Archiv für Oktober 2012

Grundrechte in einer rationalen Ethik

Florian K. fragte mich in einem Kommentar:

Wenn Sie das Eigentumsrecht als eine Form von Naturrecht betrachten, für das es legitim ist, Zwang einzusetzen, aber anderen Rechten wie z.B. Gleichheitsrechten nicht diesen Status zugestehen, dann würde mich Ihre Begründung dafür doch sehr interessieren.

Eine schwierige Frage, und einen eigenen Artikel wert, weil es so einfach nicht ist, meinen Standpunkt zum Naturrecht zu erklären.

Rationale Ethik

Da ist zum einen Max Stirner, der in seinem Klassiker „Der Einzige und sein Eigentum“ brutal-egoistische und zynische, aber logisch unabweisbare Argumente gegen klassische Moralvorstellungen so ziemlich egal welcher Art liefert. Danach noch von irgendeiner für alle gleichen obligatorischen Moral zu träumen verbietet sich eigentlich von selbst. Will man jemanden davon überzeugen, moralisch anständig zu handeln, bleibt eigentlich nur eine Alternative: ihn davon zu überzeugen, dass dies in seinem eigenen Interesse ist. Da gibt es viel, worauf man ihn hinweisen kann, und was ihn davon abhalten kann, einfach so direkt seine Wünsche durchzusetzen: die verschiedensten rational zu erwartenden Risiken, Nebenwirkungen und Langzeiteffekte. Kompliziert, die alle abzuschätzen – oft genug wird man sich mit groben Abschätzungen begnügen müssen. Aber wenn wir das könnten, und mal von schwachem Willen und Suchtproblemen absehen, würden wir das natürlich alle machen – ist ja schließlich im eigenen Interesse.

Und deswegen ist das ein Satz von ethischen Regeln, gegen den auch Stirners Logik nichts einzuwenden hat. Außerdem haben wir damit eine recht objektive Grundlage für die Moralentwicklung: Meine Wünsche sind mir bekannt, die Umstände sind objektiv gegeben, die Frage, welche Strategie optimal ist, um meine Wünsche möglichst gut zu realisieren, ist damit eine im Prinzip wissenschaftliche Frage. Dies ist also ein rationales System von ethischen Regeln, eine rationale Ethik.

Rationale Ethik ist das was ich brauche. Allerdings, zu einem taugt sie nichts: Anderen Vorschriften zu machen, deren Einhaltung lediglich einem selbst nützt. Dies ist leider eine weit verbreitete Anwendung von Ethik, und so ist es kein Wunder, dass rationale Ethik nicht besonders populär ist.

Was ist mit Utilitarismus und Naturrecht?

Den Utilitarismus in seiner klassischen Form kann man somit schon einmal vergessen. Wenn irgendwas die größte Zahl glücklich macht, aber nebenbei eine Minderheit unglücklich, wird dies nicht dazu geeignet sein, diese Minderheit davon zu überzeugen. Sie wird sich, zumindest wenn sie dazu in der Lage ist, wehren. Und nichts liegt mir ferner als sie deswegen als unmoralisch zu verurteilen.

Müssen wir aber deshalb gleich ins Gegenteil umschlagen und alles was nach Utilitarismus riecht verwerfen? Dazu gibt es auch keinen Grund. Wenn der Nutzen der Mehrheit groß genug ist, auch die Kosten durch den Widerstand der Minderheit in Kauf zu nehmen, wird der Widerstand der Minderheit wenig nützen. Nur weil sich Sadisten möglicher unterdrückt fühlen, wenn Vergewaltigung bestraft wird, werden Vergewaltigungsopfer kaum auf Bestrafung der Vergewaltiger verzichten. Ihr Eigeninteresse am Schutz vor Vergewaltigung ist einfach zu groß.

Trotzdem hat der zu erwartende Widerstand derer, die unter utilitaristisch nützlichen Maßnahmen leiden, Auswirkungen, und so einiges, was utilitaristisch gesehen nützlich wäre, ist deshalb überhaupt nicht zu empfehlen – berechnet man die Folgen des Widerstandes mit ein, schadet es nämlich mehr.

Das ist die eigentliche Idee hinter dem Konzept der Grundrechte: Die sind einfach das, was man denen, die bei utilitaristisch begründbaren Maßnahmen verlieren, besser doch nicht nehmen sollte – weil es ansonsten für sie sinnvoll ist, sich mit allen Mitteln, selbst mit Gewalt, zu wehren, und dies jeden Nutzen, der sich ohne solchen Widerstand ergeben würde, vernichten würde.

Sind das dann aber sowas wie Naturrechte? Auch nicht. Wenn man „Naturrecht“ hört, assoziiert man natürlich etwas, was allen auf die gleiche Art zusteht. Aber ist das in der obigen Situation der Fall? Eindeutig nicht. Wenn man einem Durchschnittsbürger SM-Spiele verbietet, wird ihm das recht egal sein, verbietet man es einem Sadisten, könnte dies katastrophale Auswirkungen haben – er könnte, statt legal einvernehmliche SM-Spiele mit Masochisten zu spielen, zu realen Vergewaltigungen übergehen – verboten wäre ja eh beides, seine Befriedigung bei der realen Vergewaltigung jedoch möglicherweise größer. Für Durchschnittsbürger könnte es hingegen im Prinzip strategisch nützlich sein, auf SM-Spiele zu verzichten, sagen wir mal aufgrund von Unfallgefahren, die so verringert werden.

Trotz dieser Einschränkungen kann man aber sowohl utilitaristische als auch naturrechtliche Argumente verwenden – als Teil der rationalen Argumentation im Rahmen rationaler Ethik. Der Anwendungsbereich solcher Argumente ist halt begrenzt – wo der Utilitarist Grundrechte einschränken will, oder der Naturrechtler irgendwelche absoluten Rechte einfordert, wird man ihm nicht folgen.

Was ist nun mit dem Eigentum?

Florian K. argumentierte in seinem Kommentar:

Schließlich ist das, was man als Eigentumsrecht betrachtet alleine schon von Mensch zu Mensch und von Kultur zu Kultur verschieden. Manche halten das geistige Eigentum für schützenswertes Eigentumsrecht, während Sie Copyrights ablehnen. Nordamerikanischen Ureinwohnern hingegen mag, als die ersten europäischen Eroberer kamen, die Vorstellung, jemand könnte Eigentum an einem Stück Land erwerben, völlig absurd erschienen sein.

Diese kulturelle Verschiedenheit der Eigentumsbegriffe ist durchaus ein gutes Argument gegen absolute Eigentumsrechte, wie sie von manchen Libertären vertreten werden. Mit solchen absoluten Auffassungen habe ich allerdings nichts im Sinn. Behauptungen, man könne ethische Prinzipien unbedingt und zweifelsfrei letztbegründen, lehne ich ganz explizit ab, beispielsweise in meinem Artikel „Das Letzte über die Letztbegründung“.

