Grundrechte in einer rationalen Ethik

Florian K. fragte mich in einem Kommentar:

Wenn Sie das Eigentumsrecht als eine Form von Naturrecht betrachten, für das es legitim ist, Zwang einzusetzen, aber anderen Rechten wie z.B. Gleichheitsrechten nicht diesen Status zugestehen, dann würde mich Ihre Begründung dafür doch sehr interessieren.

Eine schwierige Frage, und einen eigenen Artikel wert, weil es so einfach nicht ist, meinen Standpunkt zum Naturrecht zu erklären.

Rationale Ethik

Da ist zum einen Max Stirner, der in seinem Klassiker „Der Einzige und sein Eigentum“ brutal-egoistische und zynische, aber logisch unabweisbare Argumente gegen klassische Moralvorstellungen so ziemlich egal welcher Art liefert. Danach noch von irgendeiner für alle gleichen obligatorischen Moral zu träumen verbietet sich eigentlich von selbst. Will man jemanden davon überzeugen, moralisch anständig zu handeln, bleibt eigentlich nur eine Alternative: ihn davon zu überzeugen, dass dies in seinem eigenen Interesse ist. Da gibt es viel, worauf man ihn hinweisen kann, und was ihn davon abhalten kann, einfach so direkt seine Wünsche durchzusetzen: die verschiedensten rational zu erwartenden Risiken, Nebenwirkungen und Langzeiteffekte. Kompliziert, die alle abzuschätzen – oft genug wird man sich mit groben Abschätzungen begnügen müssen. Aber wenn wir das könnten, und mal von schwachem Willen und Suchtproblemen absehen, würden wir das natürlich alle machen – ist ja schließlich im eigenen Interesse.

Und deswegen ist das ein Satz von ethischen Regeln, gegen den auch Stirners Logik nichts einzuwenden hat. Außerdem haben wir damit eine recht objektive Grundlage für die Moralentwicklung: Meine Wünsche sind mir bekannt, die Umstände sind objektiv gegeben, die Frage, welche Strategie optimal ist, um meine Wünsche möglichst gut zu realisieren, ist damit eine im Prinzip wissenschaftliche Frage. Dies ist also ein rationales System von ethischen Regeln, eine rationale Ethik.

Rationale Ethik ist das was ich brauche. Allerdings, zu einem taugt sie nichts: Anderen Vorschriften zu machen, deren Einhaltung lediglich einem selbst nützt. Dies ist leider eine weit verbreitete Anwendung von Ethik, und so ist es kein Wunder, dass rationale Ethik nicht besonders populär ist.

Was ist mit Utilitarismus und Naturrecht?

Den Utilitarismus in seiner klassischen Form kann man somit schon einmal vergessen. Wenn irgendwas die größte Zahl glücklich macht, aber nebenbei eine Minderheit unglücklich, wird dies nicht dazu geeignet sein, diese Minderheit davon zu überzeugen. Sie wird sich, zumindest wenn sie dazu in der Lage ist, wehren. Und nichts liegt mir ferner als sie deswegen als unmoralisch zu verurteilen.

Müssen wir aber deshalb gleich ins Gegenteil umschlagen und alles was nach Utilitarismus riecht verwerfen? Dazu gibt es auch keinen Grund. Wenn der Nutzen der Mehrheit groß genug ist, auch die Kosten durch den Widerstand der Minderheit in Kauf zu nehmen, wird der Widerstand der Minderheit wenig nützen. Nur weil sich Sadisten möglicher unterdrückt fühlen, wenn Vergewaltigung bestraft wird, werden Vergewaltigungsopfer kaum auf Bestrafung der Vergewaltiger verzichten. Ihr Eigeninteresse am Schutz vor Vergewaltigung ist einfach zu groß.

Trotzdem hat der zu erwartende Widerstand derer, die unter utilitaristisch nützlichen Maßnahmen leiden, Auswirkungen, und so einiges, was utilitaristisch gesehen nützlich wäre, ist deshalb überhaupt nicht zu empfehlen – berechnet man die Folgen des Widerstandes mit ein, schadet es nämlich mehr.

