Silk Road und so weiter

Unter dem Thema eigentümlich frei- Ein stramm rechtes Gesinnungsblatt mit libertärem Anteil gab es auch eine ganz nette Diskussion, bei der es von der ursprünglichen Frage wie rechts „eigentümlich frei“ nun eigentlich ist (ich sehe die eher als Libertäre mit der Idee eines Bündnisses mit eher rechten Kräften) bald abging und in Richtung Organisation libertärer Gesellschaften ging.

Als ein Beispiel gefragt war, erwähnte ich Silk Road – eine online-Plattform hauptsächlich für Drogenhandel im Darknet. Und es ergab sich die Frage, ob deren Geschäftsmodell was taugt:

Abgesehen davon ist das Geschäftsmodell trotzdem in meinen Augen großer Mist und ich gebe denen vielleicht 4 Jahre, dann hat entweder die DEA die Verantwortlichen ausfindig gemacht und ihnen den A… aufgerissen oder das Geschäftsmodell erledigt sich von alleine, da es Betrug begünstigt, trotz den Sicherungssystemen, die Sie erwähnt haben.
Denn wenn der Handel dort so läuft, wie von Ihnen beschrieben, so liegt das Risiko betrogen zu werden dann eben beim Anbieter und nicht beim Käufer, was am Fakt der Betrugsanfälligkeit letztlich wenig ändert.
Denn mal angenommen ich habe dort Drogen bestellt und habe sie mir an eine irgendwie abgesicherte Deckadresse zuschicken lassen. (wer ist schon so blöd, sich das Zeug an seine Hausanschrift schicken zu lassen?)
Dann behaupte ich einfach, ich hätte die Drogen nie erhalten. Das Paket sei nur mit alten Zeitungen ausgestopft gewesen. Ich verweigere also die Bestätigung des Empfanges. Und nun?
Bekommt der Dealer der mir die Drogen geschickt hat, dann sein Geld vom Escortservice trotzdem? Was wäre dann aber, wenn der Dealer tatsächlich nur alte Zeitungen verschickt hätte? Oder bekomme ich dann von dort mein Geld zurück und kann mich über mein Gratisdope freuen?
So oder so hätte das Geschäft ein einseitiges Betrugsrisiko.

Nun, ich kaufe dort keine Drogen, und sehe dies lediglich als Beispiel dafür, dass man im Darknet Sachen organisieren kann, die das reale Leben erleichtern, und das auch wenn der Staat was dagegen hat. Allerdings auch Käufer müssen dort erstmal eine gewisse Reputation erwerben, und wer sich so verhält wie beschrieben, dem verkauft einfach keiner was.

Wie lange sich Silk Road hält, kann ich natürlich nicht voraussagen. Es gibt ja durchaus Tricks, beispielsweise über Textanalyse, Leute die online sowohl unter Realname als auch unter Pseudonym genug schreiben zu identifizieren. Und jeder kann Fehler machen. Vom Geschäftsmodell her sehe ich allerdings keinen Grund für allzu große Befürchtungen. Die Plattformbetreiber selbst müssen ja beispielsweise niemals irgendwelche realen Kontakte aufnehmen.

Wie ich bereits ausgeführt habe findet auf Silk Road kein physisches menschliches Zusammenleben statt, auch wenn dort eventuell auch nichtvirtuelle Waren gehandelt werden. Demnach bleibe ich bei meiner Aussage, dass das Beispiel untauglich war.

Wieso untauglich? Es geht ja nicht um physisches Zusammenleben, was durch die Cyber-Agora verbessert werden kann, sondern um Methoden von Konfliktlösung und deren Durchsetzung. Wenn ich ein Reputationssystem habe, welches sichert, dass Wortbrüchige mit hoher Sicherheit in einer jedermann zugänglichen Liste landen, dann hat das erhebliche Auswirkungen auf das reale Leben. Denn man kann ja, wenn man selbst nicht vorhat zu betrügen, seine ganz realen Verträge im Rahmen dieses Systems abschließen, und hat dann Grund für Verdacht wenn der potentielle Partner sich weigert dort mitzumachen.

