Archiv für Juni 2013

Antwort an Boehringer, Teil 2

Der zweite Teil meiner Antwort an Boehringer dient der Untersuchung seiner Argumente gegen meinen Vorschlag für ein Schiedsgerichts- und Reputationssystem. Sein erstes Argument betrifft die Datengrundlage, die sich so erhalten lässt:

haben eben auch Beschränkungen. Im Falle von Schiedsgerichten sehe ich folgende [ ]:
a) Wie oft waren Sie in Ihrem Leben schon als Streitpartei vor Gericht? Der Durchschnittsbürger vermutlich weniger als einmal. Woher soll also die für eine Reputations-Scoringplattform erforderliche Datenbasis kommen? Wer nie vor Gericht steht, kann auch keinen „track record“ bzgl. freiwilliger Akzeptanz von privatrechtlich ergangenen Schiedssprüchen aufbauen.
b) Und selbst wenn er (bei kleinen Streitigkeiten) einen positiven solchen track record aufgebaut hätte, wäre die Versuchung groß, in einem WEITEREN, dann WIRKLICH RELEVANTEN Fall, in dem es um viel Geld geht, eine Niederlage vor dem Schiedsgericht eben NICHT zu akzeptieren. Dann endet die Funktionabilität der privaten, „freiwilligen“ Schiedsgerichte sehr schnell… Das ist was anderes als eine Ebay-Sternchen-Reputation, die auf vielleicht 50+ An- und Verkäufen unter 200 EUR basieren kann.

Die Funktionalität der schwarzen Liste beruht allerdings gar nicht auf einem positiven „track record“. Die möglicherweise in der schwarzen Liste gespeicherte Information ist rein negativer Natur: Wer einen Eintrag hat, hat einen Vertrag geschlossen, dabei einen Schiedsrichter für Streitfragen als letzte Instanz akzeptiert, hat in der Folge jedoch dessen Urteil nicht akzeptiert.

Ist sie deswegen wirkungslos? Keineswegs. Jeder normale Mensch, der mit einem anderen einen Vertrag schließen will, wird sich für diese Information interessieren, und auf sie zugreifen, wenn sie zur Verfügung steht. Damit ist ein Eintrag in eine solche schwarze Liste, zumindest wenn diese weithin bekannt und leicht zugreifbar ist, ein nicht unerheblicher Nachteil für denjenigen, der ihn erhält. Denn damit werden all seine zukünftigen Vertragsabschlüsse belastet.

Und diese Belastung durch einen möglichen Eintrag bedeutet eine Sicherheit für diejenigen, die Verträge abschließen. Wenn sie selbst dabei nicht das Ziel haben, diese zu brechen, und sich im Streitfall dem Schiedsgerichtsurteil unterwerfen wollen, dann bedeutet die Verwendung dieses Systems für sie einen nichttrivialen Zuwachs an Sicherheit, den sie faktisch kostenlos erhalten. Weigert sich der Vertragspartner, daran teilzunehmen, macht ihn dies suspekt. Daher kann sich das System problemlos auf freiwilliger Basis ausbreiten.

Behindert die Möglichkeit, dass man in einem wichtigen Fall auf den Eintrag pfeifen kann, die Ausbreitung dieses Systems? Ohne Frage ja. Nur wird es sie nicht verhindern können. Denn für kleinere Verträge, wie eben die erwähnten Käufe und Verkäufe auf Handelsplattformen wie ebay, ist diese Gefahr ja nicht so wesentlich. Eine zusätzliche Strafe für einen Vertragsbruch ist der Eintrag in die schwarze Liste in jedem Fall, die Schwere der Strafe ist schwer abzuschätzen, aber allein schon dadurch, dass sie lebenslänglich und global wirkt, nicht ganz unerheblich. Und so dürfte sie schon in ihrer Anfangsphase für kleinere Verträge ausreichende Abschreckung vor einem Vertragsbruch bieten.

Mit der Ausbreitung des Systems wird die abschreckende Wirkung eines Eintrags zunehmen. Und damit natürlich auch der Betrag, der groß genug ist, damit es sich lohnt, auf diesen Eintrag zu pfeifen.

Wir sollten hierbei auch nicht vergessen, um welche Frage es geht: Nämlich um Strukturen, die in der Anarchie funktionieren und heutige Staatsfunktionen ersetzen können. Hier haben wir eine Struktur, die sogar in feindlicher, staatlicher Umgebung nicht nur überleben, sondern entstehen und sich ausbreiten könnte. Selbst wenn die Teilnahme am System überhaupt verboten wäre – für die, die einen Eintrag mit Namen und Adresse in die schwarze Liste bekommen, wäre eine zusätzliche staatliche Strafe wegen Beteiligung am System noch eine zusätzliche Abschreckung, die das System sogar noch stärken würde.

In der Anarchie würde allerdings die Möglichkeit entfallen, die heute jedem zur Verfügung steht – eine Klage beim staatlichen Gericht, und die darauf folgende Durchsetzung des Urteils durch die Polizei. Und weil diese heutige Möglichkeit nicht mehr zur Verfügung steht, sondern man sich für eine zivilisierte Streitschlichtung auf die Strukturen der anarchistischen Gesellschaft zurückziehen müsste, die aber eben auf Schiedsgerichten beruht, wäre der Eintrag also noch viel verhängnisvoller als heute.

Die schwarze Liste würde also funktionieren, und eine wichtige Funktion erfüllen: Die der Abschreckung vor Vertragsbrüchen. Die Information, die sie liefert, ist allerdings nur negativ: Alles ist gut wenn kein Eintrag vorhanden ist, ein Eintrag ist jedoch extrem negativ. Die Frage, auf welche Art und Weise man positive Reputation erwerben kann, ist eine ganz andere. Sie ist wichtig, aber zweitrangig. Denn das Schiedsgerichtssystem funktioniert, wenn es erlaubt, Verträge abzuschließen, Schiedsrichter auszusuchen, und die Schiedsrichterentscheidungen in der Regel akzeptiert werden. Das „in der Regel“ ist aber gewährleistet, wenn jeder Mensch nicht mehr als einmal dagegen verstoßen kann.