Also, ob und welche Formen von Eigentum man akzeptiert und verteidigt, ist für mich im Prinzip eine pragmatische Frage – wie allerdings auch alle sonstigen Grundrechte. Und so verwende ich, wenn ich konkrete Eigentumsformen ablehne, auch ohne Probleme pragmatische, utilitaristische Argumente – wie beispielsweise in meiner Polemik „Patentrecht ist ein Verbrechen“. Es hängt also von dem, was erreicht werden soll, und den praktischen Methoden, die zur Verfügung stehen, ab, ob und welche Formen von Eigentum sinnvoll sind.

Trotzdem, bei einigen Formen von Eigentum sind die Argumente gut genug, um sie als Teil der Grundrechte oder als Naturrecht anzusehen. Wenn diese Eigentumsrechte eingeschränkt oder gar abgeschafft werden, lohnt es sich für jeden, mit allen verfügbaren Mitteln Widerstand zu leisten.

Die Veränderbarkeit der Grundrechte

Nicht zu unterschätzen ist an dieser Stelle das „mit allen verfügbaren Mitteln“ – ein Punkt, der zeigt, dass das, was nach diesem Grundrechtsbegriff ein Grundrecht ist, von unseren eigenen Möglichkeiten, unseren Mitteln zur Verteidigung, abhängt. Und diese Mittel ändern sich mit der Zeit, und in der heutigen Informationsrevolution sogar sehr schnell und in höchst wichtigen Fragen. Und so kann etwas, wovon wir heute nur in wilden Phantasien träumen, schon bald ein solches Grundrecht sein – einfach weil wir die Mittel haben werden, es zu verteidigen.

Beispielsweise entsteht auf diese Weise augenblicklich ein Grundrecht auf Informationsbeschaffung und Verbreitung, welches weit über die gute alte Meinungsfreiheit hinausgeht, weil sie auch all die Informationen umfasst, die viele Leute, auch Leute mit viel Macht, überhaupt nicht gerne verbreitet sehen wollen. Nur, sie haben die technischen Mittel einfach nicht mehr, die Verbreitung im Internet zu verhindern. Ihnen bleibt als Alternative nur das vollständige Verbot von Verschlüsselung, samt harten Strafen auch nur bei Verdacht, weil durch Steganographie und Verbreitung von Scheinbeweisen durch Viren alles was darunter bleibt leicht zu umgehen ist – und dies ist ein Grad der Unterdrückung, der wohl doch nicht mehr durchsetzbar ist.

Und damit wird das Recht, sich beliebige Daten zu beschaffen, zum grundlegenden, fundamentalen Eigentumsrecht. Nicht wegen abstrakter Betrachtungen über das Wesen des Eigentums, sondern weil eine Gesellschaft, in der es anders läuft, eine Orwellsche Horrorvorstellung ist, gegen sich mit allen Mitteln zu wehren höchst ratsam ist.

Und ich sehe weitere ähnliche neue Grundrechte in der Zukunft entstehen. Beispielsweise wird das Bankgeheimnis wieder zu einem solchen Grundrecht werden, wenn sich ein Bankensystem im Darknet außerhalb jeder staatlichen Kontrolle bildet. Die Banken des Darknets werden selbstverständlich ihren Kunden ein Bankgeheimnis gewähren müssen, wenn sie überhaupt Kunden finden wollen. Und wenn der Staat – auch hier aus Gründen der technischen Unmöglichkeit – dagegen nichts tun kann, wird dies zum selbstverständlichen Grundrecht. Und dieses Grundrecht werden dann auch die heute vom Staat kontrollierten Banken wieder akzeptieren.

Und mit dem Recht auf das Bankgeheimnis entsteht ein weiteres Recht – das Recht auf unbesteuerte Einnahmen. Denn was der Staat gar nicht kennt, das kann er nun einmal nicht besteuern.

Für irgendwelche Gleichheitsrechte sehe ich hingegen keine Chance. Eine gleichmacherische Gesellschaft müsste den Einzelnen bis ins Detail kontrollieren, um überhaupt die Ungleichheiten herauszufinden, die sie beseitigen will. Und eine solche universelle Kontrolle ist etwas, was bei den heutigen technischen Kontrollmöglichkeiten ein so grässliches Orwellsches Horrorszenario ist, dass man sich auf jeden Fall dagegen wehren sollte – und das wirklich mit allen Mitteln.

Und so weiter, und so fort. In einer Welt, die sich so schnell ändert wie die heutige Welt, und in der sich das, was man tun kann, so schnell ändert, ändert sich auch die Moral, auch das, was gut und schlecht im Sinne rationaler Moral ist.

Für die Moral der Zukunft sehe ich Wiederbelebung einer ganz alten Moral voraus – der Moral der persönlichen Ehre, des eigenen Wortes. Und auch hier sehe ich einen technischen Grund dafür, dass diese Moral wiederkommen wird – es ist die Möglichkeit, dass von einem Wortbruch in der Informationsgesellschaft jeder erfahren kann. Das Internet vergisst nichts. Und ein Wortbruch ist etwas, was jedem Menschen wichtig ist, der vor der Frage steht, ob er mit jemandem einen Vertrag abschließen sollte. Er wird es sich dreimal überlegen, und nur noch zu sehr viel härteren Bedingungen dazu bereit sein, wenn er erfährt, dass der andere sein Wort bereits gebrochen hat. Die Frage hingegen, ob jemand gegen irgendwelche staatlichen Gesetze verstoßen hat – ob er mal gekifft hat beispielsweise – wird ihn dabei überhaupt nicht interessieren.

Und in solch einer Situation wird es natürlich für den Einzelnen sehr viel sinnvoller und wichtiger sein, darauf zu achten, dass er sein eigenes Wort hält, als darauf, ob er damit gegen irgendwelche Gesetze verstößt.

Hat ein solches Verständnis von Recht und Ethik allzu viel mit Naturrecht zu tun? Ich denke, in einer gewissen Hinsicht schon. Einer der zentralen Gedanken des Naturrechts ist ja, dass es sich aus der Natur ableiten lässt – der Natur des Menschen natürlich vor allem, aber doch auch der sonstigen Natur, der Umgebung, in der der Mensch lebt. Und so dürfte der Gedanke, dass eine solche Änderung der „natürlichen“ Umstände, unter denen wir leben, wie sie die Informationsrevolution mit sich bringt, auch das Naturrecht verändert, dem Naturrechtsgedanken nicht so fremd sein.

