Die hohe Kunst des systematisch falschen Übersetzens

Janukowitsch, der gestürzte (aber nach der ukrainischen Verfassung immer noch legitime) Präsident der Ukraine, hat sich mal wieder zu Wort gemeldet. Wie wichtig so etwas ist, mag dahingestellt bleiben – politisch hat Janukowitsch keine Chance mehr, aber sein immer noch vorhandener legaler Status als Präsident mag ihn für Putin noch nützlich machen. Wie auch immer, hier möchte ich auf etwas ganz anderes hinweisen – nämlich auf die hohe Kunst des Übersetzens, wie sie von westlichen Journalisten gepflegt wird.

Die New York Times berichtet darüber: „Crimea is a tragedy, a major tragedy,“ Viktor Yanukovych told The Associated Press … Still, Yanukovych insisted that Russia’s takeover of Crimea wouldn‘t have happened if he had stayed in power.

Für „takeover“ macht dict.cc Übersetzungsvorschläge wie „Machtergreifung“ oder „Machtübernahme“.

Beim Spiegel liest es sich so: Der nach Russland geflohene Politiker nannte die Abspaltung der Krim eine „Tragödie“. Er hätte den Anschluss an Russland nie zugelassen, beteuerte der 63-Jährige.

Welche Assoziationen das Wort „Anschluss“ in der deutschen Sprache weckt, braucht wohl nicht erläutert zu werden, Schäuble lässt grüßen.

Die Zeit ist sogar noch härter in ihrer Wortwahl. Dort liest sich das so: Die Abspaltung der Krim bezeichnete Janukowitsch als Tragödie. Unter seiner Führung wäre die Annexion der Region durch Russland nicht geschehen, sagte der im russischen Exil sitzende Janukowitsch.

Also, drei Varianten, und in allen drei Varianten wählt Janukowitsch einen Ausdruck, der eher der westlichen Interpretation der Geschehnisse auf der Krim entspricht: Annexion, Anschluss, takeover – alles Begriffe, wie sie für die gewaltsame Eroberung eines Territoriums taugen, und die man kaum wählen würde, wenn die Krim sich selbst von der Ukraine abgespalten hätte, und dann, aufgrund einer freiwilligen Entscheidung der Bevölkerung, Russland beigetreten wäre. Ich denke, jedem ist klar, dass allein schon die Verwendung eines solchen Begriffs auf eine harte politische Differenz zwischen Janukowitsch und Putin hindeuten dürfte.

Und das macht es natürlich interessant, herauszubekommen, was im Original gesagt wurde. Dazu gibt es ein Video, es gibt auch den Text dazu, ich nehme ihn von hier (mit kleiner Korrektur):

Это боль и трагедия, которая произошла с Крымом, когда население такого региона на протестных настроениях провело референдум и вышло из состава Украины, фактически. И я не могу с этим согласиться, и если бы это было при мне, я бы постарался этого не допустить.

Ich würde diesen Text so übersetzen: „Dieser Schmerz, diese Tragödie, die mit der Krim passierte, als die Bevölkerung einer solchen Region aus einer Proteststimmung heraus ein Referendum durchführte und aus dem Bestand der Ukraine austrat, faktisch. Und ich kann persönlich mich damit nicht einverstanden erklären. Wenn das zu meiner Zeit passiert wäre, hätte ich versucht, das zu verhindern.“.

Es gibt im Original also weder einen Anschluss, noch eine Annexion, noch ein takeover – nein, es gibt eine Bevölkerung, die ein Referendum durchführte und aus dem Bestand der Ukraine austrat, auf der Basis einer (wie in anderen Teilen des Interviews erläutert wird) aufgrund der Politik der Putschisten völlig verständlichen Proteststimmung heraus.

Nun will ich nicht kleinlich sein – Übersetzen ist nicht immer einfach, oft genug schwer, bei Gedichten faktisch nicht möglich. Eine Fehlübersetzung wäre verzeihlich. Aber gleich drei Fehlübersetzungen? Und alle in dieselbe Richtung fehlübersetzt? Tut mir leid, aber das ist kein Übersetzungsfehler, das ist einfach nur noch bewusste, gewollte Falschdarstellung. Wer anderer Meinung ist, darf das seiner Oma begründen.