Technische Probleme?

Nur, ist eine solche globale schwarze Liste technisch umsetzbar, und dies mit Methoden, die mit einer anarchistischen Welt kompatibel sind? Boehringer bezweifelt dies:

Es gibt praktisch zu NICHTS auf der Welt global gepflegte Datenbanken – und das ist auch GUT SO, denn es wäre nur zentralistisch-totalitär umsetzbar!

Also ich kennen eine ganz gut gepflegte und von ihrer Struktur her anarchie-kompatible Datenbank sehr wohl. Ich habe sie seinerzeit mit großem Vergnügen genutzt: Das USENET.

Die schwarze Liste erfordert sogar weitaus weniger zentralistische Strukturen. Denn eigentlich erfordert sie nur ein Protokoll. Es muss definiert sein, wie ein korrekter Eintrag in die schwarze Liste aussieht. Und das ist vom Prinzip her klar und einfach: Die Identifikatoren des Vertragsbrechers und des Schiedsrichters, eine Akzeptanzerklärung für den Schiedsrichter mit elektronischer Unterschrift des Vertragsbrechers, und eine Erklärung des Schiedsrichters darüber, dass er ein Urteil gefällt hat und dieses vom Vertragsbrecher nicht akzeptiert wurde, mit elektronischer Unterschrift des Schiedsrichters. Sollten Informationen über die Person des Vertragsbrechers wie der Klarname oder Adresse bekannt sein, gehören sie auch dahin. Die Festlegung eines solchen Datenformats ist mit anarchistischen Prinzipien problemlos kompatibel. Und, da problemlos anhand des Eintrags selbst nachprüfbar ist, ob die Unterschriften zu den Identifikatoren gehören, erfordert die Korrektheitsüberprüfung der Einträge keinerlei zentrale Kontrollstruktur.

Die Verbreitung ist hingegen, genau wie beim USENET, unproblematisch ohne eine zentrale Instanz zu bewerkstelligen. Es ist sogar einfacher als beim USENET, da faktisch jeder an allen Einträgen interessiert sein dürfte, und somit keine Auswahl erfolgen müsste.

Alle anderen Bestandteile des Schiedsgerichtssystems sind hingegen lokal und basieren auf Freiwilligkeit.

Überwachungsstaat?

Ein weiterer Einwand Boehringers beruht auf der natürlichen Angst vor einem Überwachungsstaat:

Mich als Libertären schüttelt es geradezu bei dem Gedanken, dass eine solche Globalerfassung höchst persönlicher Daten und ein virtueller Pranger praktisch ohne opt-out-Funktion (denn das könnte sich im ISchmelzer-Überwachungsstaat niemand mehr ohne gesellschaftliche Ausgrenzung erlauben, wer nichts zu verbergen hat, kann sich doch scoren lassen…) Voraussetzung für einen funktionierenden Privatrechtsstaat sein sollte.

Allerdings ist es ziemlich übertrieben, von „höchst persönlichen Daten“ zu sprechen.

Denn das einzige, was die schwarze Liste speichert, ist etwas, was in so ziemlich jeder Rechtstradition öffentlich ist.

Die Auffassung, dass Gerichtsverhandlungen öffentlich sein sollten, ist zumindest weit verbreitet. Es sind die geheimen Gerichte, die von totalitären Staaten und inzwischen leider auch von den USA vorgezogen wurden, die am ehesten Schrecken verbreiten, und die konsequente Ablehnung von Geheimgerichten ist eine zentrale nicht nur libertäre, sondern auch ganz allgemein liberale Forderung. Nun kann man, sicher auch mit guten Argumenten, auch eine private Streitschlichtung durch einen privat ausgewählten Schiedsrichter als Privatsache ansehen, und daher darauf bestehen, dass auch die Verhandlung selbst privat bleiben müsste. Und sogar das Urteil selbst kann man als Privatsache betrachten. Die schwarze Liste enthält allerdings noch viel weniger: Weder die Verhandlung muss öffentlich sein, noch das Urteil, ein Eintrag erfolgt lediglich darüber, dass ein Urteil erfolgt ist und dieses Urteil vom Vertragsbrecher nicht akzeptiert wurde.

Was an einer Schiedsgerichtsverhandlung öffentlich ist und was nicht, können die Beteiligten ganz normal untereinander ausmachen. Es ist somit Teil der Vertragsfreiheit. Man darf sich gerne auch darauf einigen, dass bei einer Ablehung des Schiedsgerichtsurteils kein Eintrag in die schwarze Liste erfolgen darf. Auch das ist Vertragsfreiheit. Die viel natürlichere Festlegung ist allerdings, für beide Seiten, dass in diesem Fall ein Eintrag erfolgen sollte. Und somit geht es gar nicht um Veröffentlichung persönlicher Daten, sondern um freiwillig akzeptierte Regelungen darüber, wie öffentlich bei einem Vertragsstreit die Schiedsgerichtsverhandlung ist.

Also, entweder Peter Boehringer ist bereit, die Vertragsfreiheit in einem wichtigen Punkt einzuschränken. Dann will er aber eine globale Reglementierung durch seinen Minimalstaat, nicht ich. Und diese Reglementierung hätte totalitären Charakter, weil sie verbieten würde, zentrale Informationen über das Ergebnis einer Gerichtsverhandlung zu veröffentlichen. Oder er erlaubt eine solche Veröffentlichungsklausel in Verträgen. Dann ist seine Klage über das Sammeln privater Informationen unbegründet, denn er würde dies selbst auch zulassen.

Die globale pseudonyme Identifikationsnummer

Boehringer hat allerdings noch ein anderes Problem, und dieses Problem hat durchaus einen nichttrivialen Hintergrund, der genauer beleuchtet werden sollte. Das Problem, dass eine solche schwarze Liste maschinell auswertbar sein muss, und dass man somit Identifikatoren für Personen braucht. Globale Identifikatoren. Einerseits vermutet Boehringer, es könne hier technische Probleme geben:

Anonymisierung läuft in weltweiten DBs nicht – Nicknames statt Klarnamen sind hackbar und fälschbar. Ihre Idee wird NIEMALS EDV-technisch sicher i.S.v. datengeschützt umsetzbar sein – und ist darum mE hoch gefährlich.