Dass weder Naturrecht noch Utilitarismus meinem Konzept einer rationalen Ethik entsprechen, dürfte jedoch auch klar sein. Allerdings erscheint mir die rationale Ethik dem Naturrecht bedeutend näher zu sein als dem Utilitarismus, schon weil es näher am individuellen Recht des Einzelnen orientiert ist, während der Einzelne im Utilitarismus egal ist, wenn es nur der Mehrheit etwas nützt.

Gleichheitsrechte?

Florian findet, dass ich übersehe,

dass real bestehende Gleichheitsrechte nicht vom Himmel gefallen oder von einem böswilligen Staat oktroyiert worden sind, sondern das Resultat lang anhaltender Konflikte sind.

Was genau er unter „Gleichheitsrechten“ versteht, ist mir leider nicht klar. Gleichheit vor staatlichem Gesetz ist natürlich im staatlichen Rahmen etwas, wofür zu kämpfen sich lohnt und was auch moralisch legitim ist. Die Goldene Regel ist auch ein Gleichheitsrecht – eins, was ich für die Grundlage der anarchistischen Moral halte – Anarchie bedeutet eben Gleichheit aller auch gegenüber Organisationen wie dem Staat, also ein Verbot für Sonderrechte des Staates.

Und, ja, dieses Gleichheitsrecht ist eines, für das es sich lohnt zu kämpfen. Denn die Herrscher sind eben auch nur Menschen, haben im Durchschnitt auch keine besseren Fähigkeiten als die Unterdrückten, und damit ist ihre Herrschaft ja auch immer unsicher. In gewissem Sinne ist der Kampf für Gleichheit in diesem Sinn einfach nur ein extrem wichtiger Teil des Kampfes für Freiheit. Auch wenn Freiheit eben noch mehr bedeutet, sich nicht mit, sagen wir, der Gleichheit unter der Scharia zufriedengibt, und auch gewisse Formen der Ungleichheit – aufgrund verschiedener Fähigkeiten, Bedürfnisse, und Verdienste – auch akzeptiert.

Andererseits wird ja heute die populäre Losung der Gleichheit missbraucht für erhebliche gewaltsame staatliche Umverteilung einerseits und ungleiche Rechte unter dem Banner der faktischen Schaffung von Gleichheit durch Quoten, Diskriminierungsverbote und ähnliches. Aber diese Art von Gleichheit ist schädlich, für die gesamte Gesellschaft, aber normalerweise sogar für den, der auf ersten Blick davon zu profitieren scheint. Ich bin jedenfalls froh, ein Mann zu sein, so dass mir keinerlei Gefahr droht, irgendwann mal in den Verdacht zu geraten, nur eine dumme Quotenfrau zu sein.

Von solcher „Gleichheit“ zu unterscheiden wäre die Frage nach einer minimalen Umverteilung. Klar, wenn man vor der Wahl steht, zu Verhungern oder sich fremdes Eigentum anzueignen, ist es durchaus verständlich, wenn man sich für das Zweite entscheidet. Aber diese Frage steht für den Großteil der Menschheit gar nicht. Außerhalb dieses Extrems ist es jedoch nicht sinnvoll, fremdes Eigentum anzutasten – kurzfristig mag man profitieren, aber als langfristige Strategie taugt es nichts.

Oder vielleicht doch?

Ja gut, es sei denn, man macht als Teil der Staatsmacht gemeinsame Sache mit der gerade stärksten Verbrecherbande. Auch das ist eine kurzfristige Strategie – aber, insbesondere bei großen Staaten, mag der Zeithorizont vor dem Zusammenbruch lang genug im Vergleich zu einem Menschenleben sein, dass dies egal ist, und eine moralisch anständige Strategie wird nicht verhindern, dass man unter dem dann folgenden Zusammenbruch zu leiden hat. Demokratie, insbesondere in großen Staaten, ist eben ein Beispiel für Marktversagen, nämlich das Versagen des politischen, demokratischen Marktes.

Silk Road und so weiter

Unter dem Thema eigentümlich frei- Ein stramm rechtes Gesinnungsblatt mit libertärem Anteil gab es auch eine ganz nette Diskussion, bei der es von der ursprünglichen Frage wie rechts „eigentümlich frei“ nun eigentlich ist (ich sehe die eher als Libertäre mit der Idee eines Bündnisses mit eher rechten Kräften) bald abging und in Richtung Organisation libertärer Gesellschaften ging.

Als ein Beispiel gefragt war, erwähnte ich Silk Road – eine online-Plattform hauptsächlich für Drogenhandel im Darknet. Und es ergab sich die Frage, ob deren Geschäftsmodell was taugt:

Abgesehen davon ist das Geschäftsmodell trotzdem in meinen Augen großer Mist und ich gebe denen vielleicht 4 Jahre, dann hat entweder die DEA die Verantwortlichen ausfindig gemacht und ihnen den A… aufgerissen oder das Geschäftsmodell erledigt sich von alleine, da es Betrug begünstigt, trotz den Sicherungssystemen, die Sie erwähnt haben.
Denn wenn der Handel dort so läuft, wie von Ihnen beschrieben, so liegt das Risiko betrogen zu werden dann eben beim Anbieter und nicht beim Käufer, was am Fakt der Betrugsanfälligkeit letztlich wenig ändert.
Denn mal angenommen ich habe dort Drogen bestellt und habe sie mir an eine irgendwie abgesicherte Deckadresse zuschicken lassen. (wer ist schon so blöd, sich das Zeug an seine Hausanschrift schicken zu lassen?)
Dann behaupte ich einfach, ich hätte die Drogen nie erhalten. Das Paket sei nur mit alten Zeitungen ausgestopft gewesen. Ich verweigere also die Bestätigung des Empfanges. Und nun?
Bekommt der Dealer der mir die Drogen geschickt hat, dann sein Geld vom Escortservice trotzdem? Was wäre dann aber, wenn der Dealer tatsächlich nur alte Zeitungen verschickt hätte? Oder bekomme ich dann von dort mein Geld zurück und kann mich über mein Gratisdope freuen?
So oder so hätte das Geschäft ein einseitiges Betrugsrisiko.

Nun, ich kaufe dort keine Drogen, und sehe dies lediglich als Beispiel dafür, dass man im Darknet Sachen organisieren kann, die das reale Leben erleichtern, und das auch wenn der Staat was dagegen hat. Allerdings auch Käufer müssen dort erstmal eine gewisse Reputation erwerben, und wer sich so verhält wie beschrieben, dem verkauft einfach keiner was.

