Archiv für September 2013

Über Zinsen, Zinsenszinsen und die Nichtnotwendigkeit eines Zusammenbruchs

Wer kennt sie nicht, die Blogs und Videos, in denen es die bösen Zinsen sind, die die Weltwirtschaft kaputtmachen? Das Geldsystem zu verstehen, und eben auch seine Probleme, ist sicherlich nicht die einfachste Übung. Und man kann dort die verschiedensten Fehler machen. Der Fehler, dass Zinsen an sich etwas schlimmes sind, ist dabei wohl einer der häufigsten. Ganz zu schweigen von Zinseszinsen. Man kann schon fast Wetten anbieten: Wenn in einem youtube-Video das Wort „Zinseszins“ auch nur auftaucht, ist es Schrott. Ich denke, 1:10 kann man da schon anbieten, 1:5 sollte schon ein sicherer Gewinn sein.

Warum sind also Zinsen etwas Gutes und Notwendiges, was allen Beteiligten Vorteil bringen kann, im Gegensatz zum Glauben an die teuflische Kraft des Zinseszins? Dazu sehen wir uns einige praktische Anwendungsfälle an. Damit die sonstigen Probleme des Geldsystems uns nicht durcheinanderbringen, betrachten wir erstmal eine reine Naturalwirtschaft.

Bauer A hat ein Feld, aber kein Saatgut. Sein Nachbar B hat hingegen Saatgut mehr als genug. Also borgt sich A Saatgut aus. Dafür verpflichtet er sich, nach der Ernte nicht nur dieselbe Menge Saatgut wieder zurückzugeben, sondern mehr – das Saatgut mit Zinsen, allerdings hier in Naturalform.

Bauer A hat eine gute Ernte. Er kann nicht nur das Saatgut mit Zinsen wieder zurückgeben, er kann auch davon leben, und hat sogar noch für die nächste Aussaat Saatgut übrig. Nachbar B hat zusätzlich zum Saatgut noch die Zinsen. Beide haben offensichtlich profitiert. Ohne Zinsen wäre das wohl nicht passiert – oder nur, wenn B sehr großzügig und vertrauensvoll gewesen wäre. Denn er hätte ja davon nichts gehabt, außer dem Risiko, das Saatgut nicht zurückzubekommen. Im Gegenteil, er hätte auf die Möglichkeit verzichtet, das Getreide zwischendurch aufzuessen.

Es gibt also Situationen, wo Kredite nützlich sind, Situationen, wo Zinsen dazu dienen, überhaupt ein Interesse beim Kreditgeber zu schaffen. Ohne Zinsen kein Kredit, und somit kein Vorteil für beide.

Was ist aber nun mit den berühmten Zinseszinseffekt? Egal wie hoch die Zinsen sind, die man bekommt – wenn man immer wieder das gesamte Geld weiter verzinst, kommen mit der Zeit im wahrsten Sinne des Wortes astronomische Summen heraus, aus dem Josephspfennig würde über die Jahrtausende Gold vom Gewicht vieler Sonnen. Eine nette mathematische Übung, mit der man Laien schön beeindrucken kann, wie beispielsweise im ZDF ab 11.00 vorgeführt, auch ein Prof. Dr. Dr. Berger ist sich (Min. 33) nicht zu schade dazu. Die hat allerdings nichts mit der Realität einer freien Marktwirtschaft zu tun. Aber was genau ist falsch an dem Schluss, dass (ab 13.47 im ZDF oder ab 37.00 bei Berger) das Wirtschaftssystem mit Zinseszins immer wieder zusammenbrechen müsse?

Sehen wir uns einmal an, wo er endet in unserem Beispiel. B verborgt im nächsten Jahr das Saatgut zusammen mit den Zinsen. Mag sein, dass A noch ein Feld unbebaut hatte. Dann ist er damit einverstanden. Wenn nicht, dann nicht. Dann nimmt er nur soviel, wie er braucht. Wenn er von der vorigen Ernte noch was übrig hatte, braucht er sogar weniger. B muss dann mit dem restlichen Saatgut andere Bauern finden. Gut, vielleicht findet er genug, um all sein Saatgut für Zinsen zu verborgen. Aber eins ist klar: Lange bevor der Wert des zu verborgenden Saatguts astronomische Größen erreicht, findet er keinen Bauern mehr, der noch bereit wäre, für Saatgut die geforderten Zinsen zu zahlen. Lange vorher wird er sein Saatgut nur noch an Bauern los, die vielleicht noch ein paar schlechte Böden übrig haben – aber weil die Aussaat dort nicht so viel einbringt, sind sie dazu nur bereit, wenn die Zinsen weitaus geringer sind. Und irgendwann wird er sein Saatgut gar nicht mehr für Zinsen los. Ein einfaches Gesetz: Mit steigendem Angebot an Kapital sinken die Zinsen. Ein Gesetz, welches uns sicher vor den Effekten der Exponentialfunktion schützt.

Also, noch einmal langsam. Was passiert nun mit dem Josephspfennig in einer stabilen kapitalistischen Wirtschaft? Erstmal wächst er recht lange exponentiell vor sich hin. Irgendwann ist aber daraus so viel geworden, dass er das Kreditangebot der Welt beeinflusst. Und dann ist bald das Kreditangebot höher ist als der Kreditbedarf, und der Zins sinkt. Wonach einfach Schluss ist mit dem exponentiellen Anstieg. Bleibt der Eigentümer des Josephspfennigs dabei, nichts zu verbrauchen, wird der Zins immer weiter sinken, bis er im Grenzwert Null wird. Und das ganz ohne Krach und Krise, und sogar ohne jede Insolvenz. Im Gegenteil, billige Kredite sind für die Wirtschaft nichts schlechtes.

In der Realität werden die Zinseinnahmen natürlich auch verbraucht, weswegen das Angebot an Kredit keineswegs ins Unendliche steigt. Gerade wenn dann die Zinsen sinken, wird auch das Angebot an Kredit zurückgehen. Daher kann sich im Mittel durchaus ein konstanter Zinssatz einstellen.