Genauso wenig haben Sie erklärt, wie sich diese Schiedsgerichte zusammensetzen sollen, wer sie legitimiert. Soll es jedem freistehen, selbst ein solches Schiedsgericht zu gründen? Sollen diese Schiedsgerichte ebenfalls freiwillige und private Organisationen sein?

Aber natürlich. Die Legitimation der Schiedsgerichte ist, dass die Vertragspartner sich auf sie einigen. Das reicht völlig aus. Ihre Aufgabe ist nicht die Durchsetzung von irgendwas, sondern lediglich die Entscheidung der Streitfragen selbst. Daher können sie auch völlig pseudonym im Darknet residieren und sich ihre Reputation lediglich durch ihre Entscheidungen schaffen.

Person A hat einen Vertrag mit Firma X, die seine persönlichen Rechte vor Angriffen schützt.
Person B hat einen vergleichbaren Vertrag mit Firma Y.
Person A ist der Meinung, dass Person B ihre Rechte verletzt hat. Firma X teilt die Meinung ihres Kunden.
Person B ist nicht der Meinung irgendwelche Rechte verletzt zu haben. Firma Y teilt die Meinung Ihres Kunden.
Firma X hat sich freiwillig der Rechtsprechung von Schiedsgericht 1 unterworfen. Schiedsgericht 1 stimmt Firma X zu.
Firma Y hat sich freiwillig der Rechtsprechung von Schiedsgericht 2 unterworfen. Schiedsgericht 2 stimmt Firma Y zu.

Die Schiedsgerichte sind Vertragsgerichte. Es gibt keinen Vertrag zwischen B und A. Es gibt nur einen zwischen A und X. A fühlt sich in seinen Rechten verletzt, durch B. Also sieht er in seinen Vertrag, was X in diesem Fall sich zu tun verpflichtet hat, und fordert das ein. Von X. Normalerweise wird dies eine Entschädigungszahlung sein. X fordert diese wahrscheinlich von B wieder ein, mit Drohung einer ansonsten abschreckenden Maßnahme. B fühlt sich bedroht und wendet sich an Y, weil sie einen Vertrag mit Y hat. Y war so dumm und hat B selbst wenn B solche Handlungen begeht Schutz versprochen. Den kann Y natürlich auf einfache Art und Weise leisten, indem sie selbst die Entschädigungszahlung leistet. Wozu sie möglicherweise von ihrem Schiedsgericht verdonnert wird. Haben die Firmen selbst untereinander Verträge – was zu erwarten wäre – dann klärt das dafür ausgemachte Schiedsgericht, ob nun Y die Zahlung and X zu leisten hat oder nicht.

Der Frage, ob eine Person, die sich die Dienstleistung einer Sicherheitsfirma zu ihrem persönlichen Schutz schlicht nicht leisten kann, nach Ihrem Modell rechtlos wäre, sind Sie ausgewichen.

Genau wie der Frage, ob eine Person, die sich nicht leisten kann, Brot zu kaufen, in diesem Modell verhungern muss. Das ist einfach eine ganz andere Frage, nämlich die des Umgangs mit ganz Armen. Reicht für die die natürlich in jeder Gesellschaft vorhandene Wohltätigkeit oder nicht? Die Idee, wegen dem kleinen Problem der Absicherung extrem Armer gleich alle unter eine staatliche Einheitsdienstleistung zu zwingen ist nämlich einfach nur pervers – allerdings eine übliche Diskussionstaktik von Staatsbefürwortern. Denn für jeden Problemchen gibt es ein paar ganz Dumme, die es selbst nicht packen, und schon muss man wegen dieses Minderheitenproblemchens die gesamte Gesellschaft kontrollieren. Also, genausowenig wie mich das Problem verhungernder Armer davon überzeugt, dass staatliche Landwirtschaft und Staatsbäckereien optimal sind, überzeugt mich das Problem unzureichend geschützter Armer von den Vorteilen einer Staatspolizei.

Da es keine Instanz gibt, die einen Eigenwert menschlichen Lebens auch gegen wirtschaftliche Interessen durchsetzen kann, wird sich in der von Ihnen gedachten Gesellschaft die Wertbeimessung für ein Individuum nach dessen Produktivleistung, bzw. dessen wirtschaftlichem Wert richten.
Die Unterteilung in „wertvolles menschliches Leben“ und „unwertes Leben“ ist bei dem von Ihnen gedachten System immanent.

