Über den Sinn von „America first“

Trump kommt ins Amt, und schon geht es los – TPP gekündigt. Und die Welt reagiert – Australien überlegt laut, ob man nicht doch, auch ohne die USA, TPP machen sollte, und, als Ersatz für die USA, China einladen sollte.

Die Medien flippen aus. Nunja, was soll man von Lügenmedien erwarten, die die Hauptstadt des Lügenimperiums, Washington, plötzlich von einem offenen Feind, der sie öffentlich Lügenmedien nennt, erobert sehen. Nicht darum soll es hier gehen. Auch nicht so sehr darum, was Trump so alles erzählt wenn der Tag lang ist. Ich tendiere dazu, all diese Widersprüche als durchaus sinnvolle, rationale Strategie anzusehen, um sein wichtigstes Wählerpotential – diejenigen, die von Politischer Korrektheit die Nase voll haben – zu erreichen, denn für normale Menschen in einer normalen Unterhaltung ist der eine oder andere Widerspruch nichts als ein Missverständnis, was man mit einfacher Nachfrage ausräumen kann, und die Lügenpresse, die einen solchen Widerspruch zum Skandal macht, wird ja von ihnen sowieso abgelehnt. Manche seiner „Widersprüche“ sind in dieser Hinsicht ja gezielte Fallen. Weil jeder normale Mensch ja weiß, dass ein „Ich werde der größte Stellenerschaffer sein, den Gott erschaffen hat“ nichts ist als eine harmlose, nicht wirklich ernst gemeinte Übertreibung, und auf die zu erwartende Verwendung dieser Phrase gegen ihn nur die Überzeugung, dass man es mit einer Lügenpresse zu tun hat, stärken wird.

Was mich hier interessiert, ist die Frage, inwieweit das, was man bisher von Trump gehört hat, und was nun mit der TPP-Kündigung reale Politik zu werden beginnt, Teil einer rationalen Strategie ist.

Klar kann ich nicht wissen, was Trump wirklich denkt. Also geht es hier einfach nur darum, ob es Teil einer rationalen Strategie sein könnte. Also darum, rationale Gründe aufzuzeigen, warum man, wenn man diese Gründe wirklich als rational akzeptiert, an Trumps Stelle genau so handeln würde, ja geradezu müsste, wie Trump. Solche rationalen Gründe gibt es. Also, betrachten wir die Welt so wie ich sie augenblichlich sehe (also wie ich denke, wie sie ist), und überlegen uns, was in dieser Welt das Beste wäre, was man für Amerika tun könnte.

Der Hauptpunkt dabei ist folgender: Wir hatten bisher, seit dem Zerfall der Sowjetunion, eine unipolare, US-dominierte Welt. Diese US-Dominanz ist mit Mitteln der Wirtschaft nicht mehr aufrechtzuerhalten, weil Russland wie China den Kommunismus zumindest in der Wirtschaft, und damit ihren Hauptnachteil im Kalten Krieg, aufgegeben haben, und somit wirtschaftlich aufholen konnten. Versuche, mit Mitteln moderner Polittechnologie (Farbrevolutionen, hybrider Krieg) die Weltherrschaft zu verteidigen, sind katastrophal gescheitert. Nicht nur haben sie nicht erlaubt, in Russland und China eigene Vasallen an die Macht zu bringen (im Fall Russland, Vasallen wie Jelzin an der Macht zu halten). Sie haben auch überall selbst da, wo sie erfolgreich waren (Libyen, Iraq, Afghanistan) nur zu einer Verschlimmerung, insbesondere auch zu einer Verstärkung antiamerikanischer Stimmungen, geführt.

Es ist in jedem Fall höchst rational, eine einmal so katastrophal gescheiterte Strategie aufzugeben. Die Frage wäre, ob es alternative Strategien gäbe, die Weltherrschaft zu erhalten. Die Antwort ist negativ. Die Strategie von Clinton und Co war einfach nur ein „weiter so“, ohne jede Rücksicht auf Verluste, im Gegenteil, mit noch schärferer Konfrontation mit Russland bis hin zum Krieg.