Warum die Kreditvergabe niemals astronomische Größen erreicht

Auf der Gegenseite, dem Kreditbedarf, gibt es hingegen kaum einen Anstieg. Es gibt sogar eine Tendenz dazu, dass die Kreditvergabe zurückgeht. Warum? Sehen wir uns einmal das Saatgut-Szenario noch einmal an. Die Ernten können verschieden sein. War sie zu gering, muss der Bauer im nächsten Jahr noch mehr ausborgen – etwas zum Leben für den Rest des Jahres, und dann alles Saatgut. Er muss also auch mehr Zinsen zahlen. Und wenn es in den nächsten Jahren nicht besser wird, gerät er in eine Schuldenfalle. Sicher, wenn dies eine einmalige Missernte war, kommt er dort wieder heraus. Aber wenn sie im statistischen Mittel zu gering ist, landet er dort irgendwann. Dann ist er Pleite, und das Vergeben von Kredit hört auf. Umgekehrt, wenn er mehr erntet als notwendig, muss er im nächsten Jahr weniger Kredit aufnehmen. Und, wenn dies kein einmaligen Glücksjahr war, sondern im statistischen Mittel so ist, wird die Menge Saatgut, die er sich borgen muss, immer geringer, bis er irgendwann gar nichts mehr borgen muss. Auch so ist Schluss mit der Kreditvergabe. Es wäre also nur ein Grenzfall – dass der Bauer immer genauso viel erntet, dass er im nächsten Jahr wieder dieselbe Menge an Saatgut ausborgen muss – in der die Kreditmenge gleichbleibt.

Dies ist keine Ausnahme. Alle wirtschaftlich sinnvolle Kreditaufnahme hat das Ziel, dass man irgendwann den Kredit abbezahlt und dann besser dasteht als vorher. Der Firmengründer will irgendwann Eigentümer einer Firma ohne Schulden sein, der Häuslebauer eines Hauses ohne Hypothek.

Es gibt allerdings noch etwas anderes, was von dem, was die reinen Werte angeht, auch nichts als eine Art Kredit ist.

Schuhmacher A stellt Schuhe mit der Hand her. B hat nun eine Maschine dafür gebaut. Mit dieser Maschine könnte A doppelt so viel Schuhe herstellen wie ohne. B borgt A die Maschine. Dafür verlangt er, als Belohnung für das Ausleihen, die Hälfte der mehr produzierten Waren. Auch etwas, wo beide etwas davon haben – beide jeweils die Hälfte der mehr produzierten Waren. Für B sind dies so etwas wie Zinsen, die ihm seine Maschine einbringt. Genannt wird es Rente oder Miete. Ohne Miete hätte es sich für B nicht gelohnt, A die Maschine auszuborgen. Die könnte ja kaputtgehen, oder sich zumindest abnutzen. Ganz abgesehen davon, dass er selbst sie in dieser Zeit nicht benutzen könnte.

Renten und Mieten sind, im Gegensatz zu Krediten, durchaus etwas, was auf Dauer angelegt ist. Der Mieter einer Wohnung legt vielleicht Wert auf die Freiheit, jederzeit umziehen zu können, ohne deswegen gleich eine ganze Wohnung verkaufen und woanders eine neue Wohnung kaufen zu müssen. Der Mieter einer Maschine hat möglicherweise zu wenig Ahnung von der langfristigen Wartung von solchen Maschinen, um sie als Eigentum erwerben zu wollen. Trotzdem haben wir in diesen Fällen, wenn man sich ansieht, was mit den Werten passiert, faktisch dasselbe wie einen Kredit mit Zinsen. Die Trennung von Nutzung und Eigentum ist hier eine natürliche Variante der Arbeitsteilung: Der eine kümmert sich um das, was mit Aufbau, Pflege und Erhalt des Eigentums verbunden ist, der andere nutzt es zeitweise.

Auch hier sind Zinseszinsen kein Problem. Denn die Miete oder Rente wird regelmäßig gezahlt – und damit werden Zinseszinsen überhaupt nicht fällig. Werden sie nicht gezahlt, dann wird der Mietvertrag normalerweise gekündigt. Dann hat der Vermieter nämlich sein Grundkapital wieder. Ob der zahlungsunwillige Mieter dann doch irgendwann mal dazu gebracht werden kann, die Miete samt angelaufenen Zinsen und Zinseszinsen zu zahlen, ist egal. Pleite ist pleite, in welche astronomischen Höhen die Schuld dann noch wächst, ist der Realwirtschaft egal. Denn die besteht einfach aus einem Schuldner, der nicht zahlt, und dem Vermieter, der um ein paar Mietzahlungen betrogen wurde, aber wenigstens sein Mietobjekt behalten hat.

(Aus steuerrechtlichen Gründen kann es für den Gläubiger sinnvoll sein, die Schuldsumme, gerne auch mit horrenden Strafzinsen stark anwachsend, in seinen Büchern stehenzulassen. Wird sie zu groß, schreibt man dann einen Teil davon als Verlust ab, am besten genau so viel, dass der Firma keinerlei Gewinn zum versteuern übrigbleibt. SCNR.)

Wie auch immer, die Höhe dessen, was beim Vermieten das Analogon zur Höhe des Kredites ist, ist begrenzt durch das, was auf dem gegebenen Niveau der Arbeitsteilung sinnvoll ist. Und auch die letzte interessante Möglichkeit, Kredite loszuwerden – für die Gründung neuer Firmen – dürfte ihre natürlichen Grenzen haben. Eine stabile Wirtschaft, in der niemand so fundamental neue Ideen hätte, dass sich das Gründen neuer Firmen lohnen würde, ist zum Glück praktisch nicht zu erwarten, stellt rein theoretisch aber überhaupt kein Problem dar.

Das Märchen von der Notwendigkeit von Pleiten

Nachdem wir gesehen haben, dass Zinsen notwendig und nützlich in der Realwirtschaft sind, ohne dass dies zu irgendwelchen Problemen führen würde, können wir uns ein paar Dummheiten ansehen, die sich nur ergeben, wenn man in Geld denkt. Geld ist allerdings nicht gleich Geld, der Unterschied zwischen wertgedecktem Geld wie Gold, welches einen eigenen Wert hat, und Papiergeld ist natürlich ein Unterschied wie Tag und Nacht. Daher besteht auch eine große Gefahr, Probleme des Papiergeldes mit Problemen realen Geldes zu verwechseln.

