Wie Regeln entstehen

Einfach mal eine Beschreibung eines Fall, den ich mit „spontane Entstehung von Regeln“ beschreiben könnte.

Der Ort: Straßenverkehr in Ägypten. Für jemanden, der deutsche Ordnung gewöhnt ist, ist es einfach nur das reine Chaos. Wer eine deutsche Fahrerlaubnis hat und meint, damit in Ägypten Auto fahren zu können, macht einen Fehler, der eventuell schwere Auswirkungen haben kann. Ich hab es gar nicht erst probiert, schon das Überqueren von Straßen als Fußgänger ist etwas was man neu lernen muss – wenn man es allerdings gelernt hat, kommt man sicher über Straßen mit einem Verkehrsaufkommen einer Autobahn, und das ohne jede Ampel oder Fußgängerübergang.

Was mir als Beifahrer zuerst auffiel, war, dass in Ägypten zwar Rechtsverkehr herrscht, man es allerdings selbst damit nicht allzu genau nimmt. Von der Frage rechts oder links überholen mal ganz zu schweigen.

Aber das, was mich motiviert hat, diesen Artikel zu schreiben, was eine Situation wo es ganz offenbar eine lokale Regel gab – „hier ist Linksverkehr“. Die Regel funktionierte ohne jedes Verkehrszeichen, offenbar auch ohne jede offizielle Anordnung, sie funktionierte einfach so. Aber sie funktionierte. Zumindest über längere Zeit hinweg – ich fuhr, als Beifahrer, oft genug an jener Stelle vorbei, und es herrschte die ganze Zeit an dieser Stelle Linksverkehr.

Hier erst einmal der Versuch einer technischen Erklärung, wie es überhaupt dazu kommen konnte, dass an dieser Stelle Linksverkehr herrschte.

Es gibt in Ägypten eine Menge Kanäle. Da sich, natürlich, sowohl am rechten wie am linken Ufer Leute bewegen, gibt es auf beiden Seiten Straße. Und wo es in Ägypten nun einmal Rechtsverkehr gibt, ist klar, dass sich als offizielle Regelung anbietet, dass die beiden Straßen auf den beiden Seiten einfach nur die rechte und linke Fahrbahn einer einzigen offiziellen Straße sind.

Was macht aber nun der, der einfach nur auf seiner Seite ein paar Meter in die offiziell falsche Richtung fahren will? Den offiziellen Regeln nach müsste er eigentlich erstmal in die falsche Richtung bis zur nächsten Brücke fahren, dort die Seite wechseln, auf der anderen Kanalseite dann weiter bis zur nächsten Brücke fahren, und dann vermutlich auch noch wieder zurück. Auf sowas käme aber wohl nur ein Deutscher. Für einen normalen Menschen kommt sowas eigentlich nicht in Frage. Der fährt einfach ein paar Meter auf der falschen Seite.

Womit wir zur nächsten Frage kommen: Auf welcher Seite fährt man, wenn man aus dem obenbeschriebenen Grund auf der falschen Seite fährt? Auf der rechten? Na hallo, man kommt von links, man will nach links. Die Straße ist viel befahren, auf die rechte Seite der linken Kanalseite zu wechseln, und das gleich zwei mal kurz hintereinander, scheint wenig sinnvoll. Woraus sich recht natürlich die Regel ergibt, dass man, wenn man auf der linken Seite des Kanals fährt, links fährt. Das spart nicht nur das zweimalige Überqueren des Verkehrsflusses ein, es bietet auch mehr Raum zum Ausweichen: Nicht vergessen, man verstößt ja gegen die offizielle Straßenverkehrsordnung, die anderen nicht, da ist man es selbst, der auszuweichen hat. Wenn man rechts fährt, führt ein Ausweichen direkt in den Kanal. Keine gute Idee. Links hingegen ist der Bürgersteig oder ein Feld oder was auch immer, zumindest in der Regel ungefährlicher als ein Kanal.

Kommen wir nun zum konkreten Streckenabschnitt. Es gibt in Ägypten auch einen Staat, der Straßen baut und instand hält. Was allerdings nicht bedeutet, dass die Straßen in der Regel gute Qualität hätten. Was durchaus vorkommt, ist, dass der Staat sich beim Instandhalten sich etwas Zeit lässt, und im speziellen Fall sah es so aus, dass die eine Seite inzwischen instandgesetzt und einigermaßen befahrbar war, die andere jedoch nicht.

Warum sollte man aber nun die nächsten zwei Kilometer auf einer Schrottpiste fahren, wo man wegen der Fahrbahnschäden nur mit halber Geschwindigkeit fahren kann, wenn die andere Seite faktisch neu ist? Weil das von der Polizei so vorgeschrieben ist? Wieder mal eine typisch deutsche Idee, die dort niemandem in den Sinn kommt. Man fährt natürlich auf die andere, bessere Seite. Aber auf welcher Seite fährt man, wenn man nunmal auf der falschen Seite fährt? Na siehe oben, die lokalen Regeln sind klar genug, wer auf der falschen Seite fährt, fährt links.

Und so ergab sich das folgende Bild: Ganz normaler Rechtsverkehr solange auf beiden Seiten des Kanals die Straße erträglich war. An der Abschnitt, an dem die linke Kanalseite weitaus besser war, fuhr man über die Brücke, und auf der anderen Seite links, solange bis die Straße auf der rechten Seite wieder erträglich war, dann fuhr man wieder über die Brücke auf die rechte Seite. Und das alles war ansonsten völlig normaler, fließender Verkehr, vom Verkehrsaufkommen kaum unterscheidbar von einer normalen deutschen Straße. Wenn einer an dieser konkreten Stelle rechts gefahren wäre, wäre er der Geisterfahrer gewesen.

Für mich eine schöne Illustration wie Regeln entstehen. Eine staatliche Autorität, die sie durchsetzt, ist dazu nicht erforderlich. Würde sie überhaupt eine Meinung dazu haben, wäre sie voraussagbar eine ganz andere: All die, die auf der linken Seite links fahren, verstoßen gegen die Straßenverkehrsordnung, sind zu bestrafen und auf die rechte Seite des Kanals zu verweisen. Nur, sie spielte bei dieser lokalen Modifikation der ägyptischen StVO überhaupt keine Rolle.