Das ist die eigentliche Idee hinter dem Konzept der Grundrechte: Die sind einfach das, was man denen, die bei utilitaristisch begründbaren Maßnahmen verlieren, besser doch nicht nehmen sollte – weil es ansonsten für sie sinnvoll ist, sich mit allen Mitteln, selbst mit Gewalt, zu wehren, und dies jeden Nutzen, der sich ohne solchen Widerstand ergeben würde, vernichten würde.

Sind das dann aber sowas wie Naturrechte? Auch nicht. Wenn man „Naturrecht“ hört, assoziiert man natürlich etwas, was allen auf die gleiche Art zusteht. Aber ist das in der obigen Situation der Fall? Eindeutig nicht. Wenn man einem Durchschnittsbürger SM-Spiele verbietet, wird ihm das recht egal sein, verbietet man es einem Sadisten, könnte dies katastrophale Auswirkungen haben – er könnte, statt legal einvernehmliche SM-Spiele mit Masochisten zu spielen, zu realen Vergewaltigungen übergehen – verboten wäre ja eh beides, seine Befriedigung bei der realen Vergewaltigung jedoch möglicherweise größer. Für Durchschnittsbürger könnte es hingegen im Prinzip strategisch nützlich sein, auf SM-Spiele zu verzichten, sagen wir mal aufgrund von Unfallgefahren, die so verringert werden.

Trotz dieser Einschränkungen kann man aber sowohl utilitaristische als auch naturrechtliche Argumente verwenden – als Teil der rationalen Argumentation im Rahmen rationaler Ethik. Der Anwendungsbereich solcher Argumente ist halt begrenzt – wo der Utilitarist Grundrechte einschränken will, oder der Naturrechtler irgendwelche absoluten Rechte einfordert, wird man ihm nicht folgen.

Was ist nun mit dem Eigentum?

Florian K. argumentierte in seinem Kommentar:

Schließlich ist das, was man als Eigentumsrecht betrachtet alleine schon von Mensch zu Mensch und von Kultur zu Kultur verschieden. Manche halten das geistige Eigentum für schützenswertes Eigentumsrecht, während Sie Copyrights ablehnen. Nordamerikanischen Ureinwohnern hingegen mag, als die ersten europäischen Eroberer kamen, die Vorstellung, jemand könnte Eigentum an einem Stück Land erwerben, völlig absurd erschienen sein.

Diese kulturelle Verschiedenheit der Eigentumsbegriffe ist durchaus ein gutes Argument gegen absolute Eigentumsrechte, wie sie von manchen Libertären vertreten werden. Mit solchen absoluten Auffassungen habe ich allerdings nichts im Sinn. Behauptungen, man könne ethische Prinzipien unbedingt und zweifelsfrei letztbegründen, lehne ich ganz explizit ab, beispielsweise in meinem Artikel „Das Letzte über die Letztbegründung“.

Also, ob und welche Formen von Eigentum man akzeptiert und verteidigt, ist für mich im Prinzip eine pragmatische Frage – wie allerdings auch alle sonstigen Grundrechte. Und so verwende ich, wenn ich konkrete Eigentumsformen ablehne, auch ohne Probleme pragmatische, utilitaristische Argumente – wie beispielsweise in meiner Polemik „Patentrecht ist ein Verbrechen“. Es hängt also von dem, was erreicht werden soll, und den praktischen Methoden, die zur Verfügung stehen, ab, ob und welche Formen von Eigentum sinnvoll sind.

Trotzdem, bei einigen Formen von Eigentum sind die Argumente gut genug, um sie als Teil der Grundrechte oder als Naturrecht anzusehen. Wenn diese Eigentumsrechte eingeschränkt oder gar abgeschafft werden, lohnt es sich für jeden, mit allen verfügbaren Mitteln Widerstand zu leisten.

Die Veränderbarkeit der Grundrechte

Nicht zu unterschätzen ist an dieser Stelle das „mit allen verfügbaren Mitteln“ – ein Punkt, der zeigt, dass das, was nach diesem Grundrechtsbegriff ein Grundrecht ist, von unseren eigenen Möglichkeiten, unseren Mitteln zur Verteidigung, abhängt. Und diese Mittel ändern sich mit der Zeit, und in der heutigen Informationsrevolution sogar sehr schnell und in höchst wichtigen Fragen. Und so kann etwas, wovon wir heute nur in wilden Phantasien träumen, schon bald ein solches Grundrecht sein – einfach weil wir die Mittel haben werden, es zu verteidigen.