Diese Verwechselung ist Dummheit, allerdings eine von der antikapitalistischen Propaganda gerne ausgenutzte. Man nehme die offensichtlichen Probleme staatlichen Papiergeldes, schiebe sie auf werthaltiges Marktgeld, und schon hat man ein Problem des unregulierten Marktes herbeiphantasiert, welches dann am besten durch staatliche Kontrolle des Geldes gelöst werden kann.

Beispiele für das Märchen von der Notwendigkeit von Pleiten wegen Zinsen ist ab 24.00 in diesem Video zu sehen, oder ab 9.35 in diesem Video, ab 5.20 bei Andreas Popp. Ein Prof. Dr. Franz Hörmann verbreitet das ab 0.54 sogar in 3sat und ab 4.27 in der ARD, wo ihm Rösler beeindruckt zuhört.

Es klingt einfach und plausibel, selbst in der Variante mit Gold als Geld. Wir vergessen mal den Goldbergbau, dann gibt es nur eine feste, begrenzte Menge an Gold. Kredite werden, nehmen wir an, in Gold vergeben. Und zurückgezahlt werden müssen sie auch in Gold. Mit Zinsen natürlich. Aber das geht doch gar nicht – die Menge an Gold ist ja, nehmen wir an, dieselbe geblieben. Wie kann die Gesellschaft insgesamt mehr zur Gold zurückzahlen als sie als Kredit bekommen hat? Das geht ja gar nicht. Also ist klar, dass, wenn das zurückzuzahlende Gold für alle nicht reicht, irgendjemand nicht zahlen kann. Irgendjemand muss also, notwendigerweise, pleite gehen.

Plausibel? Scheinbar ja, aber trotzdem Nonsens. Dazu nehmen wir eine Miniwelt aus unserem Bauern A, der sich Saatgut auf Kredit beschafft, und seinem Kreditgeber B. Nehmen wir an, das Saatgut sei so viel wert wie der gesamte Goldbestand unserer Minimalgesellschaft. Warum auch immer wird aber zwischen den beiden immer nur Gold gegen Ware getauscht und Kredite wie Rückzahlungen erfolgen immer in Gold – für zwei Leute sicher unpraktisch, aber darauf kommt es ja nicht an.

Es passiert also folgendes. Statt direkt von B das Saatgut zu erhalten, erhält A von B erstmal das gesamte Gold der Miniwelt als Kredit. Dafür kauft er dann bei B das Saatgut. Dann, nach der Ernte, verkauft er B als erstes den Teil der Ernte, der dem Saatgut entspricht. Dafür bekommt er alles Gold der Miniwelt. Er kann nun erstmal den Grundbetrag des Kredits in Gold zurückzahlen. Allerdings bleiben die Zinsen noch offen. Na und? Er hat ja noch genug Getreide übrig. Er verkauft also noch mehr Getreide an B – der ja wegen der Kreditrückzahlung wieder genug Gold – so viel, wie nötig ist, um auch die Zinsen zurückzuzahlen.

Was in der Realwirtschaft klappte, unproblematisch und nützlich war, klappt also genauso in der Geldwirtschaft. Vorher wie nachher hatte B alles Gold der Welt, in der Realwirtschaft hat das Hin-und Herschieben des Goldes nichts verändert. Die Zinsen konnten bezahlt werden – weil A nach Aussaat und Ernte mehr Getreide hatte als vorher. Dass die Menge des Goldes gleichblieb, ist dabei irrelevant. Denn selbst wenn alles in Gold bezahlt werden muss – man kann ja dasselbe Goldstück mehrmals hin- und herschieben.

Warum mich Gated Communities interessieren

„Welche Rolle würden Gated Communities spielen?“ fragt die Freisinnige Zeitung. Und sie argumentiert, dass solche Gated Communities keine besonders attraktive Perspektive seien.

Das ist durchaus ein Standpunkt, den ich nachvollziehen kann. Insbesondere wenn man sich darunter bekannte heutige Beispiele solcher Communities wie Colonia Dignidad, David Koresh und die Branch Davidians, oder auch alle möglichen kommunistischen Kommunen vorstellt. Nein, solche Kommunen sind auch nicht mein Traum von einer freien Welt.

Ich betrachtete sie aus einem anderen Grund. Sie sind meine Antwort auf die Angst, oder sollte ich eher Angstmache sagen, dass in einer Gesellschaft ohne zentrale Staatsgewalt das kriminelle Chaos ausbricht. Die abgegrenzten Gemeinschaften, geschützt von gut bewaffneten Wachmannschaften, sind, auch wenn sie nicht allzu groß sind, vielleicht nicht gegen Staaten (zumindest Waco konnte sich nicht gegen die USA verteidigen), aber doch gegen gewöhnliche (private) Kriminelle genügend leicht zu verteidigen. Selbst wenn es „draußen“ ziemlich schlimm aussieht, wie, sagen wir mal, im mexikanischen Drogenkrieg, können solche Gemeinschaften Leben und Eigentum ihrer Bewohner schützen. Und wenn man sich überlegt, dass selbst die USA in Afghanistan auch mit solchen kleinen Dorfgemeinschaften solche Schwierigkeiten haben, dass sie es vorziehen bald abzuziehen, dann zeigt das, dass solche Gemeinschaften selbst gegen Staaten militärisch nicht völlig chancenlos sind.

Und ich habe sie auch deswegen genauer betrachtet, weil sie theoretisch interessant und wichtig sind, weil sie das theoretische Ideal mit der praktischen Realisierbarkeit vereinen: In ihnen kann das Ideal von einer Gesetzgebung nicht durch Herrschaft der Mehrheit, sondern durch wirklichen Konsens aller Beteiligten realisiert werden. Trotzdem muss dabei auf nichts verzichtet werden, was heutige Staaten anzubieten haben – nicht einmal auf das Gewaltmonopol des Staates, was sich hier zu einer einfachen pragmatischen Arbeitsteilung zwischen bewaffneten Sicherheitskräften und den übrigen Bewohnern reduziert. Daher fallen die Argumente derer, die meinen, es ginge (warum auch immer) ohne so etwas gar nicht, in sich zusammen.