Dieses technische Problem sehe ich allerdings nicht. Eine weltweite Id, die fast alle Bedingungen erfüllt, die für die schwarze Liste erforderlich sind, habe ich bereits. Ich teile sie jedermann gerne mit: ittnogbyzii4hzgz Diese Nummer ist maschinenlesbar, dazu ist sie gemacht worden.

Angelegt habe ich sie mir, um mich vor staatlicher Überwachung zu schützen. Es ist meine Torchat-Id. Wenn ich torchat anschalte, kann mich jeder in der Welt, der auch torchat betreibt, kontaktieren. Wir können dann chatten, vielleicht auch ein paar Dateien hin- und herschicken. Das alles funktioniert von Anfang bis Ende sicher verschlüsselt. Und das über Tor, d.h. selbst mein Gesprächspartner kriegt nicht mal meine IP raus, wenn er so mit mir kommuniziert.

Der Datenschutz erfolgt hierbei natürlich auf anarchistische Art. Damit ich überhaupt als derjenige akzeptiert werde, der sich hinter ittnogbyzii4hzgz verbirgt, muss sich auf meinem Computer ein privater Schlüssel befinden. Der befindet sich natürlich nicht einfach nur auf meinem Computer, sondern verschlüsselt in einem truecrypt-Container.
Man muss mich also schon zu Hause überfallen, wenn ich diesen gerade offen habe, um sich diesen anzueignen.

Oder meinen Computer hacken. Was natürlich schon eine ernsthafte Gefahr ist. Aber diese Gefahr besteht auch bei allem, was ich über den Computer heute schon mache. Beispielsweise beim online-Banking. Es ist also eine Gefahr, die für mich Teil des allgemeinen Lebensrisikos ist. Die Gefahr, dass jemand einen Geldautomaten hackt, und mit der Information, die er dadurch bekommt, dass ich den zum Geldabheben benutze, mein Konto abräumt, ist jedenfalls deutlich größer.

Was für den Anarchisten sehr wichtig ist: Hinter dieser Torchat-Id steht keine zentrale Verwaltung von Torchat-Ids, wie sie hinter Telefonnummern oder Skype-Namen steht. Und doch ist sicher, dass niemand sich die Nummer ittnogbyzii4hzgz einfach so schnappen kann. Er braucht dazu meinen privaten Schlüssel, der zu Hause auf meinem privaten Computer und dort nochmal extra geschützt im privaten truecrypt-Safe liegt.

Ich verrate mal noch ein Geheimnis: Dort liegt noch ein weiterer privater Schlüssel herum, der zu einer anderen Torchat-Id gehört. Diese andere Torchat-Id gehört zu einem Pseudonym von mir. Ich verrate hier natürlich weder diesen Torchat-Id noch das dazugehörige Pseudonym. Sonst hätten die ja ihren Zweck verfehlt. Es ändert nichts daran, dass man mich auch unter dieser anderen Torchat-Id erreichen kann, und sich dabei sicher sein kann, dass man sich mit mir (im Sinne von: mit der realen Person hinter diesem Pseudonym) unterhält.

Was Boehringer für EDV-technisch unmöglich hält, funktioniert also schon jetzt ganz praktisch, und es hilft Anarchisten schon heute dabei, sich vor der NSA zu schützen.

Die globale persönliche Identifikationsnummer

Allerdings ist dies nur die halbe Miete. Die globale Id, die ich mit Torchat völlig unproblematisch anlegen kann, erlaubt eben auch beliebig viele pseudonyme Ids. Nur, das passt natürlich nicht zu einer schwarzen Liste. Denn was stört mich schon ein Eintrag in eine schwarze Liste, wenn ich mir einfach eine neue Id zulegen kann, die dann wieder völlig sauber, ohne jeden Eintrag ist?

Für dieses Problem gibt es zwei Lösungen, die sich gegenseitig ergänzen. Die eine Lösung ist, eine Id ganz offen mit Informationen über die persönliche Identität zu verbinden. Das ist das, was ich mit meiner Torchat-Id ittnogbyzii4hzgz hier völlig freiwillig gemacht habe. Sicher, würde ittnogbyzii4hzg auf der schwarzen Liste landen, würde ich noch versuchen können, alles was ittnogbyzii4hzg mit meinem Namen verbindet wieder zu löschen.

Gelingen dürfte es mir jedoch kaum. Insbesondere weil man in diesem Fall ja vorbauen kann. Genau wie man heute schon bei verschiedenen Geschäften darum gebeten wird, sich auszuweisen, könnte man natürlich auch in der Anarchie dazu aufgefordert werden. Wäre es so schlimm, wenn so etwas möglich wäre? Boehringer meint, das sei es:

NSA und social global security number lassen grüßen. Jedermann-/frau bräuchte die eineindeutige Welt-ID – maschinenlesbar natürlich. Denken Sie bitte als Libertärer nochmals darüber nach. Das ist ein zu bekämpfender Albtraum – einer, der leider heute schon ohne Schiedsgerichtsideen real zu werden droht.

Gut, ich habe darüber nachgedacht. Und bin zu dem Ergebnis gekommen, dass es zur Vertragsfreiheit gehört, dass man die Möglichkeit hat, einem potentiellen Vertragspartner Informationen zu geben, die es ihm erlauben, mich eindeutig zu identifizieren.

Heute ist es für jeden Erwachsenen eine Pflicht, eine solche Information vorweisen zu können. Kann man das nicht, wird die Polizei, wenn sie einen erwischt, in vielen Ländern verhaften und so lange festhalten, bis sie die Identität festgestellt hat. Schon heute. Verzichtet der Minimalstaat von Boehringer darauf? Möglich, ich weiß es nicht.