Beispielsweise entsteht auf diese Weise augenblicklich ein Grundrecht auf Informationsbeschaffung und Verbreitung, welches weit über die gute alte Meinungsfreiheit hinausgeht, weil sie auch all die Informationen umfasst, die viele Leute, auch Leute mit viel Macht, überhaupt nicht gerne verbreitet sehen wollen. Nur, sie haben die technischen Mittel einfach nicht mehr, die Verbreitung im Internet zu verhindern. Ihnen bleibt als Alternative nur das vollständige Verbot von Verschlüsselung, samt harten Strafen auch nur bei Verdacht, weil durch Steganographie und Verbreitung von Scheinbeweisen durch Viren alles was darunter bleibt leicht zu umgehen ist – und dies ist ein Grad der Unterdrückung, der wohl doch nicht mehr durchsetzbar ist.

Und damit wird das Recht, sich beliebige Daten zu beschaffen, zum grundlegenden, fundamentalen Eigentumsrecht. Nicht wegen abstrakter Betrachtungen über das Wesen des Eigentums, sondern weil eine Gesellschaft, in der es anders läuft, eine Orwellsche Horrorvorstellung ist, gegen sich mit allen Mitteln zu wehren höchst ratsam ist.

Und ich sehe weitere ähnliche neue Grundrechte in der Zukunft entstehen. Beispielsweise wird das Bankgeheimnis wieder zu einem solchen Grundrecht werden, wenn sich ein Bankensystem im Darknet außerhalb jeder staatlichen Kontrolle bildet. Die Banken des Darknets werden selbstverständlich ihren Kunden ein Bankgeheimnis gewähren müssen, wenn sie überhaupt Kunden finden wollen. Und wenn der Staat – auch hier aus Gründen der technischen Unmöglichkeit – dagegen nichts tun kann, wird dies zum selbstverständlichen Grundrecht. Und dieses Grundrecht werden dann auch die heute vom Staat kontrollierten Banken wieder akzeptieren.

Und mit dem Recht auf das Bankgeheimnis entsteht ein weiteres Recht – das Recht auf unbesteuerte Einnahmen. Denn was der Staat gar nicht kennt, das kann er nun einmal nicht besteuern.

Für irgendwelche Gleichheitsrechte sehe ich hingegen keine Chance. Eine gleichmacherische Gesellschaft müsste den Einzelnen bis ins Detail kontrollieren, um überhaupt die Ungleichheiten herauszufinden, die sie beseitigen will. Und eine solche universelle Kontrolle ist etwas, was bei den heutigen technischen Kontrollmöglichkeiten ein so grässliches Orwellsches Horrorszenario ist, dass man sich auf jeden Fall dagegen wehren sollte – und das wirklich mit allen Mitteln.

Und so weiter, und so fort. In einer Welt, die sich so schnell ändert wie die heutige Welt, und in der sich das, was man tun kann, so schnell ändert, ändert sich auch die Moral, auch das, was gut und schlecht im Sinne rationaler Moral ist.

Für die Moral der Zukunft sehe ich Wiederbelebung einer ganz alten Moral voraus – der Moral der persönlichen Ehre, des eigenen Wortes. Und auch hier sehe ich einen technischen Grund dafür, dass diese Moral wiederkommen wird – es ist die Möglichkeit, dass von einem Wortbruch in der Informationsgesellschaft jeder erfahren kann. Das Internet vergisst nichts. Und ein Wortbruch ist etwas, was jedem Menschen wichtig ist, der vor der Frage steht, ob er mit jemandem einen Vertrag abschließen sollte. Er wird es sich dreimal überlegen, und nur noch zu sehr viel härteren Bedingungen dazu bereit sein, wenn er erfährt, dass der andere sein Wort bereits gebrochen hat. Die Frage hingegen, ob jemand gegen irgendwelche staatlichen Gesetze verstoßen hat – ob er mal gekifft hat beispielsweise – wird ihn dabei überhaupt nicht interessieren.

Und in solch einer Situation wird es natürlich für den Einzelnen sehr viel sinnvoller und wichtiger sein, darauf zu achten, dass er sein eigenes Wort hält, als darauf, ob er damit gegen irgendwelche Gesetze verstößt.