Aber mehr ist es eben für mich auch nicht. Es ist also kein Ideal, sondern eher eine Notlösung. Und auch die ist eher für einen theoretischen Notfall gedacht – den Notfall der theoretischen Horrorszenarien der Angstmacher. Das Ganze dann noch kombiniert mit der Befürchtung, dass all die neuen Strukturen, die anarcho-kapitalistische Theoretiker vorschlagen, nicht funktionieren, ohne dass begründet würde, warum die nicht funktionieren könnten.

Und doch, auch wenn sie gar nicht mein Ideal sind – ich werde doch mal versuchen, die Argumente, die für abgegrenzte Gemeinschaften als einem wichtigen Modell einer libertären Gesellschaft sprechen, herauszuarbeiten.

Die abgegrenzte Gemeinschaft ist kein Kloster

Sicher ist ein klassisches Kloster auch eine abgegrenzte Gemeinschaft. Und wer, aus welchen Gründen auch immer, in einem Kloster leben möchte, sollte auch die Möglichkeit dazu haben. Dies ist aber sicher keine Alternative für die Allgemeinheit. Und das Kloster muss auch keineswegs ein Modell für eine solche Gemeinschaft sein. Wirtschaftliche Autarkie anzustreben, indem alles, was man zum Leben braucht, innerhalb der Gemeinschaft hergestellt wird, wäre keine gute Idee, es würde die Gemeinschaft natürlich zu Armut verurteilen. Und auch die Idee, sich selbst vom Leben draußen auszuschließen, käme für den Großteil der Menschen gar nicht in Frage. Auch für mich nicht.

Was nicht bedeutet, dass es nicht auch Wirtschaftszweige geben kann, in denen die Gemeinschaft autark sein kann. Der Umgang mit Kindern, vom Babysitting bis zur Schulbildung, die Altenpflege, der Hausarzt und durchaus auch der eine oder andere Spezialist, vom Optiker zum Psychologen – das alles braucht nicht unbedingt hochspezialisierte Fachleute, die eine solche Gemeinschaft nicht selbst aufbringen könnte. Auch ein auf die Bedürfnisse der Bewohner zugeschnittener Laden hätte seinen Platz, genau wie eine Kneipe. Wo immer sie nicht ausreichen, stände der Weg zu Spezialisten von außerhalb offen.

Die Angebote innerhalb wären allerdings auch Angebote von Spezialisten – speziell auf die Bedürfnisse dieser speziellen Gemeinschaft zugeschnitten. Eine andere Art von Spezialisierung, auf eine der vielen verschiedenen Arten, wie man das Zusammenleben einer Gemeinschaft organisieren kann, eine Spezialisierung, die man in der heutigen Welt kaum findet.

Der Großteil der Bewohner würde jedoch außerhalb der Gemeinschaft arbeiten, und dies egal ob „außerhalb“ wirklich außerhalb des Territoriums der Gemeinschaft bedeutet oder nur im Rahmen einer anderen Gruppe von Menschen, die über das Internet zusammenarbeiten ohne sich deshalb in der realen Welt treffen zu müssen.

Konfliktvermeidung durch Trennung

Sicherlich, wenn man an kleine, sich abgrenzende Gemeinschaften denkt, stellt man sich schnell die Extremfälle vor. Gruppen von extremen Fanatikern also, mit völlig abstrusen Heilslehren und Moralvorstellungen, die den Mainstream mit Entsetzen erfüllen. Gruppen, die sich abschotten, weil sie die Welt draußen hassen. Das, was wir über sie erfahren, ist außerdem meist von Mainstream-Journalisten geschrieben, daher eher verlogene Hetze als Berichterstattung, fokussiert auf all das, was der Mainstream ablehnt.

Das andere Extrem wären Gemeinschaften, wie sie sich in vielen Ländern der Dritten Welt bilden, wo die einzige Gemeinsamkeit der Bewohner ihr Interesse am Schutz vor Kriminalität ist. Die Bewohner sind eher reich, daher also Target von Kriminellen, weil es was zu stehlen gibt, aber auch nicht superreich, um sich für sich alleine privaten Schutz leisten zu können, also am ehesten Mittelstand. (Wobei aber auch arme Gegenden inzwischen dazu übergehen, Selbstschutz vor Kriminellen zu organisieren.) Dass noch mehr Gemeinsamkeiten hinzukommen würden, wie gemeinsame Religion, Hautfarbe, Sprache oder Kultur, wäre eher Zufall.

Wenn solche abgegrenzten Gemeinschaften in der libertären Gesellschaft eine Rolle spielen, dürfte dies eher irgendetwas dazwischen sein. Der Grund dafür ist, dass, im Gegensatz zur heutigen Gated Community, die Gemeinschaften faktisch so etwas wie verschiedene Staaten wären, mit verschiedenen Gesetzen. Es ist eine Sache, wenn heute eine Gegend dafür bekannt ist, dass man dort problemlos an Hasch rankommt und die Polizei sich kaum drum kümmert, ob da jemand kifft – was man halt so hört, was aber auch nur ein Gerücht sein kann. Es ist etwas ganz anderes, wenn man weiß, dass innerhalb einer solchen Gemeinschaft Kiffen legal ist, in der Nachbar-Gemeinschaft hingegen nicht. Denn im letzteren Fall würde der Kiffer aus der Nachbargemeinschaft einiges in Bewegung setzen, um in die Kiffer-Gemeinschaft umzuziehen, auch wenn er dabei kaum mehr als die Straßenseite wechselt. Jemand, der nicht möchte, dass seine Kinder zu früh mit dem Kiffen in Berührung kommen, würde hingegen in die Nachbar-Gemeinschaft umziehen. Die Unterschiede zwischen den beiden Gemeinschaften wären daher größer als sie es heute zwischen den Nachbarvierteln wären.