Wie lange sich Silk Road hält, kann ich natürlich nicht voraussagen. Es gibt ja durchaus Tricks, beispielsweise über Textanalyse, Leute die online sowohl unter Realname als auch unter Pseudonym genug schreiben zu identifizieren. Und jeder kann Fehler machen. Vom Geschäftsmodell her sehe ich allerdings keinen Grund für allzu große Befürchtungen. Die Plattformbetreiber selbst müssen ja beispielsweise niemals irgendwelche realen Kontakte aufnehmen.

Wie ich bereits ausgeführt habe findet auf Silk Road kein physisches menschliches Zusammenleben statt, auch wenn dort eventuell auch nichtvirtuelle Waren gehandelt werden. Demnach bleibe ich bei meiner Aussage, dass das Beispiel untauglich war.

Wieso untauglich? Es geht ja nicht um physisches Zusammenleben, was durch die Cyber-Agora verbessert werden kann, sondern um Methoden von Konfliktlösung und deren Durchsetzung. Wenn ich ein Reputationssystem habe, welches sichert, dass Wortbrüchige mit hoher Sicherheit in einer jedermann zugänglichen Liste landen, dann hat das erhebliche Auswirkungen auf das reale Leben. Denn man kann ja, wenn man selbst nicht vorhat zu betrügen, seine ganz realen Verträge im Rahmen dieses Systems abschließen, und hat dann Grund für Verdacht wenn der potentielle Partner sich weigert dort mitzumachen.

Genauso wenig haben Sie erklärt, wie sich diese Schiedsgerichte zusammensetzen sollen, wer sie legitimiert. Soll es jedem freistehen, selbst ein solches Schiedsgericht zu gründen? Sollen diese Schiedsgerichte ebenfalls freiwillige und private Organisationen sein?

Aber natürlich. Die Legitimation der Schiedsgerichte ist, dass die Vertragspartner sich auf sie einigen. Das reicht völlig aus. Ihre Aufgabe ist nicht die Durchsetzung von irgendwas, sondern lediglich die Entscheidung der Streitfragen selbst. Daher können sie auch völlig pseudonym im Darknet residieren und sich ihre Reputation lediglich durch ihre Entscheidungen schaffen.

Person A hat einen Vertrag mit Firma X, die seine persönlichen Rechte vor Angriffen schützt.
Person B hat einen vergleichbaren Vertrag mit Firma Y.
Person A ist der Meinung, dass Person B ihre Rechte verletzt hat. Firma X teilt die Meinung ihres Kunden.
Person B ist nicht der Meinung irgendwelche Rechte verletzt zu haben. Firma Y teilt die Meinung Ihres Kunden.
Firma X hat sich freiwillig der Rechtsprechung von Schiedsgericht 1 unterworfen. Schiedsgericht 1 stimmt Firma X zu.
Firma Y hat sich freiwillig der Rechtsprechung von Schiedsgericht 2 unterworfen. Schiedsgericht 2 stimmt Firma Y zu.

Die Schiedsgerichte sind Vertragsgerichte. Es gibt keinen Vertrag zwischen B und A. Es gibt nur einen zwischen A und X. A fühlt sich in seinen Rechten verletzt, durch B. Also sieht er in seinen Vertrag, was X in diesem Fall sich zu tun verpflichtet hat, und fordert das ein. Von X. Normalerweise wird dies eine Entschädigungszahlung sein. X fordert diese wahrscheinlich von B wieder ein, mit Drohung einer ansonsten abschreckenden Maßnahme. B fühlt sich bedroht und wendet sich an Y, weil sie einen Vertrag mit Y hat. Y war so dumm und hat B selbst wenn B solche Handlungen begeht Schutz versprochen. Den kann Y natürlich auf einfache Art und Weise leisten, indem sie selbst die Entschädigungszahlung leistet. Wozu sie möglicherweise von ihrem Schiedsgericht verdonnert wird. Haben die Firmen selbst untereinander Verträge – was zu erwarten wäre – dann klärt das dafür ausgemachte Schiedsgericht, ob nun Y die Zahlung and X zu leisten hat oder nicht.

Der Frage, ob eine Person, die sich die Dienstleistung einer Sicherheitsfirma zu ihrem persönlichen Schutz schlicht nicht leisten kann, nach Ihrem Modell rechtlos wäre, sind Sie ausgewichen.

Genau wie der Frage, ob eine Person, die sich nicht leisten kann, Brot zu kaufen, in diesem Modell verhungern muss. Das ist einfach eine ganz andere Frage, nämlich die des Umgangs mit ganz Armen. Reicht für die die natürlich in jeder Gesellschaft vorhandene Wohltätigkeit oder nicht? Die Idee, wegen dem kleinen Problem der Absicherung extrem Armer gleich alle unter eine staatliche Einheitsdienstleistung zu zwingen ist nämlich einfach nur pervers – allerdings eine übliche Diskussionstaktik von Staatsbefürwortern. Denn für jeden Problemchen gibt es ein paar ganz Dumme, die es selbst nicht packen, und schon muss man wegen dieses Minderheitenproblemchens die gesamte Gesellschaft kontrollieren. Also, genausowenig wie mich das Problem verhungernder Armer davon überzeugt, dass staatliche Landwirtschaft und Staatsbäckereien optimal sind, überzeugt mich das Problem unzureichend geschützter Armer von den Vorteilen einer Staatspolizei.

Da es keine Instanz gibt, die einen Eigenwert menschlichen Lebens auch gegen wirtschaftliche Interessen durchsetzen kann, wird sich in der von Ihnen gedachten Gesellschaft die Wertbeimessung für ein Individuum nach dessen Produktivleistung, bzw. dessen wirtschaftlichem Wert richten.
Die Unterteilung in „wertvolles menschliches Leben“ und „unwertes Leben“ ist bei dem von Ihnen gedachten System immanent.

Falsch. Weil es keine Zentralinstanz gibt, ist jeder Einzelne selbst eine solche Instanz, und es ist die freie Entscheidung jedes Einzelnen, wonach er den Wert anderer Menschen beurteilt. Es ist der Staat, der mit seiner Zentralinstanz eine immanente Unterteilung in „wertvolles menschliches Leben“ (gesetzestreue Staatsbürger) und „unwertes Leben“ (Kriminelle) durchführt.

Nehmen wir an, wir würden in einer libertären Gesellschaft leben. Ich hätte mich entschieden, meine Dienste als Profikiller für gut zahlende Kunden anzubieten.
Zu meinen Vertragsbedingungen würde allerdings gehören, dass ich nur solche Personen töte, die keine oder nur schlechte Verträge mit den Sicherheitsfirmen haben. Ich würde dann zum Beispiel lästige Obdachlose „beseitigen“ oder säumige und mittellose Schuldner.
Gleichzeitig würde ich auch selbst einen Anteil an meinen Verdiensten an die Sicherheitsfirmen abdrücken, so dass es für diese wirtschaftlich lukrativer ist, mich einfach gewähren zu lassen, als mein Treiben zu beenden.
Mein Verhalten wäre natürlich ein klarer Verstoß gegen libertäre Prinzipien, aber wer würde mich hindern?