Hat ein solches Verständnis von Recht und Ethik allzu viel mit Naturrecht zu tun? Ich denke, in einer gewissen Hinsicht schon. Einer der zentralen Gedanken des Naturrechts ist ja, dass es sich aus der Natur ableiten lässt – der Natur des Menschen natürlich vor allem, aber doch auch der sonstigen Natur, der Umgebung, in der der Mensch lebt. Und so dürfte der Gedanke, dass eine solche Änderung der „natürlichen“ Umstände, unter denen wir leben, wie sie die Informationsrevolution mit sich bringt, auch das Naturrecht verändert, dem Naturrechtsgedanken nicht so fremd sein.

Dass weder Naturrecht noch Utilitarismus meinem Konzept einer rationalen Ethik entsprechen, dürfte jedoch auch klar sein. Allerdings erscheint mir die rationale Ethik dem Naturrecht bedeutend näher zu sein als dem Utilitarismus, schon weil es näher am individuellen Recht des Einzelnen orientiert ist, während der Einzelne im Utilitarismus egal ist, wenn es nur der Mehrheit etwas nützt.

Gleichheitsrechte?

Florian findet, dass ich übersehe,

dass real bestehende Gleichheitsrechte nicht vom Himmel gefallen oder von einem böswilligen Staat oktroyiert worden sind, sondern das Resultat lang anhaltender Konflikte sind.

Was genau er unter „Gleichheitsrechten“ versteht, ist mir leider nicht klar. Gleichheit vor staatlichem Gesetz ist natürlich im staatlichen Rahmen etwas, wofür zu kämpfen sich lohnt und was auch moralisch legitim ist. Die Goldene Regel ist auch ein Gleichheitsrecht – eins, was ich für die Grundlage der anarchistischen Moral halte – Anarchie bedeutet eben Gleichheit aller auch gegenüber Organisationen wie dem Staat, also ein Verbot für Sonderrechte des Staates.

Und, ja, dieses Gleichheitsrecht ist eines, für das es sich lohnt zu kämpfen. Denn die Herrscher sind eben auch nur Menschen, haben im Durchschnitt auch keine besseren Fähigkeiten als die Unterdrückten, und damit ist ihre Herrschaft ja auch immer unsicher. In gewissem Sinne ist der Kampf für Gleichheit in diesem Sinn einfach nur ein extrem wichtiger Teil des Kampfes für Freiheit. Auch wenn Freiheit eben noch mehr bedeutet, sich nicht mit, sagen wir, der Gleichheit unter der Scharia zufriedengibt, und auch gewisse Formen der Ungleichheit – aufgrund verschiedener Fähigkeiten, Bedürfnisse, und Verdienste – auch akzeptiert.

Andererseits wird ja heute die populäre Losung der Gleichheit missbraucht für erhebliche gewaltsame staatliche Umverteilung einerseits und ungleiche Rechte unter dem Banner der faktischen Schaffung von Gleichheit durch Quoten, Diskriminierungsverbote und ähnliches. Aber diese Art von Gleichheit ist schädlich, für die gesamte Gesellschaft, aber normalerweise sogar für den, der auf ersten Blick davon zu profitieren scheint. Ich bin jedenfalls froh, ein Mann zu sein, so dass mir keinerlei Gefahr droht, irgendwann mal in den Verdacht zu geraten, nur eine dumme Quotenfrau zu sein.

Von solcher „Gleichheit“ zu unterscheiden wäre die Frage nach einer minimalen Umverteilung. Klar, wenn man vor der Wahl steht, zu Verhungern oder sich fremdes Eigentum anzueignen, ist es durchaus verständlich, wenn man sich für das Zweite entscheidet. Aber diese Frage steht für den Großteil der Menschheit gar nicht. Außerhalb dieses Extrems ist es jedoch nicht sinnvoll, fremdes Eigentum anzutasten – kurzfristig mag man profitieren, aber als langfristige Strategie taugt es nichts.

Oder vielleicht doch?

Ja gut, es sei denn, man macht als Teil der Staatsmacht gemeinsame Sache mit der gerade stärksten Verbrecherbande. Auch das ist eine kurzfristige Strategie – aber, insbesondere bei großen Staaten, mag der Zeithorizont vor dem Zusammenbruch lang genug im Vergleich zu einem Menschenleben sein, dass dies egal ist, und eine moralisch anständige Strategie wird nicht verhindern, dass man unter dem dann folgenden Zusammenbruch zu leiden hat. Demokratie, insbesondere in großen Staaten, ist eben ein Beispiel für Marktversagen, nämlich das Versagen des politischen, demokratischen Marktes.