Falsch. Weil es keine Zentralinstanz gibt, ist jeder Einzelne selbst eine solche Instanz, und es ist die freie Entscheidung jedes Einzelnen, wonach er den Wert anderer Menschen beurteilt. Es ist der Staat, der mit seiner Zentralinstanz eine immanente Unterteilung in „wertvolles menschliches Leben“ (gesetzestreue Staatsbürger) und „unwertes Leben“ (Kriminelle) durchführt.

Nehmen wir an, wir würden in einer libertären Gesellschaft leben. Ich hätte mich entschieden, meine Dienste als Profikiller für gut zahlende Kunden anzubieten.
Zu meinen Vertragsbedingungen würde allerdings gehören, dass ich nur solche Personen töte, die keine oder nur schlechte Verträge mit den Sicherheitsfirmen haben. Ich würde dann zum Beispiel lästige Obdachlose „beseitigen“ oder säumige und mittellose Schuldner.
Gleichzeitig würde ich auch selbst einen Anteil an meinen Verdiensten an die Sicherheitsfirmen abdrücken, so dass es für diese wirtschaftlich lukrativer ist, mich einfach gewähren zu lassen, als mein Treiben zu beenden.
Mein Verhalten wäre natürlich ein klarer Verstoß gegen libertäre Prinzipien, aber wer würde mich hindern?

Ja und, als wenn ich das im Prinzip nicht auch heute schon könnte. (Ist natürlich auch eine beliebte Argumentationsmethode – man denkt sich was perverses aus, was im Prinzip heute genauso möglich ist, aber auch nicht stattfindet, und was aus denselben Gründen in einer libertären Gesellschaft auch nicht stattfinden wird. Aber wer weiß das schon? Und schon hat man eine schreckliche Gefahr.) Es ist heute sogar ungefährlicher, denn heute ist faktisch nur eine Polizei bewaffnet, und wenn man die bestochen hat, kann sich keiner mehr wehren. Während in der libertären Gesellschaft jeder bewaffnet sein kann. Keine gute Grundlage für Profikiller als Geschäftsmodell.

Nehmen wir an, eine der Sicherheitsfirmen ertappt beispielsweise einen Dieb auf frischer Tat. Sie stellt dessen Personalien fest und bemerkt, dass er mittellos ist.
Was macht sie? Wäre es wirtschaftlich sinnvoll, ihn einfach laufenzulassen? Wäre es wirtschaftlich sinnvoll ihn einzusperren und zu resozialisieren?
Die Firma könnte auch auf die Idee kommen, den gefangenen Dieb für viel Geld an ein Versuchslabor zu verkaufen.
Wirtschaftlich gesehen, wäre dies gewiss effizient. Menschlich gesehen, wäre dies monströs.

Auch hier sehe ich dasselbe Problem – auf solche monströsen Ideen kommen Staaten oft genug auch. Noch auf viel monströsere – sie lieben es geradezu, Leute ohne realen Grund einzusperren, beispielsweise für Handel oder gar für Nutzung von Drogen oder für Verbreitung oder sogar nur Besitz von Bildern.

Und jetzt kommt der springende Punkt:
Gerade nach der Überzeugung vieler Libertärer führt der freie Markt fast zwangsläufig zu einer größtmöglichen Effizienz.
Hierbei handelt es sich aber genau um wirtschaftliche Effizienz.
Eine libertäre Gesellschaft würde das vorher genannte Verhalten nicht nur nicht verhindern können, sondern aufgrund ihrer eigenen Beschaffenheit fördern.

Zu kurz gedacht. Untersuchungen von spontan, anarchistisch entstandenen Regelungen haben gezeigt, dass Bestrafungen so auch nicht effizient sind, wie der Verkauf an ein Versuchslabor es wäre. Und es gibt Gründe, warum Strafen nicht effizient sind – wenn Strafen zu effizient sind, kommt schnell der Verdacht des Missbrauchs auf. Gibt einen schönen Artikel von David Friedman zu dem Thema.