Und dies hätte zweifellos Vorteile. Die Kiffer können in ihrer Gemeinschaft ohne Angst kiffen, bekommen ihren Hanf auf kontrolliertem Anbau in guter Qualität. Die Nachbarn könnten trotzdem ihre Kinder unbeaufsichtigt draußen spielen lassen, ohne Angst, dass diese zum Kiffen verführt werden würden. Schlimmstenfalls würden sie Lieder von Bob Marley von der anderen Seite der Mauer her hören.

Dieser Aspekt von Konfliktvermeidung durch Trennung ist etwas sehr wichtiges und positives. Denn es bringt auch mehr Verschiedenheit von Gemeinschaften hervor. Und dies ist auch für sich etwas sehr wichtiges:

  • Es erhöht die Freiheit des Einzelnen beträchtlich, da er sehr viel mehr, und sehr viel verschiedenere Gemeinschaften zur Auswahl hat, in denen er leben könnte. Libertäre Vielfalt statt demokratischer Einheitsbrei.
  • Es vermeidet Konflikte zwischen verschiedenen Kulturen.
  • Es erlaubt denjenigen ein glücklicheres Leben, denen bestimmte Aspekte anderer Kulturen sehr unangenehm sind, so dass sie mit Menschen aus diesen Kulturen keinen Umgang haben wollen.
  • Die Kosten für diese Konfliktvermeidung sind minimal, sie bestehen lediglich darin, dass man eventuell vom Besuch einzelner Gemeinschaften ausgeschlossen wird. Dies wären allerdings Gemeinschaften, in denen diejenigen sich auch heute kaum wohlfühlen würden, so dass sie dadurch kaum etwas verlieren.
  • Offene und tolerante Menschen würden hingegen kaum eingeschränkt werden – es wäre für sie selbstverständlich, sich beim Besuch einer anderen Gemeinschaft an deren Regeln zu halten.
  • Größere Vielfalt ist immer ein Vorteil für die gesamte Gesellschaft. Es wird eine größere Vielfalt von Lebensentwürfen ausprobiert und überhaupt erst ausprobierbar, denn viele individuelle Lebensentwürfe erfordern auch einen entsprechenden kulturellen Hintergrund, eine kulturelle Vielfalt die heutige Einheitskultur nicht bieten kann.

Freie Kindheit in abgegrenzten Gemeinschaften?

Dann ist da die Frage des Umgangs mit Kindern. Sieht man von perversen kommunistischen Phantasien der kasernierten Erziehung ohne Eltern ab, werden Kinder in der Regel immer bei ihren Eltern aufwachsen, und ihre Eltern werden darüber entscheiden, wie viele Freiheiten sie haben. Sicher hängt dabei viel von den persönlichen Überzeugungen der Eltern ab. Aber es gibt noch einen anderen wichtigen Faktor, von dem sehr viel abhängt – nämlich davon, inwieweit die Eltern die Wohnumgebung selbst und die anderen Menschen in ihrer Wohnumgebung als Gefahr für ihre Kinder ansehen.

Diese Gefahr werden sie ganz allgemein als am geringsten einschätzen, wenn sie in einer Gemeinschaft Gleichgesinnter leben, in einer Gemeinschaft von Menschen, die die ihnen selbst wirklich wichtigen Ansichten teilen. Und genau dies ist im Modell der abgegrenzten Gemeinschaft gewährleistet. Und deswegen wird in der abgegrenzten Gemeinschaft eine wichtige und zentrale Angst der Eltern – die Angst, dass andere Menschen ihre Kinder schädigen – minimiert. Das bedeutet jedoch praktisch einen erheblichen Freiheitsgewinn für die Kinder selbst. Sie werden sich ohne Probleme innerhalb des Gebiets der abgegrenzten Gemeinschaft frei bewegen dürfen. Sie werden alleine oder mit Freunden draußen spielen können, zu Freunden zu Besuch gehen können, brauchen kaum Angst um ihre Sachen zu haben, das Fahrrad kann unangeschlossen draußen stehen bleiben – all die Freiheiten, die Kinder auf dem Dorf früher hatten, sie könnten sie in einer abgegrenzten Gemeinschaft wiederhaben. Zumindest könnten sie sie sehr viel früher genießen als normale Kinder heute.

Sicher, man mag einwenden, dass die Kinder hier nur eine sehr eingeschränkte Freiheit haben – sie lernen nicht beliebige fremde Menschen, insbesondere auch Menschen fremder Kulturen, kennen, sondern nur eine spezielle, künstlich eingeschränkte, Kultur. Wäre es nicht viel besser, wenn …?

Das ist jedoch das, was ich bezweifle. Denn die Frage ist ja, warum die Kultur, in der das Kind aufwächst, in der abgegrenzten Gemeinschaft eingeschränkt ist. Sie ist es, weil die Eltern Angst vor einer weniger eingeschränkten Gemeinschaft haben. Was aber tun Eltern, die in einer Gemeinschaft leben müssen, in der sie Angst haben, deren Mitglieder würden ihrem Kind schaden? Richtig, sie versuchen, ihr Kind vor den Gefahren zu bewahren. Und sie tun dies, indem sie die Freiheit des Kindes einschränken. Im Endergebnis hat es weniger Freiheiten, als es sie in der abgegrenzten Gemeinschaft hätte.

Abgesehen davon glaube ich auch, dass die Freiheiten, die ein Kind so in einer abgegrenzten Gemeinschaft gewinnt, die für das Kind wichtigeren Freiheiten sind. Die Freiheit, allein, ohne Aufsicht, draußen spielen zu können, sich allein Freunde auszusuchen, allein einkaufen zu gehen – das sind für seine Entwicklung seine wichtige Freiheiten. Je früher es sie erhält, desto besser. Auch die kleinste Gruppe von Fanatikern enthält genügend viele verschiedene Menschen, dass es sich so wichtige Menschenkenntnis erwerben kann, sehr viel besser als wenn es faktisch nur zu Hause rumhängt. Hingegen sind die Fragen, die ideologisch verblendeten Eltern wichtig sind – wie dass alle seine Bekannten die Einzig Heilige Lehre akzeptieren – für die freie Entwicklung der Kinder selbst erst einmal recht unwichtig.