9 Antworten auf „Grundrechte in einer rationalen Ethik“


  1. 1 alfons 30. Oktober 2012 um 14:14 Uhr

    Wie ichs mir hier gewohnt bin: originelle Ideen und Gedanken sehr elegant und klar formuliert!

    Bezüglich der optimistischen Haltung gegenüber der Ausweitung der Grundrechte in ihrem Sinne, möchte ich noch folgendes fragen:

    (Die optimistische Haltung begründet sich ja in den verheissungsvollen Möglichkeiten des freien Internets.)

    Ist es plausibel anzunehmen, dass es in den nächsten Jahren immer eine genügend grosse Masse geben wird, die mit allen zur Verfüngung stehenden Mitteln für ein freies Internet einstehen werden? Haben die Leute genung Freiheitswilen?

    Ich kenne mich mit den technischen Details rund ums Netz nicht aus und kann deshalb auch nicht abschätzen, welche Möglichkeiten vorhanden wären um das freie Internet, das ja sehr wohl ein Dorn im Auge vieler ist, zu „zähmen“…

    (Im Moment habe ich so das Gefühl, dass wir uns in einem Wettrennen befinden: Das Internet trägt zur wahrhaftigen Aufklärung vieler bei; gleichzeigtig versucht natürlich ein „System“ – mit immanentem „Totalitätswunsch“ – dem entgegen zu wirken.
    Kann also die Aufklärung genügend schnell genügend viele Menschen erreichen, verliert das „System“; schafft es das „System“ hingegen die aufklärerischen Tendenzen genügend schnell zu unterbinden, gewinnt das „System“…)

  2. 2 libertarian 30. Oktober 2012 um 18:50 Uhr

    Danke fürs Kompliment. Sicherlich, einen Kampf wird es geben und gibt es ja schon. Nur, wenn das System halt solche Dummheiten macht wie Besitz von Jugendpornographie zu verbieten, werden natürlich viele, die einfach nur überhaupt Pornos haben und sich nicht sicher sein können, ob da nicht doch irgendwo eine 17jährige dabei sein könnte, aus Sicherheitsgründen schnell lernen, wie man Tor verwendet und den eigenen Rechner mit truecrypt sichert.

    Und meine Hypothese ist, dass der Kampf zugunsten der Freiheit ausgeht, einfach weil wir das Glück haben, dass verschlüsseln so sehr viel einfacher ist als Verschlüsselung zu knacken, und diese eine Frage einfach so zentral ist.

    Am Freiheitswillen der Masse zweifle ich auch, aber am Bedürfnis nach Sicherheit des Einzelnen auch vor dem Staat eigentlich weniger. Und wer dieses Sicherheitsbedürfnis befriedigt – heute halt mit Tor und truecrypt – hat aber auch schon alles was nötig ist, um das heute schon existierende freie Darknet zu nutzen.

    Dasselbe Sicherheitsbedürfnis wird die Leute dazu bringen, ihre privaten Seiten aus dem Clearnet ins Darknet zu verschieben. Und so erwarte ich eigentlich, dass das heutige offene Internet zum Kindergarteninternet verkommt, während die eigentliche, unzensierte Informationsverbreitung sich im Darknet abspielen wird.

    Ich glaube also nicht an große Massenbewegungen für Freiheit, sondern an allgemeine Verbreitung der Sicherheitstipps für Pornogucker, durch die jedermann den Zugang zur freien Information gleich mitgeliefert bekommt, und dann auch mit nutzen wird. Dass Bewegungen wie gegen Zensursula trotzdem gut und wichtig sind, ist eine andere Frage. Ich halte aber für viel wichtiger, dass Verschlüsselung technisch nicht zu knacken ist.

  3. 3 earendil 31. Oktober 2012 um 11:52 Uhr

    Du musst auch in jedem Text mindestens einen saftigen Kalauer unterbringen, wie?

    Und damit wird das Recht, sich beliebige Daten zu beschaffen, zum grundlegenden, fundamentalen Eigentumsrecht.