Eine klare Fehleinschätzung liefern Sie dann mit Ihrer Aussage unzivilisierte Nebeneffekte in Geschäftsfeldern, die sich der staatlichen Kontrolle entziehen, kämen hauptsächlich daher, dass es keine ausreichenden Reputationssysteme gäbe.
Die brutalen Revier- und Verteilungskämpfe, die beispielsweise im Bereich des Drogenhandels stattfinden sind nicht das Produkt fehlender Reputationssysteme, sondern vielmehr direktes Ergebnis des stattfindenden Konkurrenzkampfes.
Denn warum sollte ein Konkurrenzkampf außerhalb einer staatlichen Ordnung nicht mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln ausgetragen werden?

Weil ein Kampf mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln sehr hohe Kosten mit sich bringt, und das selbst wenn er mit einem Sieg endet. Deswegen ist es eigentlich sinnvoll, sich friedlich zu einigen – wenn man auch nur ansatzweise sicher sein kann, dass die Abmachungen eingehalten werden.

Für einen Drogenboss gehört es nun einmal auch zu den zur Verfügung stehenden Mitteln, einen Konkurrenten einfach umzubringen, was ja in der Realität auch immer mal wieder passiert.
Meinen Sie ernsthaft, dass irgendein Reputationssystem den Drogenboss davon abhalten würde?

Ja. Denn das ist zwar ein Mittel, steht auch zur Verfügung, hat aber extrem hohe Risiken und Nebenwirkungen.

Und dass Sie die Leistungen unseres Staates nicht wollen, glaube ich Ihnen schlicht und einfach nicht. Ich denke, Sie nutzen dessen Leistungen (z.B. öffentliche Straßen) durchaus immer wieder freiwillig.

Da hast du was falsch verstanden. Meinst du, ich will nichts mehr essen, wenn alles Essen vom Staat produziert wird? Ich will natürlich einige der vom Staat geleisteten Dienstleistungen auch nutzen, keine Frage. Ich bin allerdings der Überzeugung, dass sie billiger und besser werden, wenn sie nicht vom Staat, sondern privat angeboten werden. Und dann gibt es eben auch massenweise „Dienstleistungen“ des Staates, die ich überhaupt nicht will.


8 Antworten auf „Silk Road und so weiter“


  1. 1 Robert Michel 10. Oktober 2012 um 22:02 Uhr

    Das Argument mit dem Profimörder ist kompletter Schwachsinn. Bei dem Geschäftsmodell besteht das enorme Risiko, das ein Verwandter der Opfer ein Kopfgeld auf den Killer aussetzt. Das beste Argument für den Anarchokapitalismus ist immer der Versuch von Leuten, ihn zu wiederlegen. Sie versticken sich in Argumentationen, die bei rechter Betrachtung einfach nur peinlich sind.

  2. 2 Florian K. 14. Oktober 2012 um 20:15 Uhr

    @ Robert Michel:

    Naja… so daneben ist mein Argument ja wohl nicht, jedenfalls bestätigen Sie es, ohne es zu wollen.

    Ihr Argument verweist auf die Möglichkeit einer Selbstjustiz durch die Verwandten oder eine von ihnen beauftragte Person.

    Diese Form der Selbstjustiz würde die Marktnachfrage an Profikillern beträchtlich erhöhen.
    Und eine Leistung, die auf dem Markt nachgefragt wird, wird auch angeboten, es sei denn, staatliche Repression verhindert dieses. (In diesem Falle ein dreifaches „Hoch!“ auf staatliche Repression!^^)

    Natürlich kann auch ein Staat nicht gänzlich verhindern, dass solche unethischen Dienstleistungen angeboten werden, aber die Repression macht es schwieriger ein solches Angebot bereitzustellen oder nachzufragen und erhöht damit die Kosten aller Beteiligter.
    So kann der Staat die Nachfrage und das Angebot in solchen unerwünschten Bereichen zumindest senken.

    Aber an einem Punkt können wir uns dann ja einig sein:
    Auch ich sehe Selbstjustiz als eine der Folgen eines libertären Systems.

    In diesem Sinne danke ich für die (wenn auch ungewollte) argumentative Unterstützung.