Wie belästigend wären Grenzkontrollen?

Die Vorstellung, dass man an jeder Grenze eines Wohnviertels behandelt würde wie heutzutage an einer Staatsgrenze, wäre natürlich das wohl am meisten abschreckende Element einer solchen Gesellschaft. Nur, würden sich die Gemeinschaften überhaupt auf solche Art voneinander abgrenzen?

Dies wäre vielleicht zu befürchten, wenn die abgegrenzten Gemeinschaften das Ergebnis eines Bürgerkriegs wären, wenn also jede Gemeinschaft Angst haben müsste, dass sich hinter den scheinbar zufälligen Besuchern Feinde verbergen, die das Gebiet der Gemeinschaft erobern wollen. In so einem Fall würden Besucher sicherlich stark kontrolliert, wenn sie überhaupt hineingelassen werden würden. Sicher würde dies nach einem Waffenstillstand mit der Zeit nachlassen, aber einmal etablierte Kontrollen würden vermutlich länger bestehen bleiben als nötig.

Nur, was wäre denn, angesichts moderner Informationstechnologie, wirklich nötig?

Die Regeln, die ein Besucher oder Bewohner einer Gemeinschaft zu beachten hat, wären natürlich öffentlich einsehbar. Sie könnten auch eine in vieler Hinsicht standardisierte Form haben, so dass man sie nicht gar nicht durchlesen müsste – dies könnten automatische Programme für uns tun, die uns dann warnen würden, wenn es dort unübliche, seltsame Regeln geben würde, und ansonsten die einem selbst wichtigen Punkte automatisch heraussuchen würden – wie dem Kiffer beispielsweise ob dort Kiffen ok ist.

Die Regeln müsste man natürlich beim ersten Besuch (oder schon bei der Vorbereitung des Besuches) als für die Zeit des Besuches verbindlich anerkennen. Das müsste man für jede Gemeinschaft, die man besuchen will, nur einmal machen.

Hat man dies getan, könnte eine Anlage an der Grenze mich automatisch erkennen und hereinlassen, eine Anlage, die mich genauso wenig belästigen würde wie die heutigen Anlagen beim Ausgang aus Kaufhäusern, die kontrollieren, ob ich nichts gestohlen habe.

Das wäre es auch schon was wirklich notwendig wäre – also faktisch nichts.

Wäre mehr zu erwarten oder zu befürchten? Dies stünde den Mitgliedern der Gemeinschaft natürlich frei – einer Gemeinschaft, die klein genug ist, dass ihre Regeln wirklich Konsens sind und von allen akzeptiert werden. Allerdings, Akzeptanz der Regeln ist eins, sich daran zu halten was anderes. Eine Gemeinschaft von Anti-Alkoholikern könnte durchaus vor einer Situation stehen, in der der eine oder andere doch draußen Alkohol kauft und ihn reinschmuggelt. Und sie könnte dagegen mit Einlasskontrollen vorgehen. Möglich. Aber plausibel? Wenn überhaupt, hätten nur einige wenige der Anti-Alkoholiker dieses spezielle Suchtproblem. Die Kontrollen würden sich dann auf diese Mitglieder konzentrieren, und andere Leute höchstens mal stichprobenartig kontrollieren.

Wären Zollkontrollen zu befürchten? Was heute Staatseinnahmen wie Steuern und Zölle sind, wären die Kosten, die für den Unterhalt des Gemeinschaftseigentums und die Bewachung notwendig sind. Dies wäre etwas, worüber die Mitglieder der Gemeinschaft im Konsens auf ihren Mitgliederversammlungen beschließen würden. Sicherlich könnten sie die Höhe der Beiträge der Einzelnen von allem möglichen abhängig machen – von der Größe des Besitzes beispielsweise. Nur, welche Gemeinschaft würde auf die Schnapsidee kommen, diese Bezahlung der Gemeinschaftsgebühren über einen Zoll am Eingang zu realisieren, der ständig zu Wartezeiten führen würde?

Nein, das, was „besteuert“ werden würde, um die Gemeinschaftsausgaben zu decken, wären eher die Personen selbst sowie leicht kontrollierbarer Besitz, wie die Größe der Wohnung oder das Auto. Das wäre sowohl sozial gerecht, als auch den Kosten für die Bewachung entsprechend – denn je größer der bewachte Besitz ist, desto größer auch die Kosten.

Wobei es natürlich nicht auszuschließen wäre, dass die Mitgliederversammlungen auch moderne Möglichkeiten, wie sie moderne Informationstechnologie bieten würde, auch ausnutzen könnte, um intern zu einer nach den Vorstellungen der Mitglieder gerechteren Bezahlung führen würde. Wenn, sagen wir mal, ein Teil der notwendigen Aufräumarbeiten aus dem Beseitigen leerer Bierflaschen besteht, könnte eine Biersteuer, deren Höhe durch eine automatische elektronische Zählung der eingeführten Bierflaschen individuell festgelegt wird, Teil einer gerechten Lösung sein. Doch es bliebe dabei: Zu einer Belästigung würden Grenzkontrollen kaum werden – einfach weil die Bewohner damit nicht einverstanden wären.

Ökonomische Vorteile

Vom ökonomischen Standpunkt aus gesehen sind die klassischen Probleme, die die freie Marktwirtschaft mit sich bringt, Probleme öffentlicher Güter. Von denen sind allerdings der größte Teil wiederum lokale Probleme, also Güter die zwar mehr als eine Person betreffen, aber dann auch nicht die ganze Welt, sondern nur die lokale Gemeinschaft, oder schlimmstenfalls mehrere Nachbargemeinschaften.

Damit sind lokale Gemeinschaften, die in ihrem Innern frei sind, die verschiedensten Lösungsmethoden für solche Probleme zu finden, auch die richtigen Akteure, um solche Probleme zu lösen. Sowohl für die kleineren Probleme innerhalb, für die sie die alleinige Zuständigkeit haben, als auch für die Probleme im etwas größeren Rahmen, wo die verschiedenen Gemeinschaften, die davon betroffen sind, miteinander verhandeln müssen.