    Informationsfreiheit als Eigentumsrecht? LOL. Bekanntlich ist es, neben staatlicher Zensur, gerade das Eigentumsrecht, und zwar das auf „geistiges Eigentum“, was „das Recht, sich beliebige Daten zu beschaffen“, erheblich einschränkt. (Ob du selber „geistiges Eigentum“ ablehnst, ist dabei völlig nebensächlich.) Informationsfreiheit ist gerade das Gegenteil von Eigentumsrechten, da die Informationen für Alle nutzbar sind, anstatt der exklusiven Verfügungsgewalt von Privateigentümern zu unterliegen.

  4. 4 libertarian 31. Oktober 2012 um 12:09 Uhr

    Ja, die Information, die ich mir runtergeladen habe, ist mein Eigentum. Natürlich widerspricht das dem Copyright – ja und? Ein Grund für das Schreiben dieses Artikels war ja gerade, dass die Frage, was genau Eigentum ist, eine praktische Frage ist, und sich eben nicht aus irgendeinem abstrakt hergeleiteten Naturrecht logisch herleiten lässt. Ganz abgesehen von der Absurdität des Rechtspositivismus in Bezug auf Eigentumsrecht, den du hier vertrittst.

    Und, nein, die Informationen, die ich besitze, sind nicht für alle nutzbar. Für alle sind nur die Informationen nutzbar, die ich veröffentliche. Oder die mir jemand klaut und dann veröffentlicht. Mit truecrypt kann ich letzteres aber ganz gut verhindern.

  5. 5 earendil 01. November 2012 um 11:25 Uhr

    Ja, die Information, die ich mir runtergeladen habe, ist mein Eigentum.

    Eben nicht, du Horst! Nicht, solange andere die auch runterladen können. Der Witz am Eigentum ist ja nicht, dass du es als Eigentümer nutzen kannst wie du willst, sondern dass NUR du das kannst, und andere nicht!

    Rechtspositivismus in Bezug auf Eigentumsrecht, den du hier vertrittst

    ???
    (Also natürlich bin ich Rechtspositivist in dem Sinne, dass ich Recht nicht aus einer ominösen Natur, sondern der Gesellschaft ableite. Aber worauf du gerade hinauswillst, erschließt sich mir nicht.)

    Und, nein, die Informationen, die ich besitze, sind nicht für alle nutzbar. Für alle sind nur die Informationen nutzbar, die ich veröffentliche.

    Ja, klar. Aber es geht hier ja nur um in irgendeiner Form veröffentlichte Informationen.

    Aber wenn du es schon ansprichst: Du willst Informationen geheimhalten? War nicht eben noch die Rede vom „Recht, sich beliebige Daten zu beschaffen“?

  6. 6 libertarian 01. November 2012 um 13:35 Uhr

    Natürlich ist mein Eigentum nur die Kopie, die ich runtergeladen habe. An die kommst du ja nicht ran, einfach so sowieso nicht, und wenn ich truecrypt benutze nichtmal wenn du bei mir einbrichst und meinen Computer klaust. Die Quelle, aus der ich die Informationen beziehe, gehört jemand anderem. Rechtspositivist nannte ich dich wegen

    Ob du selber „geistiges Eigentum“ ablehnst, ist dabei völlig nebensächlich.

    Das suggeriert nunmal, es würde irgendeine Rolle spielen, was der Staat (oder wer auch immer, meinetwegen auch irgendeine „Gesellschaft“) darüber denkt.

    Mit dem Recht, sich beliebige Daten zu verschaffen, ist natürlich nicht das Recht gemeint, überall einzubrechen und Informationen von geklauten Computern zu holen, und notfalls Passwörter durch Folter oder Erpressung zu beschaffen. Es bedeutet nur, dass ich Informationen beschaffen darf, wo ich sie finde, sie dann auch (da sie, einmal beschafft, mein Eigentum sind) weiterverbreiten kann, und dabei nicht verpflichtet bin, mir irgendeinen Kopf darüber zu machen, ob die Informationsquelle auf legitime Art an die Information gekommen ist, die sie verbreitet.

    Also, du darfst deine Informationen geheimhalten, du darfst sie andern auf Vertragsbasis überlassen, mit strengen Strafen für Weiterverbreitung – wer solche Verträge unterschreibt, weiß halt was er tut. Aber wenn der dann das Zeug an mich weiterverbreitet, hast du mir gegenüber Pech gehabt. Hat er sie unter Vertragsverletzung weiterverbreitet, halte dich an ihm schadlos. Mir ist das egal. Ich werde weder meine Kopie zerstören noch auf mein Naturrecht auf Weiterverbreitung verzichten.