    @ I. Schmelzer:

    Eine ausführliche Antwort zu Deinen Argumenten habe ich nun hochgestellt.

    http://kwassl.net/2012/08/20/17885/comment-page-1/#comment-2148

  3. 3 earendil 17. Oktober 2012 um 17:39 Uhr

    Ist natürlich auch eine beliebte Argumentationsmethode – man denkt sich was perverses aus, was im Prinzip heute genauso möglich ist, aber auch nicht stattfindet, und was aus denselben Gründen in einer libertären Gesellschaft auch nicht stattfinden wird. Aber wer weiß das schon? Und schon hat man eine schreckliche Gefahr.

    Wie gemein. Könnte natürlich auch daran liegen, dass Anarchokapitalisten die Ursachen solcher unschönen, z.T. auch heute schon auftretenden Erscheinungen (wie z.B. Profikiller) intensivieren möchten, während sie die Hemmnisse dazu beseitigen wollen.

    wegen dem kleinen Problem der Absicherung extrem Armer

    Ein paar Millionen Hungertote jedes Jahr sind ein „kleines Problem“? Ja, so ein *** (mein Schimpfwortvorrat würde hier eh nicht ausreichen, also lass ich’s gleich ganz), das offenbar halbwegs gut situiert irgendwo in Deutschland sitzt und sich im Notfall wenigstens auf staatliche Almosen verlassen kann, mag das so sehen.

    Ach so, ich vergaß: Mit der wirklich total freien Marktwirtschaft bricht ja der Wohlstand für alle aus, da gibt’s das Problem ja kaum noch. Und die wenigen, die es dann noch trifft, haben eh selber Schuld („Dumme, die es selbst nicht packen“). Womit wir schon beim nächsten Punkt wären:

    Die Unterteilung in „wertvolles menschliches Leben“ und „unwertes Leben“ ist bei dem von Ihnen gedachten System immanent.

    Falsch. Weil es keine Zentralinstanz gibt, ist jeder Einzelne selbst eine solche Instanz, und es ist die freie Entscheidung jedes Einzelnen, wonach er den Wert anderer Menschen beurteilt.

    Schon mal darüber nachgedacht, auf welcher gesellschaftlichen Grundlage sich diese „freie Entscheidung“ bildet? Ist von deiner angeblichen Marxlektüre noch irgendwas vom Begriff „Charaktermaske“ hängengeblieben?

    In einer Gesellschaft, deren Grundprinzip die unbeschränkte Konkurrenz der Eigentümer ist, entscheiden sich diese Eigentümer für gewöhnlich dafür, den Wert anderer Menschen anhand ihres Nutzens für das eigene Eigentum zu bemessen. Und zwar ganz frei.

    Welche Menschenleben du so als wert oder unwert erachtest, hast du ja bereits in dem anderen Thread deutlich gemacht. Verbrecher und Staatsbüttel gehören demnach zur letzteren Kategorie.

    Denn warum sollte ein Konkurrenzkampf außerhalb einer staatlichen Ordnung nicht mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln ausgetragen werden?

    Weil ein Kampf mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln sehr hohe Kosten mit sich bringt, und das selbst wenn er mit einem Sieg endet. Deswegen ist es eigentlich sinnvoll, sich friedlich zu einigen – wenn man auch nur ansatzweise sicher sein kann, dass die Abmachungen eingehalten werden.

    Ja, solche Abmachungen nennt man Kartell. Ich bin erschüttert, dass ausgerechnet du sowas wettbewerbsfeindliches propagierst. ;) Außerdem erklären Anarchokapitalisten doch immer, dass Kartelle ohne staatliche Protektion gar nicht stabil wären. Was natürlich, wie so ziemlich alles aus der Ecke, Humbug ist, aber insofern ein wahres Moment besitzt, als Kartelle keineswegs stabil sein müssen. Und wenn einer aussteigt und – metaphorisch oder wörtlich – zu den Waffen greift, sind auch alle anderen dazu gezwungen, wollen sie nicht untergehen.

    Da kann ich nur nochmals auf den mexikanischen Drogenkrieg verweisen: Sicherlich wäre es für alle „Drogenfirmen“ (Mafiakartelle) kostengünstiger, sich friedlich zu einigen. Vielleicht tun sie das auch irgendwann. Bis dahin dürfte aber noch viel Blut fließen. Aber das kann dir ja egal sein.

    Dann bin ich mal gespannt, was hier noch alles für Realsatire kommt. Die besten Argumente gegen Anarchokapitalisten sind ja noch immer deren eigene.