Ja und, als wenn ich das im Prinzip nicht auch heute schon könnte. (Ist natürlich auch eine beliebte Argumentationsmethode – man denkt sich was perverses aus, was im Prinzip heute genauso möglich ist, aber auch nicht stattfindet, und was aus denselben Gründen in einer libertären Gesellschaft auch nicht stattfinden wird. Aber wer weiß das schon? Und schon hat man eine schreckliche Gefahr.) Es ist heute sogar ungefährlicher, denn heute ist faktisch nur eine Polizei bewaffnet, und wenn man die bestochen hat, kann sich keiner mehr wehren. Während in der libertären Gesellschaft jeder bewaffnet sein kann. Keine gute Grundlage für Profikiller als Geschäftsmodell.

Nehmen wir an, eine der Sicherheitsfirmen ertappt beispielsweise einen Dieb auf frischer Tat. Sie stellt dessen Personalien fest und bemerkt, dass er mittellos ist.
Was macht sie? Wäre es wirtschaftlich sinnvoll, ihn einfach laufenzulassen? Wäre es wirtschaftlich sinnvoll ihn einzusperren und zu resozialisieren?
Die Firma könnte auch auf die Idee kommen, den gefangenen Dieb für viel Geld an ein Versuchslabor zu verkaufen.
Wirtschaftlich gesehen, wäre dies gewiss effizient. Menschlich gesehen, wäre dies monströs.

Auch hier sehe ich dasselbe Problem – auf solche monströsen Ideen kommen Staaten oft genug auch. Noch auf viel monströsere – sie lieben es geradezu, Leute ohne realen Grund einzusperren, beispielsweise für Handel oder gar für Nutzung von Drogen oder für Verbreitung oder sogar nur Besitz von Bildern.

Und jetzt kommt der springende Punkt:
Gerade nach der Überzeugung vieler Libertärer führt der freie Markt fast zwangsläufig zu einer größtmöglichen Effizienz.
Hierbei handelt es sich aber genau um wirtschaftliche Effizienz.
Eine libertäre Gesellschaft würde das vorher genannte Verhalten nicht nur nicht verhindern können, sondern aufgrund ihrer eigenen Beschaffenheit fördern.

Zu kurz gedacht. Untersuchungen von spontan, anarchistisch entstandenen Regelungen haben gezeigt, dass Bestrafungen so auch nicht effizient sind, wie der Verkauf an ein Versuchslabor es wäre. Und es gibt Gründe, warum Strafen nicht effizient sind – wenn Strafen zu effizient sind, kommt schnell der Verdacht des Missbrauchs auf. Gibt einen schönen Artikel von David Friedman zu dem Thema.

Eine klare Fehleinschätzung liefern Sie dann mit Ihrer Aussage unzivilisierte Nebeneffekte in Geschäftsfeldern, die sich der staatlichen Kontrolle entziehen, kämen hauptsächlich daher, dass es keine ausreichenden Reputationssysteme gäbe.
Die brutalen Revier- und Verteilungskämpfe, die beispielsweise im Bereich des Drogenhandels stattfinden sind nicht das Produkt fehlender Reputationssysteme, sondern vielmehr direktes Ergebnis des stattfindenden Konkurrenzkampfes.
Denn warum sollte ein Konkurrenzkampf außerhalb einer staatlichen Ordnung nicht mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln ausgetragen werden?

Weil ein Kampf mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln sehr hohe Kosten mit sich bringt, und das selbst wenn er mit einem Sieg endet. Deswegen ist es eigentlich sinnvoll, sich friedlich zu einigen – wenn man auch nur ansatzweise sicher sein kann, dass die Abmachungen eingehalten werden.

Für einen Drogenboss gehört es nun einmal auch zu den zur Verfügung stehenden Mitteln, einen Konkurrenten einfach umzubringen, was ja in der Realität auch immer mal wieder passiert.
Meinen Sie ernsthaft, dass irgendein Reputationssystem den Drogenboss davon abhalten würde?

Ja. Denn das ist zwar ein Mittel, steht auch zur Verfügung, hat aber extrem hohe Risiken und Nebenwirkungen.

Und dass Sie die Leistungen unseres Staates nicht wollen, glaube ich Ihnen schlicht und einfach nicht. Ich denke, Sie nutzen dessen Leistungen (z.B. öffentliche Straßen) durchaus immer wieder freiwillig.

Da hast du was falsch verstanden. Meinst du, ich will nichts mehr essen, wenn alles Essen vom Staat produziert wird? Ich will natürlich einige der vom Staat geleisteten Dienstleistungen auch nutzen, keine Frage. Ich bin allerdings der Überzeugung, dass sie billiger und besser werden, wenn sie nicht vom Staat, sondern privat angeboten werden. Und dann gibt es eben auch massenweise „Dienstleistungen“ des Staates, die ich überhaupt nicht will.

Sammelsurium

earendil hat meinen Beitrag „Argumente gegen den Libertarismus“ recht ausführlich kommentiert, lang genug um das separat zu beantworten.

Sicherheit des Eigentums

Charakteristikum des Kapitalismus ist doch gerade, dass es kein „sicheres Privateigentum“ gibt. Also sicher vor Diebstahl etc., das schon – eine funktionierende Staatsgewalt vorausgesetzt, hehe. Aber nicht sicher vor der Entwertung in der Konkurrenz. „Sicheres Eigentum“ würde ja wirtschaftlichen Stillstand bedeuten. Der Zwang zur Wertverwertung bedingt ja häufig, dass der Eigentümer kurzfristige Interessen verfolgen muss.

Äh, Entschuldigung, aber Eigentum bleibt Eigentum und ist als solches sicher. Was unsicher ist, ist was anderes – die Möglichkeit, dieses Eigentum auf dem Markt nutzen zu können. Das ist ganz was anderes. Zwang zur Wertverwertung? Nun, klar, wer neben seinem Eigentum auch noch Schulden anhäuft, die dann zurückzahlen muss, und dazu schnell sein Eigentum verkaufen muss, verliert dabei typischerweise eine Menge, aber das ist ja dann wohl die Folge der Schuldenaufnahme. Ansonsten ist die Wertveränderung des Eigentums auf dem Markt ja auch gerade der Anreiz zu nachhaltigem Umgang mit dem Eigentum: Nachhaltiger Umgang ist ja der, der dazu führt, dass der Wert des Eigentums langfristig steigt.