    Das ist Naturrecht in dem Sinn, dass du ein anderes, dem widersprechendes Recht faktisch gar nicht durchsetzen kannst, jedenfalls nicht in einer Welt mit Tor und truecrypt.

  7. 7 earendil 02. November 2012 um 18:08 Uhr

    Klar, die Bytes auf deiner Festplatte sind dein Eigentum, aber eben nicht die Information selbst. (Gut, in Zeiten von DRM ist noch nicht mal ersteres selbstverständlich…)

    Das suggeriert nunmal, es würde irgendeine Rolle spielen, was der Staat (oder wer auch immer, meinetwegen auch irgendeine „Gesellschaft“) darüber denkt.

    Ähm… ja sicher spielt das eine Rolle! Kannst du ganz einfach testen, indem du hier irgendwas urheberrechtlich geschütztes einstellst.

    Dass die Reichweite der Staatsgewalt begrenzt ist, ist klar. Darum gibt es ja Unterschiede zwischen de jure und de facto. Das hat aber nix mit Naturrecht zu tun. Oder ist Kinderprostitution etwa ein „Naturrecht in dem Sinn, dass du ein anderes, dem widersprechendes Recht faktisch gar nicht durchsetzen kannst“, jedenfalls nicht in einer Welt mit Flugverkehr und Tourismus?

  8. 8 libertarian 08. November 2012 um 0:07 Uhr

    Es geht sicherlich um den Unterschied zwischen de jure und de facto. Wenn der Unterschied eben so groß ist, dass es rational wird, de jure einfach zu ignorieren, dann ist das de jure für die rationale Ethik irrelevant, und Betrachtungen darüber, dass ich nicht Eigentümer der Information auf meinem Computer wäre, werden einfach nur lächerlich.

    Hier hingegen, in einer Situation wo mein Klarname problemlos herauszufinden ist, Copyright-Verstöße zu begehen wäre einfach nur dumm. Wenn man sowas tun will, macht man das woanders. So in etwa wie man gewisse Sachen eben auf Toilette und nicht am Essenstisch macht.

  9. 9 Robert Nef 16. Januar 2013 um 11:24 Uhr

    Danke für die hoch interessante und spannende Auseinandersetzung. Ich beschäftige mich seit 50 Jahren mit der Frage, was Eigentum bedeutet, und stosse immer wieder auf die hoch komplexe Vernetzung des Privateigentumns (gibt es ein anderes?) mit den andern tradierten Institutionen des Privatrechts. Kann das Sachenrecht unabhängig vom Personenrecht, vom Familienrecht, vom Vertragsrecht und vom Haftpflichtrecht richtig verstanden werden, oder bilden alle diese Privatrechte ein komplexes System? Eine meiner historisch begründeten Thesen: „Die Geburt des Eigentums aus dem Geist des Erbens bzw. des Vererbens“. Mit dem Tod endet die Verknüpfung von Individuum und Sache, aber es besteht ein Interesse daran, die Verknüpfung nicht subito erlöschen zu lassen. Ein ganz wichtiges Thema ist die Isolierbarkeit in Raum und Zeit. Das Nachbarrecht im weitesten Sinn. Wie isolierbar sind Sachen? Rechte? Informationen? Was kann man in einer hoch interaktiven Welt noch ohne Beeinträchtigung eines räumlichen und zeitlichen Gesamtzusammenhangs isolieren und mit einem Individuum verknüpfen, das ein legitimes Ausschlussrecht hat, das andern nicht schadet. Sicher mehr als allgemein vermutet wird. Ich hoffe natürlich: möglichst viel, aber wohl nicht alles.
    Eigentlich wollte ich nur auf das Problem der grundsätzlich schadlosen Isolierbarkeit aufmerksam machen. Spannend wird dies im Zusammenhang mit Grundstücken, deren wert wesentlich von der Vernetzung mit einer tatsächlich öffentlich (oder einfach von andern) finanzierten Infrastruktur abhängt. Wie isolierbar ist Boden? Ein Biotop? Ein Stück Engadin, oder ein Stück Schweiz?

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