Es gibt auch einige wirtschaftliche Fragen, in denen eine solche Gemeinschaft als Ansprech- und Verhandlungspartner sinnvoller sein kann als Individuen. Da denke ich vor allem an lokale Leitungssysteme für Gas, Wasser, Elektrizität usw. usf. oder die Pflege der Grünanlagen und die Müllabfuhr. Hier wären verschiedene Anbieter für verschiedene Bewohner eher kontraproduktiv und würden zu wirtschaftlicher Verschwendung durch mehrfache Leitungssysteme führen.

Genauso ist der Schutz eines größeren Gebietes vor kriminellen Eindringlingen auch rein wirtschaftlich einfacher und praktischer als der einzelner Wohnungen oder Häuser. Nebenbei ist er auch für die Bevölkerung selbst weniger belästigend. Denn Mauern, die vor Kriminellen schützen, behindern natürlich auch die Bewohner in ihrem Verkehr untereinander.

Vertragsfreiheit als Grundlage

Dann wäre da noch die Frage des Rechts. Es gibt ja im Recht zwei große Bereiche – Vertragsrecht, bei dem es um Konflikte zwischen Leuten geht, die einen Vertrag miteinander geschlossen haben, und dann bei der Durchführung ein Problem entsteht, und dann alles übrige, was Konflikte zwischen Menschen angeht, die überhaupt keine vertragliche Bindung miteinander haben.

Das Vertragsrecht ist dabei das weitaus weniger problematische. Denn man hat vor allem erst einmal eine klare und von beiden Seiten akzeptierte Grundlage für die Streitschlichtung – den Vertrag selbst. Der mag schlecht formuliert sein, oder wichtige Fragen nicht behandelt haben – doch kann sich ein Richter in solch einem Fall ja überlegen, was die Parteien sinnvollerweise hätten besser machen können. Und Präzedenzfälle wären hierbei eine solide Grundlage für die Entscheidungsfindung.

Ein Konflikt zwischen Leuten ohne vertragliche Bindung hat einen ganz anderen Charakter. Denn bei ihm kann hinzukommen, dass es überhaupt keine gemeinsame rechtliche Grundlage gibt, um das Problem zu lösen – was der eine für Recht und Gesetz hält, kann für den anderen Unrecht und Willkür sein. Streitschlichtung hätte hier gar keine Basis. Und daher wird es meist zu einer Frage der Macht, wie das Problem gelöst wird. Die lokale Mafia wendet, auf der Basis ihrer militärischen Stärke an diesem Ort, ihre Vorstellungen von Recht und Gesetz an.

Abgegrenzte Gemeinschaften minimieren nun solche Konflikte. Jeder, der in eine solche Gemeinschaft kommt, hat deren Statut anerkannt. Und damit gibt es für alles, was sich innerhalb der Gemeinschaft abspielt, eine gemeinsame und von allen Beteiligten freiwillig akzeptierte Grundlage, nämlich das Statut der Gemeinschaft. All das, was für uns heute externe, von unserem Einverständnis unabhängige staatliche Gesetze sind, würde in abgegrenzten Gemeinschaften durch ein von allen Bewohnern wie Gästen freiwillig akzeptiertes Statut ersetzt werden.

Dies hätte aus zwei Gründen eine starke Auswirkung auf das Verhalten der Menschen: Einmal ist es natürlich klar, dass Menschen Regeln, die sie selbst freiwillig akzeptiert haben, sehr viel eher einhalten als externe Vorschriften, die sie möglicherweise sogar als Unrecht betrachten und wenn überhaupt dann nur aufgrund der Abschreckung durch Bestrafung einhalten. Dann gibt es jedoch noch einen zweiten Punkt: Wenn es erst einmal ein globales Reputationssystem gibt, bei dem jeder, der Verträge bricht, auf einer globalen schwarzen Liste landet, stellt dieses System eine erhebliche Abschreckung vor Vertragsbruch dar, deren moralischer Wert deutlich über das hinausgeht, was eine Haftstrafe heute bewirkt. Denn für eine Haftstrafe kann es viele Gründe geben – insbesondere eben auch, dass man gegen Unrechtsgesetze verstoßen hat, von denen es im heutigen demokratischen Strafrecht ja genug gibt. Für einen Vertragsbruch gibt es keine solche Rechtfertigung. Wer als Vertragsbrecher bekannt ist, wird Schwierigkeiten haben, in Zukunft andere Menschen zu finden, die bereit sind, mit ihm Verträge zu schließen.

Es ist daher von großer Bedeutung, wenn Konflikte mit Fremden durch Konflikte mit Personen ersetzt werden, zu denen vertragliche Beziehungen, direkt oder indirekt, existieren.

Das Modell der vertraglichen Bindung in einer abgegrenzten Gemeinschaft ist recht einfach: Die Mitglieder der Gemeinschaft wie ihre Gäste haben ein gemeinsames Statut akzeptiert. Im Modell von unabhängigen Sicherheitsfirmen wäre das System notwendigerweise komplizierter: Die vertragliche Grundlage wäre der Vertrag zwischen dem Kunden und seiner Sicherheitsfirma. Der Fremde hätte in der Regel einen Vertrag mit einer anderen Sicherheitsfirma. Mit Glück hätten die beiden Sicherheitsfirmen auch untereinander einen Vertrag. Wenn nicht, wäre die Entscheidung, was bei einem Konflikt herauskommt, eine Frage des Rechtes des Stärkeren.

Die abgegrenzte Gemeinschaft löst dieses Problem dadurch, dass es für die Konflikte eine einfache und einsichtige Lösung gibt. Es ist der Ort des Konflikts, der entscheidet, was passiert. Findet der Konflikt innerhalb des Gebietes einer abgegrenzten Gemeinschaft statt, dann bedeutet dies, dass beide das Statut der Gemeinschaft akzeptiert haben, also ist dieses Statut relevant. Oder einer ist heimlich in das Gebiet eingedrungen, was schon einmal einen Verstoß gegen die Eigentumsrechte der Gemeinschaft darstellt. Keine Sicherheitsfirma würde ihren Kunden versprechen, sie nach solchen illegalen Handlungen noch zu unterstützen. Selbst wenn es zu einem Konflikt käme, hätte auch eine kleine Gemeinschaft eine gute Chance, da der Schutz des Gebietes vor Einbrechern auch einen gewissen Schutz vor Angriffen anderer Sicherheitsfirmen darstellt.