Wenn du nicht ständig den kurzfristigen Interessen deines Kapitals hinterherjagst, nützt dir dein ererbter Familienbetrieb im Alter höchstens noch als Industriemuseum.

Nein, dass der Familienbetrieb auch im Alter noch was wert ist – oder besser noch mehr wert ist als heute – ist genau das langfristige Interesse, um das sich ein kluger Eigentümer eben kümmert. Während es dem demokratischen Politiker egal sein kann, was nach seiner Abwahl aus dem Staat wird – die Katastrophe, die seine Politik angerichtet hat, kann man ja den Nachfolgern in die Schuhe schieben, so dass nicht mal der eigene Ruf besonders darunter leidet, und durch enge Kooperation mit privaten Firmen während der Regierungszeit hat man seinen eigenen Lebensabend ja auch langfristig abgesichert.

Worauf es im meinem Argument ankommt, ist eben ganz was anderes – der drastische Unterschied zum Fehlen jeglichen Nachhaltigkeitsinteresses bei demokratisch gewählten Politikern, die ja wissen, dass sie bei den nächsten Wahlen abgewählt werden können. Die Gefahr, dass privates Eigentum dermaßen an Wert verliert wie der Besitz eines politischen Postens ist nun wirklich zu vernachlässigen.

Globale Umweltprobleme

Sicher, globale Umweltprobleme gehören zu den schwierigsten Problemen für die anarchistische Theorie. Sie sind das Feld, wo die Staatspropagandisten am ehesten argumentieren können, dass Staaten wirklich für etwas gut seien, was der Markt nicht schaffen könnte. Und mit dem FCKW gibt es wohl in der Tat ein gutes Beispiel, wo die Staaten erfolgreich reagiert haben und nun behaupten können, der Markt wäre dazu prinzipiell unfähig gewesen:

Bedauerlicherweise gibt es Klimawandel, Artensterben und einige weitere Probleme auch praktisch. Die weitere Ausdünnung der Ozonschicht durch FCKW wurde bekanntlich erst durch staatliches Eingreifen gestoppt. Was auch nur möglich war, weil das vergleichsweise einfach ging und keine großen nationalökonomischen Profiteinbußen nach sich zog. „Der Markt“ hätte das aber nie hingekriegt, denn warum sollte ein Sprühdosen- oder Kühlschrankhersteller aus Europa Interesse für die Ozonschicht über der Antarktis entwickeln?

Ganz so schlimm ist es aber nicht, denn es gibt eine recht gut entwickelte Technik des Marktes zum Umgang mit solchen Problem, genannt Moral. Ja, Moral wirkt nicht so schnell und brutal wie ein staatliches Verbot, sie wirkt langsamer und langfristiger, aber sie wirkt. Aber wo es sich einerseits um eine recht große Gefahr handelt, andererseits die Kosten des Wechsels nicht so groß sind, kann Moral auch ziemlich schnell wirken.

Artensterben ist hingegen ein lokales Problem – es reicht ja eine Gegend, in der eine Art überleben kann, damit die Art nicht ausstirbt. Privateigentum für Wildparks funktioniert ohne große Probleme.

Ach ja, der Klimawandel. Ich denke, der ist eher schon ein Beispiel dafür, was staatliche Regulierung angeblicher globaler Umweltprobleme für wirtschaftlichen Nonsens anrichten kann. Da muss ich mich gar nicht entscheiden, ob die Leugner oder die offizielle Staatswissenschaft im Recht ist – denn selbst wenn es den Klimawandel gibt und er vom Menschen verursacht ist, ist die Hysterie, die augenblicklich herrscht, und die zum Durchdrücken verschiedenster staatlicher Regulierungen missbraucht wird, schon so was von offensichtlich übertrieben, dass eigentlich kein Zweifel besteht, dass die staatliche Einflussnahme mehr Schaden anrichtet als Nutzen stiftet.

Denn das ist das Problem dabei: Wo es ein extrem einfaches Problem gibt, mit extrem einfacher Lösung (a la FCKW verbieten), da kann staatliche Regulierung vielleicht ein besseres Resultat liefern als der Markt. Aber wo es unklar ist, was die optimale Lösung ist, weil komplexe Abwägungen getroffen werden müssten, da ist es recht egal, wie groß der Unterschied zwischen der Marktlösung und der optimalen Lösung ist – die staatliche Lösung wird um Größenordnungen schlechter sein, ganz einfach weil staatliche Dummheiten um Größenordnungen mehr Schaden anrichten können.

Um diesen Gedanken nochmal genauer zu erläutern: Was bei einem Markt herauskommen kann, ist von der ökonomischen Theorie recht genau voraussagbar – soweit es keine Probleme mit öffentlichen Gütern gibt, ist das Ergebnis ziemlich optimal, während es bei öffentlichen Gütern auf die konkreten Eigenschaften dieses Guts ankommt – also den Eigenschaften, die die Leute praktisch daran hindern, aus dem öffentlichen Gut privates Eigentum zu machen.

Was hingegen bei staatlicher Steuerung herauskommen kann, ist weitaus unbestimmter, und weitaus weniger voraussagbar. Ja, wenn es eine ideale, uneigennützige und weise Regierung gäbe, könnte es im Prinzip schon sein, dass diese für öffentliche Güter eine bessere Lösung findet als der Markt, sich hingegen dort, wo der Markt allein zurechtkommt, zurückhält. Nur leben wir nun einmal nicht im Märchenland vom guten König. Was man allein schon daran sieht, dass sich der Staat überall einmischt, auch in Fragen, wo es überhaupt kein Problem mit irgendwelchen öffentlichen Gütern gibt. Also selbst da, wo auch die ökonomische Mainstream-Theorie nicht mal einen Grund zum Eingreifen angeben kann, wird kräftig eingegriffen und damit kräftig vom Marktoptimum abgewichen.

Und in solch einer Situation soll man darauf hoffen, dass der Staat in einer Frage, in der der Markt kein Optimum liefert, plötzlich ein Optimum liefert? Anstatt über das Optimum so kräftig hinauszuschießen, dass der Schaden um Größenordnungen über dem liegt, den das Fehlen jeglichen Eingreifens hervorrufen würde?

Nehmen wir mal an, die Donau wäre Privateigentum. Warum sollte der Eigentümer etwas gegen deren Verschmutzung haben? Als Trinkwasserreservoir ist so ein Fluss eh unbrauchbar, der ist ökonomisch primär als Verkehrstrasse interessant. Wenn einem die Transportschiffe schon Maut bezahlen, kann man doch so kulant sein und ihnen auch noch gestatten, ein bisschen Altöl abzulassen. Oder dafür extra Gebühren verlangen. Gut, vielleicht könnte man bei einem sauberen Fluss noch ein wenig Fischerei betreiben und Badegästen was abknöpfen, aber ob das die Einnahmen aus der Müllentsorgung übersteigen würde, ist doch eher zweifelhaft.

