Archiv für Januar 2013

Gefahr für die Demokratie …

Die Pläne der EU, die Medien stärker zu überwachen (siehe FAZ , oder auch direkt das Original „The Report of the High Level Group on Media Freedom and Pluralism“) hat ja schon einige nicht so freundliche Kommentare (Sezession, eigentümlich frei) erhalten. Ich hingegen lehne mich zurück und genieße:

There should be streamlining and coordination of support and funding for quality journalism

Ich vermute hier einen Druckfehler – inhaltlich ist hier sicherlich „mainstream-lining“ gemeint, oder? Ansonsten ist natürlich schön zu hören, dass das, was die EU-Bürokratie als „Qualitätsjournalismus“ ansieht, fast Pleite ist und finanzielle Stützung aus der Staatskasse braucht.

Interessant auch wovon man sich bedroht sieht und wogegen man kämpfen will:

At the same time, the public service aspect and democratic function of media can come under threat either through political interference, undue commercial influence, or increasing social disinterest and indifference on the part of the general public.

Politiker die gegen politische Einmischung kämpfen wären mal eine Abwechselung – hat jemand sowas schon mal gesehen? Ich vergaß – man meint natürlich bloß Einmischung durch Politiker der falschen politischen Richtungen. Dass die Sozialisten natürlich gegen böse kapitalistische Medienmacht kämpfen – geschenkt. Aber das soziale Desinteresse als Feindbild – das hat was. Die Bürger glauben nicht mehr die Lügen der Mainstreammedien und bestrafen diese mit Desinteresse? Schlimm. Dagegen muss gekämpft werden.

Media councils should have real enforcement powers, such as the imposition of fines, orders for printed or broadcast apologies, or removal of journalistic status. The national media councils should follow a set of European-wide standards and be monitored by the Commission to ensure that they comply with European values.

Es wird also zwei Arten von Seiten im Internet geben: Die von den „media counsils“ zensierten Medien und den einfachen Bürger. Glücklicherweise erhalten diese Medien einen besonderen „journalistic status“. Das stelle ich mir wie die Warnungen auf den Zigarrettenschachteln vor: „Vorsicht, diese Zeitung enthält Beiträge von Journalisten.“ oder als Variante „Vorsicht, dieser Artikel verbreitet Europäische Werte“.

Allerdings bedeutet dies nicht, dass die einfachen Bürger einfach so schreiben dürften was sie wollen:

Member States should ensure that appropriate instruments are put in place for identifying those responsible for harming others through the media, even in the online space. Any internet user-data collection necessary for this purpose, however, should be kept confidential and made available only by a court order.

Heißt das, Seiten wie diese hier, wo man einen Blog auch über das Tor-Netzwerk betreiben kann, so dass der Staat nicht an die Identität der Autoren herankommt, sollen illegal gemacht werden? Egal, muss man halt ins Tor-Netzwerk umziehen.

Such developments undoubtedly have a potentially negative impact on democracy. Thus we may come to read and hear what we want, and nothing but what we want.

Also, wir könnten lesen und hören was wir wollen, und nichts als das was wir wollen. Das hat zweifellos einen potentiell negativen Einfluss auf die „Demokratie“. Die funktioniert schließlich nur, wenn eine notdürftig als „Pluralismus“ getarnte politisch korrekte Einheitmeinung die Medien beherrscht.

Das Internet beginnt so langsam aber sicher, die Mainstreammedien zu gefährden.

Aber wie funktioniert das?

Eine Frage ist es aber wert, noch mal genauer durchdacht zu werden. Wie kann es sein, dass Informationen, die lediglich von einfachen Bürgern in ihrer Freizeit ins Netz gestellt werden, die etablierten professionellen Medien, die noch dazu, wie offensichtlich geplant, von Staatsknete bezahlt werden, gefährden? Eigentlich ein Wunder.

Aber, wenn man es sich genauer überlegt, dann doch wieder nicht. Denn es geht ja gar nicht darum, ob etablierte, professionelle Leute es nicht besser machen könnten als Laien. Das könnten sie durchaus, wenn es nur um die Verbreitung von Information ginge, nur um die neutrale Auswertung von Daten, nur um populäre Aufbereitung des Fachwissens.

Doch darum geht es ja gar nicht. Es geht um etwas anderes: Es geht um die Durchsetzung einer politisch korrekten Einheitsmeinung. Die ist heute, im Gegensatz zu klassischen kommunistischen und faschistischen Diktaturen, getarnt durch eine als „Pluralismus“ verkaufte Aufspaltung der Medien- wie der Parteienlandschaft in ein paar einander in Kleinigkeiten bekämpfende große Parteien. Bei den vielen Kleinigkeiten, über die sich die Parteien und deren Medien streiten, fällt nicht weiter auf, in wie vielen Themen sie ohne Diskussion eine Einheitsmeinung vertreten. Die Wenigen, die ab und zu mal von der Einheitsmeinung Abweichendes publizieren können, kann man mit Leichtigkeit als Außenseiter, Spinner oder Konspirationstheoretiker diffamieren und ansonsten einfach nur ignorieren.

Es ist diese Technik der Etablierung einer faktischen Einheitsmeinung, die nicht mehr funktioniert. Warum nicht? Nun, auch diese Technik könnte funktionieren, wenn die Einheitsmeinung wirklich die rational gesehen beste wäre, also die am besten begründete, am besten von den Fakten des realen Lebens unterstützte. So zeichnen sich die Wissenschaften zwar auch durch eine Menge Streit aus, aber auch dieser Streit scheint nur Streit um Kleinigkeiten zu sein – genau wie oben beschrieben. In vielen wichtigen Fragen gibt es jedoch in der Wissenschaft keinen Streit.