  4. 4 libertarian 19. Oktober 2012 um 21:24 Uhr

    Also das beste Hemmnis gegen Profikiller ist wenn jeder eine Waffe haben darf – die Profikiller haben ja heute schon welche, ihre Opfer meist nicht. Aber dieses Hemmnis willst du ja auf keinen Fall. Waffen dürfen nur die Machthaber haben, nicht die Sklaven.

    Zu Hungertoten: Kennst du so etwas wie einen Kontext? Es ging im Argument darum, dass man nicht zur Lösung des Hungerproblems die Essenherstellung für alle dem Staat überlassen sollte. Und es war ein Analogieargument – ich denke, wenn man Sicherheit statt dem Staat dem Markt von Sicherheitsfirmen überlässt, wird sich die Lage ähnlich entwickeln wie beim Hungerproblem, wenn man von einer reinen Staatswirtschaft zu einer Privatwirtschaft übergeht. Mir war nicht so klar, dass ich es mit jemandem zu tun habe, der meint, der Hunger heutzutage sei Ergebnis des bösen Kapitalismus, vielleicht schreibe ich für solche Leute nochmal einen Extrabeitrag, unter Einbeziehung von Holodomor und großem Sprung und ein paar Statistiken, die zeigen, dass beispielsweise die Unterernährung bei Kindern gerade in China besonders stark zurückgegangen ist – vermutlich Folge des grausamen Kapitalismus der sich dort zunehmend ausbreitet.

    Dass ich von marxistischen Spinnereien über Charaktermasken nichts halte, wo ich schon den Teil, der als ökonomische Theorie des Kapitalismus wenigstens noch was mit ökonomischer Wissenschaft zu tun hat, als falsch ablehne, sollte klar sein.

    Das Grundprinzip einer freien Gesellschaft ist übrigens Freiheit. Dazu gehört die (der was Gewaltanwendung betrifft sehr wohl beschränkten) Konkurrenz ebenso wie die der (viel eher unbegrenzten) Zusammenarbeit. Was du dem durchschnittlichen Menschen in einer solchen freien Gesellschaft an Amoralität unterstellst, ist dabei recht irrelevant – komischerweise unterbleiben solche Unterstellungen aber gegenüber Politikern und Staatsbeamten, die sich immer nur brav ums Gemeinwohl kümmern. Diese guten Menschen müssen natürlich verteidigt werden, wenn ich sie als Verbrecher betrachte.

    Dass ich Kartelle für ungefährlich halte sagt ich ja schon – und ich wüsste auch gar nicht, warum ich irgendwie wettbewerbsfreundlich argumentieren sollte – ich bin freiheitsfreundlich, nicht wettbewerbsfreundlich. Und nur wenn Wettbewerb eine freie Entscheidung ist, bin ich dafür. Genau dasselbe gilt für Zusammenarbeit.

    Und staatliche Wettbewerbsverbote (getarnt als Verbraucherschutz) sind genauso Quatsch wie staatliche Zusammenarbeitsverbote (getarnt als Kartellrecht).

    Dass du keine Vorstellung davon hast, wie stark funktionierende Reputationssysteme das Verhalten beeinflussen können, nunja, das ist dein Problem. In einem funktionierenden Reputationssystem, wie es hier angedacht ist, wird das Brechen von Verträgen zur seltenen und gesamtgesellschaftlich irrelevanten Ausnahme. Und das betrifft auch die Verträge von Sicherheitsfirmen, und das sowohl mit anderen Sicherheitsfirmen als auch mit ihren Kunden.

    So etwas existiert leider noch nicht. Aber die technischen Möglichkeiten existieren schon, und deswegen bin ich sicher, dass es sich entwickeln wird mit der Zeit. Ob es danach etwas mit dem mexikanischen Drogenkrieg vergleichbares noch geben wird, ist eine offene Frage.

  5. 5 earendil 20. Oktober 2012 um 23:24 Uhr

    Also das beste Hemmnis gegen Profikiller ist wenn jeder eine Waffe haben darf – die Profikiller haben ja heute schon welche, ihre Opfer meist nicht.

    Die Realsatire geht also weiter. Die Gags wiederholen sich allerdings, dadurch werden sie nicht besser.

