Wird Sicherheit teurer in der Anarchie?

In „Die explodierenden Sicherheitskosten und der Absturz des Lebensstandards beim Wegfall der Republik“ argumentiert Alexander Benesch für das Gewaltmonopol seines Minimalstaates weil dies billiger sei. Seltsames Argument. Die Erfahrung zeigt jedenfalls recht überzeugend, dass Monopole normalerweise teurer sind. Und das trotz des höheren Aufwandes für Informationsbeschaffung über die Qualität der verschiedenen Anbieter und den Werbekosten der Anbieter.

Nun könnte es allerdings sein, dass bei Schiedsgerichten und Sicherheitsfirmen anderes hinzukommt, was speziell mit diesen Bereichen zu tun hat, und so wichtig ist, dass sich das Ganze umkehrt. Mal sehen was sich dazu findet.

Offene Grenzen

Da taucht als erstes die Angst vor offenen Grenzen auf:

Bei Abschaffung der Republik auf deutschem Boden gäbe es einen unermesslichen Zustrom an Einwanderern aus aller Welt. … Dieser unkontrollierte Strom würde die Sicherheitskosten des einzelnen in die Höhe treiben weil es einfach mehr Leute gibt die Ärger machen können und weil jeder eine andere Sprache spricht und völlig andere Vorstellung von angemessenem Verhalten hat.

Wer mehr Sicherheit will als der Bevölkerungsdurchschnitt zieht in eine gated community. Die vereinigt Leute mit ähnlichen Vorstellungen, sehr viel ähnlicher als heute in einer Stadt, rein darf nur wer die lokalen Regeln akzeptiert, und die Kosten sind nicht allzu groß – Mauern und Zäune drumrum, vielleicht noch Überwachungskameras damit keiner rüberklettert, und das Ganze einmal für eine ganze Community anstatt wie heute für jedes Haus einzeln. Ein paar Bewacher am Eingang. Was man aus solchen Communities hört, braucht man drin nicht mal mehr die Wohnungen zuzuschließen. Was für ein Bevölkerungsgemisch draußen lebt ist dabei irrelevant.

Benesch hat auch vor Lohnkonkurrenz Angst. Die Armen, die nach Europa kommen würden, wären bereit, viel billiger zu arbeiten als wir, und unsere Löhne würden dann auch sinken. Dass mit den Löhnen auch die Preise sinken, und das gerade auch im ganz billigen Sektor (weil die Nachfrage nach ganz billigem steigt) wird dabei schnell vergessen. Klar, auch könnte kein Sozialstaat mehr allen Armen Hartz IV zahlen. Das ist allerdings nichts als Angst vor dem Verlust von Privilegien, die wir aufgrund der Leistung anderer – der Steuerzahler – beziehen. All das sind klassische Ängste von Sozialdemokraten. Dass auch libertäre Minimalstaatler daran leiden, ist etwas was ich dazugelernt habe.

Verschiedene Gesetze

Der eine will ein reformistisches katholisches Recht, der andere ein mittelalterliches. Der eine eine schiitische, der andere eine sunnitische Scharia. Willkommen im Justiz-Urwald! Da zahlen sie Aufpreise.

Wenn jeder sein eigenes Recht hat, wird es demzufolge mehr Gesetzestexte geben. Klingt logisch. Und bei 8 Mrd. verschiedenen Gesetzestexten wäre es ja mit klassischer Informationstechnologie auch unmöglich, zurechtzukommen. Weswegen eben ein einheitliches Gesetz her muss. Nur, das Problem der Verarbeitung von 8 Mrd. verschiedenen Gesetzestexten sähe heute ganz anders aus. Relativ wenig Standardisierung wäre schon ausreichend um auch ohne AI alles einfach und schnell automatisch auswertbar zu machen.

Allerdings braucht man das in den allermeisten Fällen ja überhaupt nicht. Alles was mit Verträgen zu tun hat, braucht beispielsweise gar nichts außer dem Vertragstext, den unter den Bedingungen der Vertragsfreiheit die Vertragspartner selbst ausmachen, und einen Schiedsrichter, der neutral und fair genug ist, bei Streitfällen in vom Text nicht vorgesehenen Situationen eine gerechte Lösung zu finden.

