapistan nur die Mehrheit darunter leiden muss, die Minderheit hingegen ein positives Beispiel geben kann.

Vor allem aber: Wer in Ancapistan nicht dem Mainstream folgt, kann ja doch nicht einfach machen was er will. In meinem System bekennt sich jeder offen zu den Regeln, die er akzeptiert. Also bleibt unserem Kannibalen zwar die Moeglichkeit, Kannibalismus offen als sein Recht zu betrachten. Aber damit gibt er allen anderen Menschen die Information darueber, was er will. Und damit die Chance, sich von ihm abzugrenzen, bevor er sich an Menschenfleisch ergoetzt.

Bei allen wirklich gefaehrlichen Sachen ist dies aber voellig ausreichend: Die potentiellen Opfer werden gewissermassen vorgewarnt. Die Perversen moegen ihre Enklaven haben – aber niemand muss dort hineingehen.

Bleibt das Druecken auf die Traenendruese wenn es um Kinder geht. Um KINDER!!! Nun, wenn ich mir ansehe, was fuer Perversitaeten der Mainstream gerade Kindern in der Vergangenheit angetan hat, von brutalen Pruegelorgien als Erziehungsstandard bis zum Kampf gegen die Onanie, dann habe ich fuer die These, der Mainstream habe hier mit groesserer Wahrscheinlichkeit recht als Minderheiten, nur Verachtung uebrig. Und wer meint, die heutige Erziehung sei, im Gegensatz zur Vergangenheit, bereits das Wahre, ist einfach nur dumm, befangen im naiven Glauben jeder Zeit, sie haette die Wahrheit gepachtet. Denn in hundert Jahren (aber hoffentlich schon frueher) werden sich die Leute genauso entsetzt ueber die heutigen Erziehungsmethoden aufregen wie wir uns ueber die Perversitaeten der schwarzen Paedagogik heute. Oder etwa nicht? Wie, meinen Sie wirklich, man wird ewig Kinder nach sinnlosen Lehrplaenen zwangsbeschulen, obwohl doch schon heute jedem klar ist, dass ein Kind nur dann effektiv lernt, wenn es sich selbst fuer das Thema interessiert? Aber genug der Abschweifung. Dass gerade im Umgang mit Kindern demokratischen Politikern, die selbstverstaendlich an der Manipulation der nachfolgenden Generation interessiert sind, am allerwenigsten zu trauen ist, sollte jedem denkenden Menschen klar sein.

Also, finden wir uns damit ab, dass Minderheiten auch ihre Kinder, nach ihren eigenen perversen Moralvorstellungen erziehen werden. Und vertrauen wir auf das freie Internet, wo auch die Kinder von Ancapistans Minderheiten unzensiert all die Informationen bekommen werden, die sie benoetigen.

Wer die bessere Moral hat, und wer mit seinen Kindern besser umgeht, wird dann die Erfahrung zeigen. Eine Erfahrung, in der es nicht danach geht, wer die besseren Waffen hat, um den Unterlegenen die Kinder wegzunehmen und in Heimen grosszuziehen, sondern danach, wo sie gluecklicher zu gluecklicheren und erfolgreicheren Erwachsenen heranwachsen.