    Auch die Opfer von Profikillern sind ziemlich oft bewaffnet, weil das halt häufig konkurrierende Gangster sind, die auf diesem Wege ausgeschaltet werden. Auf Oma Erna setzt selten jemand einen Killer an. Wenn man will, könnte man sicherlich statistisch „belegen“, dass der Besitz einer Waffe das Risiko, ermordet zu werden, enorm steigert. Einfach deshalb, weil besonders gefährdete Leute sich öfter eine Waffe zulegen.

    ich denke, wenn man Sicherheit statt dem Staat dem Markt von Sicherheitsfirmen überlässt, wird sich die Lage ähnlich entwickeln wie beim Hungerproblem, wenn man von einer reinen Staatswirtschaft zu einer Privatwirtschaft übergeht.

    Du meinst, die Lebenserwartung würde erheblich sinken, wie in Russland in den 90ern? Da könntest du wohl recht haben…

    Das Grundprinzip einer freien Gesellschaft ist übrigens Freiheit.

    http://www.youtube.com/watch?v=Nm90tBdEqac

    Deine „Netzwerkgesellschaft“ würde ich ja als „Entwurf für eine asoziale Gesellschaft“ betiteln. Wie sich allerdings auch nur in der Fantasie aus „eigenen Regeln für sich selbst“ allgemeine Standards entwickeln sollen, und wie das beides zusammenpassen soll, erschließt sich mir nicht.

    Übrigens hat eine böse zentralistische Institution festgelegt, dass in Standardisierung nur ein t vorkommt. Und das ist im Grunde auch schon alles, was es sich dazu zu schreiben lohnt.

  6. 6 earendil 20. Oktober 2012 um 23:28 Uhr

    Noch vergessen:

    Mir war nicht so klar, dass ich es mit jemandem zu tun habe, der meint, der Hunger heutzutage sei Ergebnis des bösen Kapitalismus

    Wenn Menschen trotz Nahrung im Überfluss verhungern, weil sie zum Kaufen zu wenig Geld haben und ohne Geld qua Eigentumsordnung von der Befriedigung selbst elementarster Bedürfnisse ausgeschlossen werden, ist es natürlich voll-kom-men abwegig, das mit dem Kapitalismus in Zusammenhang zu bringen! Alles klar.

  7. 7 libertarian 21. Oktober 2012 um 9:56 Uhr

    Nett, dass du am Beispiel erläuterst, auf welchem Niveau sich manche statistischen Argumente von Waffenbesitzgegnern bewegen. Und auch für das Finden eines Rechtschreibfehlers.

    Ansonsten war ja nichts. Die Satire auf den heutigen staatskapitalistischen Freiheitsbegriff war nur langweilig. Und die russische Art der Einführung des Kapitalismus – nach dem Motto wie verteilt man das „Volkseigentum“ am besten unter den Verwandten des ZK der KPdSU – entspricht nicht meinen Idealvorstellungen. Zur Lebenserwartung in Russland fand ich folgendes: „Unterbrochen wird der seit Ende der 50er Jahre anhaltende Negativtrend bei den Männern nur durch drei kurze Zeit-Fenster, die mit politischen Tauwetter-Phasen zusammenfallen (1959-1965, 1985-87 und 1994-98). In diesen Jahren war die Hoffnung auf ein besseres Leben stärker und der Drang zur Wodka-Flasche offenbar weniger ausgeprägt.“ Wie üblich bei staatlich ausgedachten Privatisierungen, gibt es auch gar keinen freien Markt.

    Wie sich Standards durchsetzen, verstehst du nicht? Das ist nun wirklich der Punkt, um den ich mir am wenigsten Sorgen mache. Jede gated community wird natürlich ihren eigenen Minimalstandard haben, ohne den zu akzeptieren man gar nicht erst reinkommt. Der kann aber von community zu community sehr verschieden sein. So allgemeine Standards wie heutige Gesetze braucht man ja gar nicht. Wenn ich was befürchte, dann dass aufgrund des Herdentriebs sich doch viel einheitlichere Standards durchsetzen werden als überhaupt nötig.

  1. 1 David Friedman über Bestrafung « Freiheit und Optimismus Pingback am 14. Oktober 2012 um 20:12 Uhr
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