Das ist sehr viel weniger als über die staatliche Regulierung von Vertragsgerichtsbarkeit heutzutage hinter dem Vertragsrecht steht. Die staatliche Regulierung dient zwar teilweise einem sinnvollen Zweck – Standards für die Fälle zu definieren, an die die Vertragspartner beim Abschluss des Vertrages nicht gedacht haben (oder, wie im Fall der Ehe, gar nicht denken wollten). Sicherlich ist es auch für Schiedsrichter in einem Schiedsgerichtssystem sinnvoll, für solche Fälle einen Hintergrund an Regeln zu haben. Das gibt es auch schon immer, im englischsprachigen Raum ist es als „common law“ bekannt. Und es funktionierte in der Vergangenheit durchaus unabhängig von staatlicher Gesetzgebung, auf der Basis von Präzedenzfällen.

Der Großteil der staatlichen Regulierung hat jedoch ganz andere Motive, wie insbesondere der Schutz großer Firmen vor Konkurrenz, der als „Verbraucherschutz“ und „Schutz von Arbeitsplätzen“ getarnt wird. Wenn das alles entfällt, reduziert sich der Umfang von Regulierungen erheblich. Das Vertragsrecht wird dadurch erheblich entschlackt.

Hinzu kommt, dass vieles, was heute direkt staatlich reguliert ist, durch Vertragsrecht übernommen wird. Alles was innerhalb einer gated community zum Zusammenleben zu regeln ist, ist Vertragsrecht – derjenige, der dort leben will, unterschreibt es zusammen mit dem Kauf- oder Mietvertrag. Auch derjenige, der zu Besuch kommt, akzeptiert das dortige Hausrecht. Alles was am Arbeitsplatz passiert, passiert auf der Basis des Arbeitsvertrages. Für ein separates Arbeits- oder Mietrecht besteht keinerlei Bedarf.

Und auch für alles, was wir in der Freizeit so besuchen, vom Schwimmbad über das Restaurant bis zum Theater, gibt es Eigentümer, mit denen wir beim Besuch einen Vertrag abschließen, durch den wir die jeweilige Hausordnung anerkennen. Woher diese Hausordnung kommt, ob sie durch schiitisches oder katholisches Recht motiviert wurde, ist dabei egal – solange man sich daran hält, ist alles ok, wenn nicht, bricht man einen Vertrag.

Was bleibt ist eine kleine Zahl von Verbrechen, die von so ziemlich allen Menschen als Verbrechen betrachtet werden, wie direkte Angriffe auf eine Person oder auf deren Eigentum. Was den Umgang damit betrifft, so sind die Unterschiede zwischen verschiedenen Sicherheitsfirmen nicht so riesig, dass man sich nicht auf einen gemeinsamen Nenner einigen könnte.

Käufliche Richter

Wenn nur die Justizunternehmen auf dem Markt bestehen können, die ihre unehrlichen und parteiischen Kunden durchboxen, dann wird es chaotisch und eine Geldfrage, wer gewinnt. Wer mehr zahlt, kriegt recht.

Schiedsgerichtssysteme funktionieren allerdings etwas anders. Einem Schiedsrichter müssen beide Parteien zustimmen, sonst fängt der gar nicht erst an zu arbeiten. Und als Schiedsrichter wird man von beiden Seiten nur dann akzeptiert, wenn man eine Reputation dafür hat, neutral zu sein. Und gerecht zu sein – also auch Armen gegenüber gerecht zu entscheiden, anstatt sich kaufen zu lassen.

Natürlich haben die Schiedsrichter dieselben menschlichen Schwächen wie heutige Richter. Aber, um weiter zu kommen als Schiedsrichter, müssen sie sich darum bemühen, ihre Reputation als faire und gerechte Richter zu verbessern. Heute brauchen sie dies nicht. Was auch immer heute die Kriterien sind, mit denen man erfolgreich eine Karriere als Richter machen kann – eine Reputation dafür, neutral und fair zu sein, dürfte nur am Rande eine Rolle spielen, wenn überhaupt. Für Schiedsrichter ist es die zentrale Eigenschaft. Sie allein entscheidet, ob man überhaupt als Schiedsrichter akzeptiert wird. Wenn man also voraussagt, dass die Schiedsrichter neutraler und fairer sein werden als heute, ist das keine vage Hoffnung darauf, dass Richter als Mensch besser werden, sondern folgt aus den ökonomischen Bedingungen.

Konflikte unter Sicherheitsfirmen?