Arbeitsplätze als andere abgegrenzte Gemeinschaften

Was für die Gemeinschaften gilt, in denen man wohnt, gilt natürlich auch für die Arbeitsplätze. Wenn dies eine größerer Firma ist, groß genug um eine Bewachung sinnvoll zu machen, wäre es genauso natürlich, dass sich auch die Firma wie eine abgegrenzte Gemeinschaft organisiert. Eigentlich ist es für Firmen sogar noch natürlicher und in vieler Hinsicht schon immer so gewesen – es gibt ein Firmengelände, welches durch einen Wachdienst bewacht wird, wo man ohne Mitarbeiter zu sein oder ohne einen Besuchstermin zu haben gar nicht reinkommt.

Es gab auch schon mal Ansätze von großen Firmen, beides zu vereinen, und Wohnsiedlungen für ihre Arbeiter zu bauen. Ich denke jedoch nicht, dass eine so enge Verflechtung von Wohn- und Arbeitswelt eine große Zukunft hätte. Der typische Angestellte würde in einer Wohngemeinschaft wohnen und in einer davon recht unabhängigen Betriebsgemeinschaft arbeiten.

Nochmal die Warum-Frage

Was auch immer man von anderen Modellen einer libertären Gesellschaft hält – beispielsweise dem verschiedener Sicherheitsfirmen, deren Kunden bunt gemischt miteinander zusammenleben – ist für mich eine eher sekundäre Frage. Je länger ich darüber nachdenke, desto unwichtiger wird sie für mich. Und dies nicht weil ich diese anderen Modelle schlechter finden würde.

Der Punkt ist einfach dass wir mit der abgegrenzten Gemeinschaft ein sehr einfaches und leicht durchschaubares Modell haben, welches auch ohne größere neue Ideen funktionieren kann. Wir wissen faktisch schon, dass sie funktioniert, dass sie funktionieren kann. Die vertragsrechtlichen Grundlagen sind einfach und überschaubar. Auch die sozialen Fragen erhalten in diesem System einfache Antworten – denn die Gemeinschaft, basierend auf freiwilligem Zusammenhalt, wird sich auch gemeinsam um Kinder, Kranke und Alte kümmern. Wir haben es also mit einem System zu tun, für welches wir die üblichen Einwände leicht und überzeugend beantworten können.

Dafür, dass sich solche Gemeinschaften mehr voneinander abgrenzen würden, als ihren Bewohnern lieb ist, sehe ich keine plausiblen Gründe. Sicher bliebe dies als Möglichkeit für religiöse oder kommunistische Sektierer. Für die Mehrheit wäre die Gemeinschaft aber nur ein Teil ihres Lebens. Sie würden außerhalb arbeiten, Einkäufe, Ausflüge, und noch vieles andere, was ihr Leben ausmacht, außerhalb der Gemeinschaft machen, und hätten auch viele Arbeitskollegen, Freunde und Bekannte außerhalb. Die Angst, man müsse zu oft Kontrollstationen passieren, halte ich für unbegründet. Sicher, ich halte auch die Ängste, dass jeder Konflikt zwischen Bürgern gleich das Potential eines Krieges zwischen ihren Sicherheitsfirmen hat, für unbegründet. Nur, andere davon zu überzeugen, dass es wirklich keinen Grund für solche Befürchtungen gibt, dürfte weitaus schwerer sein.

Die wohl wichtigste Befürchtung teile ich hingegen überhaupt nicht:

Lauter solche kleinen Gemeinschaften verhindern genau das, was eine Gesellschaft voranbringt: die Anregung durch unterschiedliche und nicht von der Gemeinschaft regulierte Meinungen, die Arbeitsteilung und tiefe Märkte, die eine feine Spezialisierung ermöglichen.

Ich halte nämlich die Vielfalt durch verschiedene Gemeinschaften für etwas, was der Gesellschaft insgesamt sehr viel mehr bringt, als man sich heute überhaupt vorstellen kann. Im Gegenteil, ich betrachte eher die heutige weitgehend homogene Gesellschaft als arm und stagnierend. Denn für verschiedene Arten von Fortschritt braucht es ja mehr als einen Einzelnen, der eine unterschiedliche Meinung hat, es braucht oft genug auch ganze Gemeinschaften mit abweichenden Meinungen, die nicht vom Mainstream reguliert werden.

Die heutige Gesellschaft, mit dem mehr oder weniger atomisierten Einzelnen, der einer mehr oder weniger gleichgerichteten, nach einem Mainstream ausgerichteten Masse gegenübersteht, ist eine denkbar ungeeignete Konstruktion für einen wirklichen Fortschritt. Die mittlere Ebene, bestehend aus kleineren oder größeren Gemeinschaften, die gemeinsam bestimmten Ideen folgen, diese in Gemeinschaftsarbeit ausfeilen und ausprobieren, das ist etwas, was in der modernen Gesellschaft einfach völlig fehlt.

Und das ist durchaus etwas, was wirklich fehlt. Was ist, beispielsweise, für Kinder wirklich gut? Welche Art und Weise den Umgangs, welche Formen von Erziehung, welche Formen von Ausbildung? Das ist etwas, was nicht einen Einzelnen erfordert, der interessante Ideen dazu hat. Das ist etwas, was viele kleine Gemeinschaften erfordert, Gemeinschaften, die von der einen oder anderen Idee wie man Kinder großziehen sollte begeistert sind und sie umzusetzen versuchen. Das ist wirklich dringendst erforderlich, wenn wir nicht wollen, dass auch unsere Nachkommen in hundert Jahren noch in denselben stupiden Schulen ihre wertvolle Lebenszeit vergeuden müssen.