Dies ist in jedem Fall nicht nur verbrecherisch, sondern noch dazu dumm.

Nur, wie sähe nun eine rationale Strategie für Amerika aus, wenn man akzeptiert, dass der Versuch, die Weltherrschaft zu verteidigen, sowieso zum Scheitern verurteilt ist? Um das zu beurteilen, müssen wir betrachten, was auf die Welt wie auch auf Amerika zukommt, wenn Amerika die Weltherrschaft aufgibt.

Das Ende der amerikanischen Weltherrschaft ist eine große, epochale Veränderung. Eine in jedem Fall hochinteressante, höchst interessant aber eben auch im Sinne der klassischen Verfluchung „mögest du in interessanten Zeiten leben“ – also eine Zeit voller Krisen, voller unvorhersagbarer Ereignisse, Zeiten, in denen das, worauf man lange Zeit vorher fest vertrauen konnte, plötzlich nicht mehr gilt, eine Zeit, die für den Einzelnen (oder eben auch den einzelnen Staat) höchst unangenehm sein kann.

In solchen außergewöhnlichen Umständen verlieren Regeln, die für normale Zeiten richtig sind, ihre Geltung . Das wichtigste Beispiel für eine solche Regel für normale Zeiten, die in solchen Umbruchszeiten nicht mehr gilt, ist Ricardos Gesetz vom komparativen Vorteil. Das ist ein sehr allgemeines ökonomisches Gesetz, und, wie viele ökonomische Gesetze, hat es eine sehr solide Grundlage. Das heißt, wer einfach so, mit seiner Politik, dagegen verstößt, wird, einfach durch die Wirkung der „unsichtbaren Hand“ des Marktes, sehr rigorous dafür bestraft. Was es, grob gesagt, aussagt, ist, dass Handel gut ist, für beide Seiten, und Einschränkungen des Handels, beispielsweise durch Zölle, beiden Seiten schaden. Die Beweise dafür sind solide. So solide wie in der Mathematik. Aus den Voraussetzungen folgt die Behauptung, durch logische Herleitung. Kann es in unter solchen Umständen überhaupt Situationen geben, in denen das anders ist?

Ja. Denn es kann durchaus sein, dass die Voraussetzungen nicht erfüllt sind. Und dann bringt solch ein Theorem rein gar nichts.

Die Voraussetzung für Ricardos Theorem sind eigentlich, auf ersten Blick, nicht weiter problematisch. Zwei Staaten, die miteinander Handel treiben. Das Einzige, was sie möglicherweise daran hindert, sind Zölle. Man rechnet aus, was optimal für beide wäre, und bekommt das Ergebnis, Zoll = 0. Sogar noch schärfer, man rechnet aus, was für eine Seite optimal wäre, selbst wenn die andere Seite was auch immer für Zölle festlegt. Und bekommt ein Zoll = 0 nur für die eigenen Zölle raus. Also selbst Strafzölle als Reaktion auf Zölle des anderen Landes sind schädlich für das eigene Land.

Nur, inwieweit gilt dies noch, wenn man in einer Welt lebt, in der der Handel in ungedeckten Papiergeldwährungen erfolgt, und eine Auf- oder Abwertung der jeweiligen Währung im Vergleich zur anderen den Handel stark beeinflussen kann? Diese Möglichkeit ist nichts, was Ricardo betrachtet hätte. Sie kommt weder in den Voraussetzungen vor, noch könnte der Beweis irgendwas über sie aussagen. Gut, das ist normalerweise nicht weiter schlimm. Schließlich passieren solche Änderungen selten, zumindest nicht in größerem Ausmaß, und dass man vereinfachen muss, wenn man in solch komplexen Zusammenhängen wie der Ökonomie was beweisen will, ist eine Trivialität.