Das anarchistische System, welches ich vorschlage, verzichtet darauf. Allerdings schafft es für diejenigen, die dies wünschen, doch noch eine Möglichkeit, sich zu identifizieren. Die Anarchie ist da also ganz großzügig. Großzügiger als heutige Staaten, und vermutlich sogar großzügiger als Minimalstaaten wie von Boehringer
bevorzugt. Da ich als Anarchist – wie von Boehringer gefordert – nach realisierbaren Modellen Ausschau halte, also insbesondere solchen, die nicht davon abhängen, dass die Menschen ideal und gut sind, kann es durchaus passieren, dass auch Peter Boehringer sich in dieser Welt dann doch eine Personal-Id besorgt.

Was ganz einfach daran liegt, dass es möglicherweise eine Menge Menschen gibt, die Boehringer nicht vertrauen, wenn der sich nicht ausweisen will. Die sperren ihn deswegen nicht gleich ein wie die Polizei heute. Aber es reicht ja vielleicht doch schon aus, wenn die einfach nichts mit Boehringer zu tun haben wollen. Und dieses Recht haben sie in wohl jeder Gesellschaft, die den Namen libertär verdient.

Die Alternative: positive Reputation

Heißt das nun, dass faktisch jeder gezwungen wird, sich einen Welt-Ausweis zu beschaffen, und den dauernd vorzeigen muss? Nein, keineswegs. Ich schrieb ja, dass es zwei Lösungen gibt. Hier nun die zweite.

Die heißt positive Reputation. Also mehr oder weniger das, was auch heute schon bei ebay funktioniert. Dass solche positiven Reputationssysteme auch völlig pseudonym funktionieren, beweisen pseudonyme Handelsplattformen wie Silk Road. Der Punkt: Wenn die rein negative Reputation der schwarzen Liste durch anderweitige positive Reputation ergänzt wird, dann steigen mit der positiven Reputation auch die Kosten für den Vertragsbruch: Denn sich einfach ein neues Pseudonym zuzulegen funktioniert nicht mehr so gut – das neue Pseudonym fängt ja wieder an mit Reputation Null. Die angesammelte positive Reputation – worin sie auch immer besteht – wäre verloren.

Nun haben positive Reputationen oft ein Problem – das Potential der Manipulierbarkeit. Wie kann man verhindern, dass eine Menge meiner Freunde, einfach nur um mir einen Gefallen zu tun, einen meiner Feinde extrem negativ bewerten? Praktisch scheint dieses Problem nicht so besonders groß zu sein – zumindest nicht für die Systeme insgesamt. Für das eine oder andere Opfer gezielter Diskreditierung mag dies anders aussehen. Ein anderes Problem ist, dass es die verschiedensten Arten von Reputation gibt. Jemand mag als Buchverkäufer verdient eine hohe Reputation haben, was partnerschaftliche Treue betrifft hingegen ein Casanova. Und eine positive Reputation als Drogenhändler mag nicht das sein, was einer Mutter für den Privatlehrer ihrer Kinder wichtig ist.

Dies sind eigentlich schon genug Probleme, um es als sinnvoll zu erachten, gar nicht erst zu versuchen, ein einheitliches globales Reputationssystem zu entwickeln. Die minimale Verbindung über die Identifikationsnummer ist für alle Zwecke völlig ausreichend. Sie unterstützt das positive Reputationssystem, indem sie sicherstellt, dass unter den 1.5% negativen Bewertungen keine ist, in der der Betreffende einen Schiedsgerichtsspruch nicht akzeptiert hat. Und sie unterstützt auch die schwarze Liste selbst, da mit dieser Verbindung ein Eintrag in die schwarze Liste auch für ein Pseudonym zu einem Verlust wird.

Auch Pseudonyme können also Reputation erwerben. Und diese Reputation erwerben sie in verschiedenen lokalen Zusammenhängen, auf die verschiedenste Art und Weise, und ohne dass diese Bewertung Teil irgendeines globalen Reputationssystems sein müsste. Alles was global ist, ist der Identifikationsmechanismus, so wie Torchat ihn heute schon verwendet, und eine einfach strukturierte schwarze Liste, die eine einfache negative Reputation für Vertragsbruch verwaltet. Und diese eine Liste ist global nur deshalb, weil diese Information für alle interessant ist.

Bürgschaften

Gäbe es überhaupt sinnvolle positive Reputationen, die man ähnlich globalisieren könnte? Eine Idee dazu habe ich: Bürgschaften. Ich erteile X eine Bürgschaft. Das bedeutet, wenn X wegen eines Vertrages mit Y auf der schwarzen Liste landet, verpflichte ich mich, seinem Opfer Y eine Summe von soundsoviel bitcoin zu zahlen.

Diese Art von Bürgschaft ist, schon durch die Definition, wann die Bürgschaft zu zahlen ist, eng mit der schwarzen Liste verbunden. Und sie beschreibt eine weitere, diesmal universelle, Möglichkeit, einem Pseudonym eine Anfangs-Reputation zu verschaffen: Man verleiht ihm genügend Bürgschaften.

Klar, die Bürgschaft funktioniert als solche auch nur, wenn der Bürge Reputation hat. Oder eben eine eindeutige Identifikation, so dass der Eintrag in die schwarze Liste für den Bürgen, der die Bürgschaft nicht zahlt, ein genügend herber Verlust ist. Zusammen mit einer neuen Id gleich zwanzig weitere neue Ids anzulegen, die für die erste neue Id mit jeweils tausend bitcoin bürgen, sollte der ersten Id besser keine Reputation verschaffen.

Trotzdem, Bürgschaften stellen einen interessanten Spezialfall einer globalen Reputation das. Und diese Art von Reputation ist nur schwer verfälschbar, weil jeder Bürge im Fall der Fälle für seine Bürgschaft zahlen muss, oder all seine Reputation verliert.