Zweifelhaft? Ich zweifle kein bisschen, dass in der heutigen wirtschaftlichen Situation ein sauberer Fluss für den Besitzer deutlich profitabler wäre. In der Zeit der Industrialisierung mag das anders gewesen sein, aber nicht mehr heute.

Wenn ich mich recht entsinne, war einer der Hintergründe bei der Zerschlagung des Yukos-Konzerns, dass dieser plante, ganze Regionen Sibiriens von der Stromversorgung abzuklemmen, weil das nicht mehr rentabel war. Von wem hätten die Leute denn dann Strom bezogen?

Auf einem freien Markt von der Konkurrenz. Dass Russland gerade auf dem Gebiet recht wenig mit freiem Markt zu tun hat – die Oligarchen hatten ja alle beste politische Verbindungen zum ZK – ist eine andere Frage.

Ausgerechnet ein radikaler Kapitalismus-Fan hat was gegen Neid? Wie das denn?

Ganz einfach, Neid ist doch das, was dem kommunistischen Wunsch nach Gleichheit zugrunde liegt – der Traum von einer Gesellschaft, in der, weil alle gleich sind, niemand mehr neidisch auf andere ist. Neid ist das Grundgefühl der Linken. Es sind gerade die, die nicht an Neid leiden, die mit Ungleichheiten kein Problem haben. Egal ob es um Eigentum oder was auch immer geht. Leseempfehlung: Schoeck, Der Neid.

Eigentum IST gewaltsame Umverteilung! Eigentum bedeutet den gewaltsamen Ausschluss von Menschen von ihren Lebensgrundlagen (Produktions- wie Verbrauchsmittel) bzw. ihre Unterwerfung unter die Interessen des Eigentümers; Eigentum entsteht durch Gewalt (->“ursprüngliche Akkumulation“) und muss durch Gewalt aufrecht erhalten werden (Polizei, Justiz).

Gewaltsame Umverteilung? Ausschluss? Nein, das ist was der Staat macht. Die Grundlage des libertären Eigentumsbegriffs ist ja zuerst einmal das Eigentum an sich selbst, und damit auch an allem was man selbst produziert – und nicht nur von 30-40%, die nach allen direkten und indirekten Steuern und Abgaben noch davon übrigbleiben. Die gewaltsame Umverteilung passiert durch staatliche Steuern. Und es entsteht keineswegs durch Gewalt – Gewalt ist lediglich manchmal zur Verteidigung des Eigentums vor Räubern notwendig.

Es stimmt natürlich, dass oft genug Eigentum durch Gewalt umverteilt wurde – meistens staatliche Gewalt. Aber auch in diesen Fällen war es vorher schon da – es wurde lediglich weggenommen und umverteilt. Und die klassischen libertären Regeln des Eigentums zeigen einen anderen Weg auf, wie Eigentum entsteht – durch eigene Arbeit erwirbt man Eigentum an dem, was man herstellt.

Es ist natürlich recht durchsichtig, warum Linke versuchen, die Besitzer von Eigentum zu verunglimpfen als Nutznießer von Raubzügen ihrer Vorfahren oder so. Je böser der Kapitalist, desto harmloser derjenige, der ihn ausraubt.

Deshalb finde ich ja schon das Wort „Anarchokapitalismus“ zum brüllen. Was soll das sein? Ein anarchistisches Herrschaftssystem? Eine anarchische Klassengesellschaft?

Du hast wohl zuviel Marx gelesen. Ich finde das Wort ganz nett, zum Ärgern von Leuten, für die Kapitalismus der Inbegriff des Bösen ist. Ansonsten ist es irrelevant. Inhaltlich ist es einfach eine freie Gesellschaft, in der es insbesondere Vertragsfreiheit gibt, also einen freien Markt. Ja, es gibt dort Leute mit mehr und mit weniger Eigentum, aber die müssen sich ja deswegen nicht in Klassen unterteilen.

Klar werden einige grundlegende Dinge wie der Schutz der körperlichen Unversehrtheit und des Eigentums in dieser Gesellschaft auch gewaltsam durchgesetzt. Das liegt einfach daran, dass man bisher noch kein anderes Mittel gefunden hat, gegen Räuber und Mörder vorzugehen. Aber eine Organisation mit Sonderrechten, mit Gewaltmonopol oder so, gibt es dort nicht. Also keinen Staat. Weswegen eine solche Gesellschaft eben anarchistisch ist, ganz nach der üblichen Definition des Staates und der Anarchie als Abwesenheit des Staates.

Allerdings ist das Wort Anarchokapitalismus, außer zum Ärgern Linker, nicht ideal, es suggeriert viel zu viel Gemeinsamkeit mit dem heutigen staatsmonopolistischen Kapitalismus – dieser korporatistischen Gesellschaft, in der die etablierten Großkonzerne den Staat benutzen, um sich durch Einschränkung des freien Markts vor der Konkurrenz zu schützen.

Was mich zu der Frage führt, wer denn diesen Zwang ausführen soll, wenn die Staatsgewalt wegfällt. Private Rackets? Oder bleibt in deiner Utopie wenigstens noch ein Nachtwächterstaat übrig?

Wieso wenigstens?

Klar, es wird bewaffnete Organisationen geben. Was mich interessiert, ist, welche Rechte sich diese Organisationen mir gegenüber herausnehmen. Ich unterscheide da ganz einfach: Zivilisierte bewaffnete Organisationen akzeptieren, dass ich dieselben Rechte habe wie sie, egal ob ich auch gerade eine Waffe habe oder nicht. Unzivilisierte, verbrecherische bewaffnete Organisationen nutzen ihre militärische Überlegenheit aus, um sich selbst größere Rechte als anderen zu verschaffen. Dazu gehört meist, dass sie, zur Aufrechterhaltung ihrer Macht, nur selbst Waffen haben dürfen, dann normalerweise auch Raub und Schutzgelderpressung.

Sowohl das, was man üblicherweise privates Racket nennt, als auch alles, was man Staat nennt, fällt ganz klar unter die zweite, verbrecherische Kategorie. In die erste Kategorie fallen beispielsweise einfach nur zum Selbstschutz bewaffnete Bürger, genau wie Firmen, die Sicherheitsdienstleistungen anbieten. Also, ich weiß wirklich nicht, warum in meiner Utopie „wenigstens“ eine verbrecherische Organisation an der Macht bleiben soll.

Almosen bleiben also erlaubt. Wie gnädig. Aber kommt aus liberaler und libertärer Ecke nicht immer das Argument, Almosen führen zu Abhängigkeit und seien deshalb schlecht?