Der Punkt, der die Gültigkeit von Ricardos Theorem aushebelt, ist, dass das existierende Währungssystem beim Übergang zur multipolaren Welt voraussagbar zusammenbrechen wird. Und dass dieser Zusammenbruch für den Welthandel voraussagbar eine Katastrophe sein wird. Und wie schwer diese Katastrophe für den einzelnen Staat wird, hängt davon ab, wie stark er vom Handel abhängt. Also, je weniger man Handel mit anderen Nationen betreibt, desto weniger wird man im Fall einer globalen Währungskrise betroffen sein.

Betrifft dieses Problem allen Handel zwischen den Nationen gleichermaßen? Nein. Denn die Währungskrise, die droht, wenn die USA ihre Weltherrschaft aufgibt, ist eine sehr spezifische, mit dem Dollar als zentralem Element. Warum sollte eine Krise, die mit dem Dollar zu tun hat, den Handel zwischen Luxemburg und Deutschland kaputtmachen oder auch nur beeinflussen können, wenn dieser Handel sowieso in Euro stattfindet? Der Euro-Dollar-Kurs kann da schwanken wie er will, es wäre an und für sich egal. Die Auswirkungen, soweit es sie gibt, wären indirekt. Klar, auch indirekte Wirkungen können erheblich sein. Aber das, was für Ricardos Theorem wichtig ist, wäre unbeinflusst. Der Handel zwischen Luxemburg und Deutschland bliebe, zollfrei, für beide die beste Lösung.

Dasselbe gilt für Staaten, die zwar keine gemeinsame Währung haben, aber deren Währungen, voraussagbar, eng genug miteinander verbunden sind. Wird der Handel zwischen Belorussland und Russland darunter leiden, dass der Dollarpreis schwankt? Nur dann wenn er für die belorussische und die russische Währung verschieden schwankt. Nicht wenn er für beide auf dieselbe Art schwankt, weil der Grund für die Schwankung in Amerika liegt. Dann gibt es gar keinen sachlichen Grund, warum der Wechselkurs zwischen den beiden schwanken sollte. Und damit ist die Gültigkeit von Ricardos Theorem kein Problem.

Beides gilt jedoch nicht für Amerika. Die Währungskrise, die mit der Aufgabe des Dollars als Weltwährung verbunden ist, ist naturgemäß eine Krise des Dollars. Und damit ist zu erwarten, dass, wenn sie ausbricht, der Dollarkurs unvoraussagbar schwanken wird, und der Handel mit den USA höchst problematisch wird. In einem Maße problematisch, dass man Ricardos Theorem zumindest für die Zeit der Krise vergessen kann.

Was bedeutet dies für Amerika? Es bedeutet, dass man während der zu erwartenden Krise des Welthandels umso weniger betroffen sein wird, und damit umso besser dastehen wird, je geringer der Handel mit Amerika ist. Und somit, für Amerika selbst, die Folgen dieser Währungskrise dann minimal sind, wenn der Handel Amerikas mit anderen Staaten minimal ist. Eine ökonomisch gesehen isolationistische Politik ist als, angesichts der sowieso zu erwartenden schweren Wirtschaftskrise, die für Amerika optimale ökonomische Strategie.

Und damit kommen wir zu dem durchaus nichttrivialen Schluss, dass, trotz Ricardos Theorem, Isolationismus eine für die US-Wirtschaft höchst rationale Strategie ist, zumindest in der Übergangsperiode zu einer multipolaren Welt.

Die nächste Frage ist natürlich, ob das überhaupt noch funktionieren kann. Schließlich braucht ein solcher Isolationismus einige Zeit, bevor er überhaupt Resultate bringt. Er kann also nur funktionieren, wenn noch genügend Zeit dafür ist. Allerdings, die Gegenfrage steht natürlich auch, was es denn ändert, wenn dazu nicht mehr genügend Zeit ist. Die Katastrophe wäre dann eh da. Und bevor Amerika den Handel Amerikas mit der Welt wiederherstellen könnte, bliebe ihm nichts weiter übrig, als mit dem zu leben, was es selbst produziert – denn der Handel mit den USA wäre halt einfach zusammengebrochen.