Schon wieder einmal hat mich eine recht kurze Kritik dazu gebracht, ziemlich lang darauf zu antworten. Glücklicherweise ist der Grund dafür nicht, dass ich nichts entgegenzusetzen hatte, und dies durch viel Geschwafel ausgleichen wollte. Nein, beim Nachdenken darüber kamen mir neue Ideen, die ich für wert hielt, aufgeschrieben zu werden. Und, wie das so ist beim Aufschreiben neuer Ideen, sieht man nicht nur manches klarer, sondern der Text wächst beinahe von selbst. Und so danke ich Peter Boehringer zum Abschluss dafür, dass er mir mit seiner Antwort Anlass zum Schreiben dieser beiden Texte gab.

Antwort an Boehringer, Teil 1

Peter Boehringer hat auf meine Kritik eine interessante Antwort geschrieben (hier leider nur schwer zu finden), die es wert ist, genauer analysiert zu werden.

Ich beginne mal mit der für mich weniger zentralen zweiten Frage – der nach dem Menschenbild – komme aber auch hier vom Hundertsten ins Tausendste, so dass ich diese Frage abgetrennt habe. Ich argumentierte, dass die Theorie, dass demokratische Entscheidungen nichts taugen, nicht auf einem negativen Menschenbild basiert, sondern auf der üblichen ökonomischen Theorie basiert, in der normalerweise ein rationaler Mensch angenommen wird. Boehringer hält dagegen:

Zum einen bestreite ich weiterhin, dass der „homo oeconomicus“ (als absurde Vereinfachung menschlicher Handlungsmotivationen) ein Kernelement der ÖS sein sollte []! Ganz im Gegenteil: Mises‘ praxeologischer Ansatz ging ja eben WEG von diesen irrealen Idealisierungen eines JS Mill – und auch weg von den Modelltheorien des 20. Jahrhunderts, die implizit vielfach noch immer den homo oeconomicus voraussetzen.

Richtig, das sehe ich auch so. Libertäre müssen aber nicht automatisch 100%ige Anhänger der Österreichischen Schule sein. Ich verwies ja auf die public choice theory. Also eben nicht auf die Österreichische Schule. Ich selbst erkenne zwar einiges an der Österreichischen Schule an, anderes aber nicht. Ein wertvoller Beitrag der Österreicher ist und bleibt ihre Kritik an den verschiedensten Elementen der ökonomischen Theorie, worunter auch die Kritik an den grob vereinfachenden Modellen wie dem homo oeconomicus zählt. Nur, sie geht dabei eben zu weit, indem sie das Kind mit dem Bad ausschüttet und die Modelle selbst verwirft. Das verdienen sie eben doch nicht.

Dass der homo oeconomicus eine extrem grobe Vereinfachung ist, bezweifle ich also gar nicht – absurd ist diese Vereinfachung jedoch nicht. Bei David Friedman, gleich zum Beginn von Hidden Order, findet sich eine schöne Aufzählung von Gründen, warum rationales Handeln eine sinnvolle Annahme für die ökonomische Theorie ist. Zumindest als erste Näherung. Die nächste Näherung wäre es, bekannte Irrationalitäten des Menschen genauer zu verstehen und zu berücksichtigen. Dass es solche systematischen Irrationalitäten gibt, hat Gründe in der Evolution. Der Mensch hat laut Evolutionsbiologie Emotionen, die für den Urmenschen rational sind. Die können für den modernen Großstadtmenschen ziemlich irrational sein. Das ist ein Problem aller moderner Großstadtmenschen, und kann systematisch mit wissenschaftlichen Methoden studiert werden. Aber soweit entwickelt, dass dies ernsthaft nötig wäre, scheint mir die ökonomische Theorie noch gar nicht zu sein.

Auch wo die Österreicher kritisieren, wie alle möglichen Probleme wie Externalitäten, öffentliche Güter und Monopole zur Rechtfertigung staatlicher Eingriffe missbraucht werden, bekommen sie meinen Beifall. Nicht jedoch wo sie deswegen diese Konzepte selbst ablehnen. Da ist mir der umgekehrte Weg lieber – zu analysieren und zu zeigen, dass staatliche Regulierung all diese Probleme noch verschlimmert. Und warum? Weil die staatliche Regulierung genau daran krankt, dass gute Regulierung ein öffentliches Gut ist, dass staatliche Regulierung ein Monopol ist, und die Externalitäten staatlicher Regulierung negativ und oft verheerend sind. Eine Form der Staatskritik, die man wegschmeißt, wenn man öffentliche Güter, Monopole und Externalitäten aus der ökonomischen Theorie rausschmeißt. Und, wie sich in Boehringers Kritik zeigt, wird so auch, mit dem Problem der rationalen Ignoranz, ein Instrument weggeschmissen, welches in einer soliden ökonomischen Kritik demokratischer politischer Systeme eine wichtige Rolle spielt.

Das Problem der rationalen Ignoranz ist aber ein ganz objektives Problem, und das in einer direkten Demokratie genauso wie in einer repräsentativen, in der ja auch die Auswahl der Repräsentanten oder zumindest von deren Parteien direkter Demokratie überlassen wird. Selbst ich verspüre es. Als ich, als kleine politische Provokation, meine Petition, dass man Edward Snowden die deutsch Staatsbürgerschaft ehrenhalber verleihen solle, startete, sah ich mir auch mal an, was dort sonst alles noch für Petitionen rumliegen. Meine eigene rationale Ignoranz erwies sich allerdings als so groß, dass ich die Liste nicht einmal bis zum Ende durchlas.

Und die Gründe sind nun einmal da: Die Themen der allermeisten Petitionen interessierten mich einfach nicht, selbst wenn, ist die Chance, mit meiner Unterschrift daran etwas zu ändern, nahezu Null. Und wenn man mich vielleicht noch mal, mit einer Moralpredigt, davon überzeugen könnte, doch wenigstens die Liste bis zu Ende durchzulesen – davon, mich in jeder einzelnen Frage genügend sachkundig zu machen, um zu beurteilen, ob die Petition gerechtfertigt ist oder nicht, kann man mich gar nicht überzeugen, weil dazu meine Zeit gar nicht reichen würde. Es wäre also notwendigerweise ein Unterschreiben nach dem „hach ja, sowas finde ich irgendwie auch gut“ Prinzip, uninformiert und dumm. Und das, obwohl ich mich durchaus für fähig halte, in so ziemlich jeder einzelnen Frage – sollte ich sie für wichtig genug halten – nach einer Stunde surfen, lesen und nachdenken ein durchaus sinnvolles und genügend informiertes Urteil zu fällen. Oder zumindest rauszubekommen, dass ich mich, um dazu zu kommen, noch intensiver mit dem Thema befassen müsste.