Das Pech ist nur, dass die politische Herrschaft diese, nennen wir sie einmal rationale, Position nicht mag. Denn nach dieser rationalen Position wäre es viel sinnvoller, viele Fragen, die heute vom Staat reguliert werden, dem freien Markt zu überlassen. Aus verständlichen Gründen mögen die Politiker dies gar nicht – sie wollen schließlich möglichst alles kontrollieren.

Nur, das genau können sie nicht rational begründen. Das heißt, die Einheitsmeinung muss eine sein, die sich nicht rational begründen lässt. Und somit können die Journalisten, die diese Einheitsmeinung verbreiten sollen, auch nicht das Mittel der rationalen Argumentation zur Hilfe nehmen, um die alternativen Positionen zu bekämpfen.

Trotzdem, in der klassischen Zeit hatten sie dazu ein einfaches Mittel: Gefährliche Alternativen wurden entweder einfach totgeschwiegen, oder diejenigen, die sie vertraten, wurden persönlich diffamiert.

Aber genau das klappt inzwischen immer weniger, aus dem einfachen Grund weil ein vollständiges Totschweigen inzwischen unmöglich geworden ist. Und die Opponenten können nicht nur ihre Position darstellen, sie können sie durchaus auch ausführlich begründen. Denn dazu braucht es nicht so viel – auch ein Einzelner, der sich genauer mit einem Thema beschäftigt, reicht ja aus, um die Argumente für seine Position genau und detailliert darzustellen.

Und so werden immer mehr Alternativpositionen mit der Zeit immer besser im Netz präsentiert. Die Folge: Immer mehr Menschen merken, bei dem einen oder anderen Thema, dass es dazu noch andere Positionen gibt als die in den Mainstreammedien verbreitete. Und sie können sich die Argumente für die Alternativen unzensiert ansehen, ohne dazu allzu lange recherchieren zu müssen. Und, wenn sie das einmal tun, finden sie immer häufiger, dass die von den Mainstreammedien völlig totgeschwiegene Alternative die besseren Argumente hat.

Das muss nicht einmal heißen, dass die alternative Position auch die richtige ist. Nicht einmal, dass sie wirklich die besseren Argumente hat. Der Punkt ist einfach nur, dass die Strategie der Mainstreammedien, solche Alternativen einfach nur totzuschweigen, oder bestenfalls mit billigem ad hominem zu diffamieren, auch einen Nachteil hat: Die Argumente, die für die Mainstreamposition sprechen, werden nicht adequat dargestellt.

Die Alternativen können so eine Strategie gar nicht verwenden – die Mainstreamposition und die Argumente dafür, die man bringen kann, ohne die Alternativen überhaupt zu erwähnen, sind ja allgegenwärtig. Und so müssen sie notgedrungen auch beantwortet werden, und das mit inhaltlichen Gegenargumenten. Mit anderen Worten, die Alternativen argumentieren inhaltlich, und gehen auf Gegenargumente des Mainstream ein. Der Mainstream hingegen argumentiert mit Hetze gegen die Personen, und verweigert die inhaltliche Kritik der alternativen Positionen.

Und dies ist etwas, was mit der Zeit auffällt. Zuerst bei einem Thema, meist einem, was einem persönlich wichtig ist, und wo man auch persönlich nachvollziehen kann, dass die alternative Position die besseren Argumente hat. Aber dies breitet sich schnell aus. Es ist ja auch die Frustration über die Ignoranz und die Diffamierungsstrategien was diese erste, persönlich wichtige Frage betrifft, die dazu führt, dass man genau dies auch in der Mainstream-Berichterstattung zu anderen Fragen erkennt. Einmal als generelle Strategie erkannt, wird sie jedoch wirkungslos. Im Gegenteil, der einmal in einer Frage enttäuschte Leser wird auch bei anderen Themen zumindest erst einmal nachsehen, was denn genau die Vertreter alternativer Positionen dazu zu sagen haben. Und dort dasselbe Schema erkennen: Ignoranz und Diffamierung vom Mainstream gegen inhaltliche Argumentation von den Opponenten.

Und wenn man diese Stufe erreicht hat, geht man recht schnell zur nächsten Stufe über: Man lernt, Ignoranz zu ignorieren und Diffamierungen zurückzuspiegeln. Dass eine Position vom Mainstream ignoriert wird, lernt man zu ignorieren – es bedeutet ja nun einmal nicht, dass es keine Argumente für sie gäbe. Dass die Verteidiger der Position persönlich angegriffen werden, wird hingegen zum Qualitätskriterium: Wer persönlich angreift, tut dies, weil er keine inhaltlichen Argumente hat. Und so schneidet sich der Mainstream mit persönlichen Diffamierungen zunehmend ins eigene Fleisch.

Das Interessanteste an diesem Mechanismus ist, dass der Leser selbst gar nicht so viel selbst recherchieren muss: Ob die Fakten korrekt sind, kann ja offenbleiben, wenn nur die eine Seite überhaupt Fakten zu bringen behauptet, während sich die andere Seite mit Totschweigen und persönlichen Angriffen begnügt. Es ist ja bereits das Fehlen von inhaltlichen Gegenargumenten, welches hier überzeugt.

Und so können wir uns beruhigt zurücklehnen: Staatsknete für Journalisten wird die Journalisten nicht glaubwürdiger machen, denn wenn es nun einmal keine inhaltlichen Argumente für eine Position gibt, kann auch diese Knete keine hervorzaubern.

Und damit ist die Einheitsmeinung – und damit auch die Demokratie – in der Tat in Gefahr.