Trotzdem sei gesagt, dass die USA mit einer rationalen Politik, die versucht, die Krise einfach nur herauszuzögern, und sich durch Isolationismus auf sie vorzubereiten, durchaus in der Lage wäre, die Krise in der Tat hinauszuzögern.

Wieso? Einfach weil zumindest im Prinzip die Dedollarisierung auch friedlich, ohne Krise, ablaufen könnte. Eine konfrontative Strategie, wie sie von Obama gegen Russland gefahren wurde, nötigt andere dazu, den Dollar aufzugeben, zu dedollarisieren. Russland hat gezeigt, dass dies durchaus geht. Allerdings auch, dass dies ein langsamer Prozess ist, der Zeit braucht. Mehr politische Konfrontation (wie Ausschluss Russlands aus Swift oder noch härtere Sanktionen, weswegen auch immer) würden diesen Prozess zwar beschleunigen. Aber dies hat Trump ja nun nicht vor. Vermeidet man hingegen Konfrontation, kann dies, die Dedollarisierung des Welthandels durchaus aufhalten.

Verhindern kann es sie nicht. Langfristig gibt es keinen Grund, sagen wir, für die Zentralbank von Laos, irgendwelche Reserven in Dollar zu halten, wenn der wichtigste Partner im Außenhandel China ist, und selbst das, was man aus den USA bezieht, eher von chinesischen Zwischenhändlern verkauft wird. Trotzdem wird einfach die Gewohnheit und Tradition den Prozess der Dedollarisierung verlangsamen – solange es eben keine Gründe gibt, ihn zu beschleunigen.

Dabei sollte man auch nicht vergessen, dass die Dedollarisierung auch, zumindest für einige Staaten, ein Risiko an sich ist. Was wenn China, von einem Tag auf den anderen, alle US-Anleihen, die es besitzt, aufgrund einer politischen Entscheidung verkauft? Der Preis dafür fällt radikal. Keiner wird das Zeug mehr kaufen. Irgendwann, wenn es nur noch Schrottwert hat, kauft dann die FED das Zeug, einfach weil es die Knete dafür selbst drucken kann. Es wäre ein riesiges Verlustgeschäft für China. Und damit ist auch China selbst daran interessiert, die Dedollarisierung zu verlangsamen. Es wird US-Obligationen verkaufen – aber nur langsam, so dass der Preis dafür nicht zu rabiat sinkt. Und dabei wird es sich, ganz pragmatisch, danach richten, wie viele Dollarreserven es in seinem realen Außenhandel braucht. Was stark davon abhängt, wie schnell es seinen bisher über Dollar abgewickelten Handel mit allen anderen Ländern dedollarisieren kann – was, ohne politische Katastrophen, ein langsamer, evolutionärer Prozess ist.

Soweit man also politische Katastrophen vermeidet, kann man durchaus Zeit gewinnen, und die Dollarkrise verzögern. Sie völlig zu verhindern wird kaum möglich sein, dazu dürfte die Verschuldung der USA einfach zu hoch sein, eine Verschuldung, die es sich als Weltherrscher leisten konnte, als ein normales Mitglied der Weltgemeinschaft jedoch nicht mehr. Diese Verschuldung muss, und wird, beendet werden. Wie diese Verschuldung beendet werden wird, ist auch einigermaßen offensichtlich: Durch eine Entwertung der Schuldverschreibungen, also des Dollars.