Wenn ich nun zu dem Schluss komme, und dies nach einer ökonomischen Analyse (hier vor allem des Zeitaufwandes zur Informationsbeschaffung), dass das, was in einer direkten Demokratie herauskommt, dumme Entscheidungen sind und sein müssen – und das auch wenn alle Abstimmenden genauso klug sind wie ich – dann, hoffe ich zumindest, ist es auch für Herrn Boehringer einsehbar, dass dies nicht darauf basiert, dass ich die Abstimmenden für dumm halte.

Was ist die Alternative?

Zur Widerlegung des Arguments der rationalen Ignoranz verweist Boehringer darauf, dass die Abgeordneten auch keine bessere Alternative sind:

Schauen Sie einfach mal an, wie EXTREM ignorant unsere sogenannten „informierten MdBs“ vor Jahrhundertentscheidungen waren und sind. Und DANN reden wir nochmals über rationale Ignoranz der Masse.

Ein einfaches und emotionales Argument. Allerdings, seltsamerweise, ein empirisches. Ich erinnere mich dunkel an irgendwelche Vorbehalte der Österreicher gegen empirische Beobachtungen. War da nicht was?

Die empirische Beobachtung selbst will ich allerdings überhaupt nicht anzweifeln. Denn sie entspricht ja auch den theoretischen Voraussagen, die man aufgrund ökonomischer (aber leider eben nicht Österreichischer) Theorie erhält. Denn auch hier braucht man, um zu Voraussagen zu kommen, das Modell des Abgeordneten oeconomicus, der ganz rational seine eigenen Interessen vertritt. Und die haben nun einmal (hier kann man Hoppe folgen – ja klar, ich bediene mich da, wo ich fündig werde) deutlich weniger mit den langfristigen Interessen des Landes zu tun als selbst bei einem Monarchen.

Abgesehen davon trifft auch auf den Abgeordneten selbst das Argument der rationalen Ignoranz, wenn auch in einer eingeschränkterer Form. Denn die vielen Themen, die den einzelnen Bürger selbst gar nicht interessieren, sie bleiben ja auch dann uninteressant, wenn dieser Abgeordneter wird. Seine Zeit zur Informationsbeschaffung bleibt auch durch 24 Stunden am Tag beschränkt.

Und beim einzelnen Abgeordneten bleibt ja, wenn auch in deutlich geringerem Maße, das Argument, dass die Chance, dass seine Position im Endergebnis etwas ändert, recht klein ist. Sicher, sie ist nicht mehr faktisch gleich Null wie beim einfachen Bürger. Aber auch wieder nicht so riesig wie beim Monarchen.

Wir haben es also, bei der Abwägung zwischen direkter und repräsentativer Demokratie, mit der Wahl zwischen zwei Systemen zu tun, die beide heftig am Problem der rationalen Ignoranz ihrer jeweiligen Entscheidungsträger leiden.

Was ist aber nun die Alternative?

Reduktion auf den Minimalstaat

Der eine Punkt ist natürlich der, wo ich mit Boehringer fast vollständig übereinstimme – die Reduktion der heutigen 90% auf eine wesentlich kleinere Zahl. Die einzige Differenz ist hier die Zielvorgabe, 10% bei Boehringer gegen 0% bei mir. Aber natürlich reduziert sich das Problem erheblich, wenn auch nur die 80% wegfallen, die auch Boehriger wegfallen lassen will. Reduziert sich die Zahl der Fragen, über die der Bürger überhaupt zu entscheiden hat, auf ein Zehntel, bleibt ihm zehnmal so viel Zeit für die einzelne Frage. Eine Reduktion.

Reicht sie allerdings aus? Wie schon gesagt, reichte es bei mir nicht einmal zum Durchlesen der Überschriften der aktuell 6.717 Petitionen. Ein Faktor zehn würde da helfen, aber trotzdem kaum genug Zeit zum Durchlesen der Petitionen selbst lassen. Die Entscheidungen dürften wohl trotzdem dumm bleiben. Die Verbesserung entstände eher dadurch, dass die dummen Entscheidungen nur noch ein Zehntel wären, während die restlichen 90% den viel klügeren Entscheidungen des Marktes überlassen blieben.

Dezentralisierung

Die Betrachtung des Problems selbst weist aber noch auf eine ganz andere Möglichkeit zur Reduktion des Problems hin: Die Reduktion der Zahl der Stimmberechtigten. Je weniger Stimmberechtigte, desto größer die Bedeutung meiner eigenen Stimme, oder dessen, was ich selbst durch Agitation bewirken kann, und desto geringer die Rolle der rationalen Ignoranz, einfach weil die Bedeutung der eigenen Stimme für das Ergebnis der Abstimmung gegen Null tendiert.

Allerdings, es bleibt durchaus bestehen. Wer sich schon einmal auf einer Vereinsversammlung gelangweilt hat, wird bestätigen können, dass es selbst bei ein paar hundert Stimmberechtigten schon vorhanden ist und deutlich sichtbare Folgen zeigt. Wir können diese Folgen auch im Parlament betrachten, mit einem Blick auf die Zahl der Stühle, die bei der Diskussion uninteressanter Fragen besetzt sind. Aber, wie auch immer, es ist klar, dass das Problem der Wertlosigkeit der eigenen Stimme durch Dezentralisierung verringert werden kann.

Und damit wird Dezentralisierung der Entscheidungen zu einer weiteren wichtigen Alternative. So langweilig die Vereinsversammlung auch sein mag, Vereine sind durchaus ein funktionierendes demokratisches Modell, und der Verein kombiniert dabei beide Lösungsstrategien: Einerseits Konzentration auf Fragen, die für die dort Wahlberechtigten interessant sind – der Fussballverein befasst sich mit Fussball und nicht mit Kanufahren – andererseits Dezentralisierung, denn sogar große Vereine funktionieren vor allem über Ortsverbände.