Die Kosten steigen außerdem, weil jedes Sicherheitsunternehmen mit unzähligen anderen Unternehmen streiten muss, überall Filialen und Personal oder Kooperationsverträge haben müsste, denn wie sonst soll ein Geschädigter orthodoxer Jude aus München sein Recht durchsetzen gegen einen sunnitischen Moslem aus Berlin?

Die erste Frage wäre, was haben die beiden überhaupt miteinander zu tun? Wenn sie irgendetwas vertraglich miteinander zu tun haben, regelt das der Schiedsrichter, den die beiden in ihrem Vertrag ausgemacht haben. Die Sicherheitsfirma hat damit gar nichts zu tun.

Denn Sicherheitsfirmen haben eigentlich nur noch eine Aufgabe: Die Leute vor Angriffen auf ihre Person oder ihr Eigentum zu schützen. Wenn die Sicherheitsfirma sich auf den Schutz ihrer gated community beschränkt, braucht sie außerhalb gar nichts. Klar, sie könnte uns dann außerhalb nicht schützen, aber stört uns das? Die deutsche Armee schützt uns ja auch nicht, wenn wir im Ausland sind.

Hier könnte man höchstens aussetzen, dass als Modell für die Sicherheitsfirma das einer gated community verwendet wird. Das wäre ein Modell, welches in etwa einem Minimalstaat entsprechen würde, minimal nicht nur im Ausmaß dessen, was geregelt wird, sondern auch in seiner Größe. Das Modell, bei dem jeder, auch im selben Haus wohnende Nachbarn, bei einer anderen Sicherheitsfirma sein könnten, wäre sicherlich etwas komplizierter, weil es öfter mal zu Konflikten zwischen Kunden verschiedener Firmen kommen könnte, und der Ort, wo der Konflikt stattfand, nicht so eindeutig als Kriterium genommen werden kann, welche Firma zuständig ist.

Man könnte auch vermuten, dass der Mensch, als ein Tier mit recht starker Bindung an ein Territorium, doch ein starkes Bedürfnis hat, sich auf einem gewissen Territorium zu Hause zu fühlen, wozu es auch gehört, dass klar ist, welche Regeln gelten, wenn er dort Streit hat. In diesem Fall wäre die gated community das natürlichere Modell, und daher zu erwarten, dass es sich durchsetzt. Beides muss sich allerdings auch nicht widersprechen. Es könnte genauso gated communities geben, die für das Zusammenleben die Hausordnung festsetzen, und dann Sicherheitsfirmen, die Schutz gewährleisten, aber nur solange man sich an diese Hausordnung auch hält. Auch in diesem Fall gäbe es kein allzu großes Konfliktpotential, und kaum die Notwendigkeit, mit zig Sicherheitsfirmen Extraverträge abzuschließen.

Das ist nicht alles. Was in dem Artikel noch so steht, ist üblicher Antikapitalismus, vermittelt zumindes das klassische antikapitalistische Grundgefühl, dass alles, was Firmen machen, von Grund auf böse ist, im Gegensatz zu all dem, was die „Republik“ tut. Ich habe mir nur das herausgesucht, was mir wenigstens diskussionswert erschien, weil es nicht 1:1 auf die generelle sozialistische Argumentation übertragbar ist. Der Sozialist wird daher finden, dass ich die wichtigsten Argumente hier gar nicht beantwortet habe. Für einen Libertären sollte der Rest allerdings uninteressant sein.

Die Argumente dafür, dass die Kosten für Sicherheit steigen würden, haben mich also nicht beeindruckt. Die klassischen Gründe, dir für geringere Preise sprechen – die Konkurrenz zwischen verschiedenen Firmen, und die bei Firmen der Größe von gated communities im Vergleich zu heutigen Staaten viel geringeren Wechselkosten – erscheinen sehr viel solider. Ganz zu vergessen die viel größeren Möglichkeiten, eine Gemeinschaft zu finden, in der man sich wirklich wohl fühlt, weil die Gesetze dieser Gemeinschaft den eigenen Idealen entspricht. Eine solche Gemeinschaft bietet schon durch ihr Bestehen sehr viel mehr Schutz als ihn die Nachbarschaft heutiger Großstädte gewährleisten kann.


2 Antworten auf „Wird Sicherheit teurer in der Anarchie?“


  1. 1 Die Aufregung von Herrn Benesch | Freisinnige Zeitung Pingback am 26. Juli 2013 um 23:57 Uhr
  2. 2 Welche Rolle würden Gated Communities spielen? | Freisinnige Zeitung Pingback am 18. September 2013 um 23:26 Uhr
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