Wie schnell sich das vollziehen wird, ist unklar, vor allem auch, weil so etwas unvoraussagbar explodieren kann. Schließlich ist einer der guten Gründe, die die Dedollarisierung verhindern, die Stabilität des Dollars im Vergleich zu den verschiedensten lokalen Währungen. Der kleine Mann legt seine Ersparnisse in Dollar an, nicht weil er proamerikanisch ist, sondern weil die Inflation in Dollar geringer ist als in der eigenen Währung. Nur, das ist eben das, was kaum langfristig aufrechtzuerhalten ist, wenn der Dollar nur noch eine unter vielen Währungen ist, und die Schulden des Staates USA astronomisch werden. Eine Inflation in Dollar wird langfristig nicht zu verhindern sein. Was passiert aber nun, wenn die Inflationsrate in Dollar höher wird als die in der eigenen Währung? Der kleine Mann verkauft seine Dollar und kauft die eigene Währung. Das bedeutet mehr Dollar auf dem Markt, und noch mehr Entwertung des Dollars. Und schon beginnt auch der kleine Mann aus dem Nachbarland, mit einer ein bisschen höheren Inflationsrate, aus demselben Grund seine Dollar zu verkaufen. Und so weiter. Die Dedollarisierung kann also jeden Augenblick (und ohne Voraussagemöglichkeit, wann das passiert) aus dem langsamen, evolutionären Modus ausbrechen und zu einem Zusammenbruch des Dollars samt Hyperinflation führen.

Der Zusammenbruch des Dollar ist somit jederzeit zu befürchten, aber möglicherweise, durch rationale Politik, lange herauszuzögern. Das Herauszögern bringt etwas, aber nur, wenn Amerika es, in dieser Zeit, schafft, mehr oder weniger autonom zu werden, und alle wichtigen Produktionszweige auf eigenem Territorium, gebunden an die eigene Währung, so zu entwickeln, dass ein Zusammenbruch des Welthandels (genauer, ein Zusammenbruch des Handels der Welt mit Amerika) keine Katastrophe für die amerikanische Bevölkerung wird.

Dies beschreibt aber ziemlich genau das, was wir von Trumps Strategie bisher wissen: Reduzierung der politischen Konfrontation mit Russland, andererseits ökonomischer Isolationismus.

Es erklärt auch einige Paradoxa: Beispielsweise dass Trump TPP kündigt. Eine offenbar ökonomisch isolationistische Maßnahme. Sie stärkt China: Australien hat gerade darüber spekuliert, ob man nicht TPP behalten sollte, obwohl die USA ausssteigt, und statt dessen China einladen sollte. Modulo Feinheiten von Vertragsdetails, entspricht diese Reaktion sowohl chinesischen wie auch australischen Interessen, warum also nicht. Nur, steht das nicht im Widerspruch zu Trumps Idee, China zu bekämpfen, wo der offensichtliche Effekt ja ist, China zu stärken?

Nicht wirklich, wenn das eigentliche Ziel eben nicht ein außenpolitisch-irrationales „China bekämpfen“ ist, sondern ein rationales „America first“ angesichts der Gefahr einer faktisch unvermeidbaren schweren Handelskrise als Folgerung der voraussagbaren Dedollarisierung der Welt. Denn in diesem Fall ist der Handel mit Australien genauso eine Gefahr für die USA wie der mit China – weil auch er im Fall einer solchen Krise zusammenbrechen wird. Hingegen ist die Nebenwirkung, nämlich der stärkere Handel zwischen China und Australien, für Amerika selbst kein Problem mehr. Er wäre nur ein Problem, solange Amerika Weltherrscher-Status beansprucht, und die beiden sich weigern, für ihren Handel untereinander Tribut (in Form von Verwendung von Dollar) zu bezahlen.

Mit der Aufgabe des Weltherrschafts-Anspruchs der USA wird der chinesisch-australische Handel für die USA also irrelevant. Und der Widerspruch zwischen der „Anti-China“-Rhetorik und der realen Politik der TPP-Kündigung, die China objektiv nützt, verfliegt.