Die Dezentralisierung politischer Macht ist aber nicht nur deshalb positiv, weil sie die demokratische Entscheidungsfindung innerhalb weniger problematisch macht. Sie hat vielmehr noch ganz andere segensreiche Wirkungen:

Sie erleichtert die Emigration aus schlecht regierten Staaten. Man muss nicht mehr den Kontinent wechseln, es reicht, ins Nachbardorf oder den nächsten Stadtteil umzuziehen.

Die Wirkungen politischer Fehlentscheidungen werden auch sehr viel schneller sichtbar, und sie lassen sich sehr viel leichter auf die politische Entscheidung selbst zurückführen. Wenn eine Entscheidung auf EU-Niveau katastrophale Auswirkungen hat, bedeutet dies ja noch lange nicht, dass dies überzeugend nachweisbar wäre. Bis sie sich auswirkt, dauert es ein bisschen, und in der Zeit passieren hunderte anderer wichtiger Sachen, die als Ursachen in Frage kämen. Außerdem ist es gar nicht billig, EU-weit überhaupt nachzuweisen, dass sich was verändert hat. Aber man verbiete mal in einem Stadtteil die Prostitution. Die Bordelle ziehen sofort nach nebenan, das Nachtleben verlagert sich entsprechend, einige weitere Restaurants und Hotels ziehen hinterher oder gehen pleite, die Steuereinnahmen des Stadtteils sinken dementsprechend. Die Auswirkungen dürften schnell zu sehen sein und ließen sich leicht auf das Verbot zurückführen, schließlich ist sonst nicht so viel passiert in der Zeit.

Damit bekommt der Wettbewerb unter den dezentralisierten Staaten sehr viel stärker den Charakter eines Marktes mit freier Konkurrenz.

Außerdem verstärkt sich beides noch. Es sind vor allem Riesenstaaten wie die USA, die EUdSSR, Russland und China, die es sich leisten können, mit Zoll- und Handelsschranken noch Politik zu machen. Zollkontrollen an der Stadtteilgrenze? Man vergesse es. Je kleiner die Staaten, desto sinnloser und umgehbarer werden die vielen Schikanen, die die EUdSSR uns problemlos aufdrängen kann. Worauf große Staaten immer noch hoffen können und hoffen – wie auf eine globale Zensur des Internet – hätte sich in Stadteilstaaten schon von selbst erledigt.

Die geringeren Möglichkeiten, kombiniert mit der größeren Konkurrenz, dürften vermutlich weitaus mehr zur Verbesserung der Qualität der politischen Entscheidungen beitragen als die Reduktion des Problems der rationalen Ignoranz. Ob das so ist, kann allerdings gerne offenbleiben – solange Einvernehmen darüber herrscht, dass Dezentralisierung als solche wichtig und positiv ist, und darüber, dass all diese verschiedenen Gründe dazu beitragen, braucht es keinen Streit darüber, welche Gründe genau die wichtigsten sind.

Konsequente Dezentralisierung als Kompromiss zwischen Minarchisten und Anarchisten?

Als Anarchist verteidige ich natürlich das Recht auf Eigentum. Und damit natürlich das Recht des Einzelnen, über dieses Eigentum auch zu verfügen. Insbesondere auch das Hausrecht des Hausbesitzers. Das bedeutet, er entscheidet allein, wer in sein Haus überhaupt reinkommen darf, er darf jeden rausschmeißen, der sich nicht so verhält, wie er selbst das wünscht, und er darf auch von jedem, der sein Haus betreten will, verlangen, dass der seine Hausordnung vertraglich anerkennt. Und in dieser Hausordnung könnte dann, im Prinzip, beliebiges stehen. Ob und inwieweit dieses Hausrecht sogar soweit geht, dass sogar das Recht des Hausherren, den Besucher bei bestimmten Vergehen einzusperren, oder gar zu foltern und zu töten, darin enthalten sein könnte, kann dabei gerne offenbleiben. Denn auch so beinhaltet das, was dem Hausbesitzer unter dem Eigentumsrecht problemlos zusteht, alles was die Staatsdefinition erfordert: Ein Gewaltmonopol über das von ihm kontrollierte Territorium, also das Haus. Auch Steuern, Miete genannt, kann der Hausherr problemlos von seinen Mietern, dem Staatsvolk, verlangen. Gerne auch, dass Besucher zum Besuch was mitbringen, das Analog zu Visagebühren. Und regulieren kann er das Verhalten der Mieter bis zum geht nicht mehr.

Von diesem Standpunkt aus gesehen wird der Unterschied zwischen einem konsequenten Marktanarchisten und einem Minarchisten, der auch eine maximal mögliche Dezentralisierung der Staatsmacht fordert, vom prinzipiellen zum graduellen Unterschied. Der Stadtstaat ist ein kleiner aber noch ein klassischer Staat. Doch kann auch der noch weiter dezentralisiert werden, und sich aufspalten in Stadtteilstaaten, Wohnblockstaaten, Hausstaaten, Wohnungsstaaten, und spätestens beim Wohnungsstaat sind wir in der Anarchie mit Privateigentum gelandet. Aus dem prinzipiellen Streit zwischen Minarchisten und Anarchisten würde ein Streit darüber, welche praktischen Probleme am besten über zwischenministaatliche Verträge gelöst werden können und welche zwischenministaatliche Gremien erfordern, denen ein paar Souveränitätsrechte der Wohnungsstaaten übertragen werden.

Vor allem gibt es bei den Ministaaten auch noch einen weiteren Vorteil: Die klassischen Rechtfertigungskonzepte für Staaten wie der Volkswille könnten durchaus eine reale Grundlage bekommen. Der Hausbesitzer hat ja schon heute Mietverträge, denen der Mieter freiwillig zugestimmt hat. Eine gated Community wird natürlich von den Einwohnern eine entsprechende vertragliche Zustimmung zu den internen Regulierungen verlangen können, einschließlich von Mechanismen zur Änderung der Regulierungen falls solche erforderlich sind.