Nicht von mir. Aber ich finde, das ist Privatsache dessen, der Almosen gibt. Wenn ich jemandem was schenke, was mir gehört, kann ein Dritter schimpfen solange er will, dass ich dem Beschenkten damit schade.

Monopole

Auch zum Thema Monopole fand sich Interessantes in einer Diskussion auf ALG

Warum gibt es denn bitte Kartellbehörden? Weil der böse böse Staat (bbS) nach anarcholiberaler Unlogik erst die Entstehung von Kartellen befördert, um sie dann zu verbieten?

LOL, sieh dir doch einfach mal an, wie sie arbeiten. Es gibt ja manchmal Firmen, die so unverschämt sind, dass sie keine Lobbies bezahlen, die Politiker durchfüttern, und die trotzdem erfolgreich sind. Das kann man natürlich nicht zulassen. Microsoft hat sich sowas getraut, Walmart wohl auch. Also hat die Konkurrenz die Kartellbehörden auf sie gehetzt. Die Firmen haben schnell verstanden, und unterhalten heute, zur Verhinderung solcher Sachen, selbst große Lobbies in Washington. Seitdem haben sie mit Kartellbehörden keine Schwierigkeiten mehr.

Darum geht ja ein Großteil der Unternehmensgründungen auch schief und der erfolglose Kapitalist endet überschuldet, was aber sicherlich auch nur an der Überregulierung durch den bbS liegt…

Auf jeden Fall hat der erheblichen Anteil daran, und das ganz bewusst und gezielt. Da ist zuallererst der ganze Papierkram, der ganz allein aufgrund staatlicher Bürokratie erforderlich ist. Da ist die ganze Regulierung, so ziemlich auf jedem Gebiet, die man erstmal überhaupt kennenlernen muss, und dann natürlich auch einhalten muss. Was natürlich wäre – dass man als Anfänger erstmal zu Niedrigpreisen schlechtere Qualität anbietet – ist ja in vielen Fällen einfach verboten. Das nennt sich „Verbraucherschutz“, ist allerdings in der Realität vor allem Firmenschutz vor Konkurrenz, besonders vor der ganz bösen Billigkonkurrenz.

Tritt nun so ein Start-Up gegen ein Monopol oder Kartell an, ist es gerade in dieser Anfangszeit relativ leicht, die neue Konkurrenz durch Dumpingpreise, Ausnutzen der marktbeherrschenden Stellung usw. wieder kaputtzumachen. (KK nimmt ja den Witz von Dumpingpreisen gar nicht zur Kenntnis: Da geht es ja grade nicht um eine Absenkung der Preise insgesamt, sondern nur um kurzfristige Preise unter Wert, um eine Konkurrenz in die Knie zu zwingen, das Monopol wiederherzustellen und danach die Preise wieder ohne Konkurrenzdruck gestalten zu können.)

Der eigentliche Witz bei den Dumpingpreisen ist ja, dass sie das ideale Mittel sind, um als Neuling in einen Markt einzusteigen. Wenn die etablierte Konkurrenz mitmacht, muss sie dabei riesige Verluste einfahren – denn der Verlust bei Dumpingpreisen ist ja eine feste Größe pro verkauftes Stück, also großer Verlust für Firmen mit großem Umsatz – während man als Neuling erstmal sowieso nur wenig Umsatz, also auch wenig Verlust, hat, und wegen der noch nicht eingespielten Produktion sowieso erstmal nur schlechtere Qualität liefern kann.

Wie die Staatspropaganda das geschafft hat, Dumpingpreise als Kampfmittel der Monopole gegen kleine Firmen zu verkaufen, und somit das monopolabsichernde Verbot von Dumpingpreisen als Maßnahme gegen Monopole zu verkaufen, das lässt wohl selbst Goebbels im Grab vor Neid noch erblassen.

Beherrscht das Monopol auch noch die gesamte Produktionskette, kann es den Konkurrenten auch von der Zulieferung abschneiden.

Monopole für ganze Produktionsketten gibt es wenn überhaupt sowieso nur durch Staaten.

Und schließlich besteht ohne schützenden bbS gar kein Grund, warum das Monopolunternehmen nicht zum Racket mutieren und mal einen kleinen Schlägertrupp bei der Konkurrenz vorbeischicken sollte.

Mit dem Staat ist das doch viel bequemer – die Rechtsabteilung des Monopols wird schon einen Paragraphen finden, gegen den der Neuling rein aus Unkenntnis verstößt, und der kleine Schlägertrupp, den man dann vorbeischicken kann, hat erstmal noch schöne Uniformen an, und muss zweitens noch nicht einmal von der Firma selbst bezahlt werden.

Außerdem darf die Konkurrenzfirma ja auch gar keine eigenen Waffen zur Verteidigung vor solchen Schlägertrupps haben, oder gar einen Vertrag mit einer Sicherheitsfirma zu ihrem Schutz.

Die Entstehung eines Monopols oder Kartells im freien Markt ist auch leicht erklärlich. Entweder eins der konkurrierenden Unternehmen ist halt so erfolgreich, dass es alle anderen aus dem Feld schlagen kann (bei AGs evtl. auch „feindlich übernehmen“), oder es bleiben nur eine Handvoll konkurrierender Unternehmen übrig, die dann auf die naheliegende Idee kommen, höhere Profite erzielen zu können, wenn sie sich nicht mehr gegenseitig Konkurrenz machten. Dann kann man sich gegenseitig absprechen oder halt gleich fusionieren.

Die naheliegende Idee hat nur einen Nachteil, nämlich dass es sich für die einzelne Firma im Kartell halt doch lohnt, aus dem Kartell auszuscheren und mehr zu produzieren und zu verkaufen. Weswegen es zwar oft genug zu Absprachen kommt, die aber selten lange eingehalten werden. Und, vor allem, auf einem freien Markt ist ein Kartell immer eine Einladung für Konkurrenten.

Weiterhin frage ich mich grade, wie nach anarcholiberalen Vorstellungen ohne geistiges Eigentum Forschung und Entwicklung funktionieren sollen, denn Förderung durch den bbS scheidet ja sicher aus…

Dazu habe ich unter dem Titel Patentrecht ist ein Verbrechen schon einiges geschrieben.

Ein ekmek schrieb dort noch:

Es scheint mir ein wenig als würdet ihr nur die zwei Alternativen Protektionismus und Liberalismus sehen, allerdings den Antikapitalismus nicht mitdenken.

Nun, das einzige was mir als Antikapitalismus plausibel erscheint, ist ein Stalinsches Gulag, und das sagt mir als Alternative nicht wirklich zu, weswegen ich über diese Alternative nicht allzu oft nachdenke.