Stört dabei antichinesische Politik?

Sicher zeigt der Trumpsche Wahlkampf noch einige andere scheinbare Widersprüche. Sind sie jedoch wirklich wesentlich?

So hat beispielsweise Trump etwas getan, was eigentlich für einen Diplomaten unentschuldbar wäre, der von den chinesisch-amerikanischen Beziehungen und chinesischen Empfindlichkeiten auch nur ein bisschen Ahnung hat: Er hat so getan, als hätte er kein Problem damit, Taiwan anzuerkennen.

Dies ist schwer zu beurteilen, insbesondere deshalb nicht, weil es hier die Chinesen sind, die ziemlich irrational auf Symbolpolitik bestehen, die niemandem wirklich etwas bringt. Faktisch ist Taiwan nun einmal ein unabhängiger Staat, ob es den Chinesen gefällt oder nicht.

Professionelle rationale Politiker, wie Putin, nutzen solche Irrationalitäten gezielt aus. So hat Putin inzwischen, nach dem Georgienkrieg, Südossetien und Abchasien diplomatisch anerkannt. Die faktisch genauso unabhängigen Staaten Nagorny Karabach, Pridnestrowje und Donbass werden jedoch noch nicht anerkannt. Eine reale Folge für das, was in der Realität, am Boden, passiert hat dies nicht. Faktisch wird der Donbass, trotz offiziell fehlender diplomatischer Unterstützung, wohl deutlich mehr unterstützt als Südossetien, was von Russland nicht mehr braucht und auch nicht unbedingt mehr will als militärischen Schutz vor georgischen Angriffen. Inwieweit Trump professionell genug ist, solche Irrationalitäten gezielt auszunutzen, möchte ich nicht beurteilen – es wäre einfach zu spekulativ.

Trotzdem, was folgt aus der Annahme, dass er es tut? Was wäre ein rationaler Grund, es zu tun? Dazu wäre zu sagen, dass Taiwan nun einmal Symbolpolitik ist, und dass man deshalb, modolo symbolpolitischer Konflikte, nicht wirklich etwas riskiert. Taiwan ist eigentlich der ideale Platz, um zu verheimlichen, dass man eine ganz fundamentale Entscheidung getroffen hat, eine Entscheidung, die zwar klug und rational ist, aber trotzdem dem amerikanischen Volk nach langjähriger Weltherrschaftpropaganda nur schwer verkauft werden kann: Dass man den Weltherrschaftsanspruch einfach so aufgibt. Die Freiheit der Taiwanesen zur Selbstbestimmung zu verteidigen – gibt es einen besseren Vorwand, zu zeigen, dass man nach wie vor überall auf der Welt amerikanische Werte vertritt?

Vor allem, es ist kein wirkliches Risiko. Auch die Chinesen wissen gut genug, dass die Unabhängigkeit Taiwans faktisch nun einmal existiert, und zwar die Chinesen selbst ein propagandistisches Problem haben, das zu akzeptieren, aber dass dies kein Hindernis ist für rationalen Umgang miteinander in Verhandlungen, in denen die Öffentlichkeit ausgeschlossen ist.

Insofern ist ein Konflikt über die Unabhängigkeit Taiwans auch für die chinesische Führung weitaus weniger problematisch als eine reale Unterstützung der USA für Unabhängigkeitsbewegungen in Tibet, oder gar für uigurische Jihadisten – also das, was Obama angestellt hat.

Mit anderen Worten, wenn Trump tut was er sagt, also den islamischen Terrorismus bekämpft, aber statt dessen Taiwan anerkennt, ist dies für die Chinesen als solche insgesamt eher positiv. Die reale Gefahr – uigurischer Jihadismus – kann nun gemeinsam bekämpft werden. Der propagandistische Konflikt ist hingegen für die reale Welt uninteressant, Taiwan ist ja sowieso unabhängig, und das wissen auch die Chinesen.


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