Gegen den Minimalstaat

In einer Replik auf ‚Herrschaftslegitimierung für Schwachsinnige‘ verteidigt Peter Boehringer den Minimalstaat gegen anarchistische Attacken. Seine Grundlage ist dabei eine völlig legitime Forderung:

Wer sogar den direktdemokratischen Minimal-Staat bekämpft, muss wenigstens ein nicht totalitäres, praxisfähiges, nicht-utopisches und menschennahes alternatives System vorschlagen!

kombiniert mit der Behauptung, dies würde nicht geleistet werden.

Nun ist für mich die Frage nach der Existenz einer lokalen Polizei eine ehrlich gesagt recht unwesentliche. Ich brauche sie normalerweise sowieso nicht, wenn es gar keine gibt, gebe ich mich gerne auch mit einer Pistole zur Selbstverteidigung zufrieden. Mit Minimalstaaten von der Größe von gated communities hätte ich keine Probleme, und es gäbe hier sowieso einen stetigen Übergang von der Wohnung, deren Besitzer auch nach den anarchokapitalistischsten Prinzipien ein Hausrecht hätte, nach dem sich alle Besucher zu richten hätten, zu kleinen noch akzeptablen Minimalstaaten.

Jedoch der folgende Abschnitt, über das, was Herr Boehringer als die zweite originäre Staatsaufgabe betrachtet, ist für mich sehr relevant:

Und auch die von den Hoppe-Fans immer wieder vorgeschlagenen „Privaten Schiedsgerichte“ sind ein utopistisches Ziel: Wie realistisch ist es, dass sich Streitparteien freiwillig (!) auf einen Richter einigen – und dann auch im Falle einer Niederlage dessen Spruch beugen? Mediatoren können ein Lied davon singen, wie oft ihnen genau dies vor der Mediation von den Beteiligten versprochen wird – die unterlegene Partei aber nach dem Mediationsspruch dann eben doch sofort die ordentliche Gerichtsbarkeit anruft; speziell in Fällen von großer Bedeutung bzw. gravierender Folgen.

Dies geht an den Kern des von mir vorgeschlagenen Schiedsgerichtssystems, welches auf einem Reputationssystem aufbaut.

Was ich gegen diese heute zugegebenermaßen bestehende Situation vorschlage, ist recht einfach. Auf den Schiedsrichter einigt man sich gleich bei Vertragsabschluss, als Teil des Vertrages. Auch darüber, dass dieser Schiedsrichter das letzte Wort hat. Und gleich auch darüber, was passiert, wenn dieses letzte Wort nicht akzeptiert wird: Nämlich ein Eintrag in eine öffentliche schwarze Liste. Diese Liste braucht keinerlei öffentliche Verwaltung, denn ihre Einträge legitimieren sich durch die in ihnen enthaltenen elektronischen Unterschriften selbst: Einmal die Unterschrift des Vertragsbrechers unter den Vertrag, wodurch er den Schiedsrichter anerkennt, und dann die des Schiedsrichters, unter das Urteil selbst sowie die Feststellung, dass es nicht akzeptiert wurde. Würde der Verurteilte, wie heute üblich, zum staatlichen Richter rennen, würde er natürlich einen solchen Eintrag abfangen und müsste damit leben.

Dass Reputationssysteme funktionieren, ist bekannt. Sie waren bisher lediglich limitiert durch die begrenzten Möglichkeiten der Informationstechnologie – heute ist dies jedoch kein Problem mehr.

Der Erwähnung wert wäre auch noch Boehringers Versuch der Verteidigung der direkten Demokratie:

Die direkte Demokratie hätte keinen der o.g. Exzesse seit 1990 mit Mehrheit goutiert. Ein generelles Menschen-Bashing ist darum denkbar unangebracht Darauf sei übrigens auch Prof. Graf Kielmansegg hingewiesen, der erst voriges Wochenende in einem Vortrag zu Volksabstimmungen ein ähnlich schlechtes Menschenbild à la Franz-Josef Strauss („Vox populi, Vox Rindvieh“) vertreten hat…

Boehringer ist scheinbar nicht bekannt, dass die Verachtung für die Ergebnisse demokratischer Mehrheitsentscheide eben kein Menschen-Bashing ist. Es ist eine Voraussage ökonomischer Theorie, speziell der „public choice theory“. Und die setzt einen einen rationalen Menschen voraus, den klassischen „homo economicus“. Nix schlechtes Menschenbild. Es ist eine Folge rationaler Ignoranz, dass der Einzelne nicht den Aufwand treiben wird, der notwendig wäre, um eine richtige Entscheidung zu treffen, einfach weil seine Stimme mit großer Wahrscheinlichkeit nichts am Abstimmungsergebnis ändert. Dies ist nur in kleinen Gemeinschaften anders, in denen Demokratie deshalb auch funktionieren kann.

Unterstützt Snowden!

Als Anarchist glaube ich zwar nicht daran, dass irgendwelche Petitionen irgendetwas bewirken könnten.

Aber trotzdem habe ich mal eine Petition gestartet: Ich fordere die Deutsche Staatsbürgerschaft ehrenhalber für Edward Snowden. Klar, das wird niemals angenommen, klar, selbst wenn ändert es nichts. Aber eine kleine Demostration für den Schutz der Privatsphäre ist es natürlich.

Wichtiger sind natürlich andere Sachen: Die Möglichkeiten, wie der Einzelne seine Privatsphäre schützen kann:

  • Den Computer sichern mit truecrypt,
  • verschlüsselt chatten mit torchat,
  • anonym surfen mit dem Torbrowser,
  • pseudonym bezahlen mit bitcoins,
  • unzensierbare Webseiten anlegen als Tor hidden service,

und die Unterstützung für die, die uns diese Möglichkeiten schaffen: Selbst mitprogrammieren, Spenden, den eigenen Computer als Tor-Relay oder Bridge-Knoten zur Verfügung stellen, Wissen darüber verbreiten, all das selbst nutzen und anderen helfen, es zu nutzen.