Umfrageergebnisse sind schon was Interessantes. Selbst wenn man, als Anarchist, von der Meinung des Mobs nichts hält, ist es trotzdem nicht ganz uninteressant zu wissen was er denkt. Und es gibt genug Leute (in Firmen, Zeitungen, Parteien) die so sehr an solchen Umfragen interessiert sind, dass sie bereit sind, Geld dafür zu zahlen. Genug für Umfrageinstitute um davon zu leben.

Die Marktlücke

Und hier sehe ich eine riesige Marktlücke. Wenn ich eine ziemlich beliebige Meinungsumfrage lese, bleibt eine für mich sehr natürliche Frage einfach unbeantwortet: Welcher Meinung sind eigenlich die Klugen? Die Meinungsumfrage sagt mir immer nur was der Durchschnitt denkt. Nur, was interessiert mich der Durchschnitt? Wenn man was wissen will, fragt man schließlich vor allem kluge Leute nach ihrer Meinung, nicht dumme.

Und da könnte eine einfache kleine Zusatzinformation sehr nützlich sein: Statt „für ein Verbot von X sind 63% der Bürger“ hätte ich viel lieber folgendes erfahren: „für ein Verbot von X sind 94% der Bürger mit IQ unter 100 und 32% der Bürger mit IQ über 100″.

Und es scheint mir nicht völlig unplausibel, dass ich mit meinem Wunsch, die Meinung der Klugen von der der Dummen unterscheiden zu können, nicht völlig allein stehe.

Ich möchte natürlich beide Zahlen, um den Unterschied zu sehen. Nicht die Aussage „Maßnahme X wird von 62% derer mit IQ über 100 unterstützt“ interessiert mich. Denn sie kann sehr verschiedenes über den Wert der Maßnahme aussagen. Die andere Zahl ist genauso interessant. Wenn beispielsweise 92% der Dummen die Maßnahme unterstützt, dann spricht dies nicht für die Maßnahme – sie ist zwar höchst populär, aber offensichtlich reicht ein bisschen nachdenken, um zu erkennen, dass sie nichts taugt, und dass obwohl sie immer noch von einer Mehrheit der Klugen unterstützt wird.

Genauso umgekehrt. Es ist zwar nur eine Minderheit von 38% der Klugen dagegen, aber unter den Dummen sind nur 8% dagegen. Dagegen zu sein ist somit ein Indiz für Klugheit – und das obwohl das auch unter den Klugen Minderheitsmeinung ist. Das kann man aber eben nur sehen wenn man beide Zahlen hat.

Potentielle Kunden

Die Zeitungen wären sicherlich gute Kunden für solche Umfrageergebnisse. Es macht sich doch gut, wenn eine linke (rechte) Zeitung einen rechten (linken) Politiker ärgern will, wenn sich herausstellt, dass die von ihm vertretene Position vor allem von den Dummen geteilt wird. Nein, man will damit natürlich nicht unterstellen, der fragliche Politiker würde selbst dumm sein (klar, er kann ja auch ein kluger Populist sein, was man allerdings auch nicht unterstellen wolle, nein, nicht doch), aber so sind nun einmal die Zahlen …

Und ich vermute mal, wenn sich die Zeitungen diesen Spaß öfter mal leisten, werden auch einige Politiker als Kunden hinzukommen. Sollten sie es riskieren, Meinungen zu unterstützen, die einfach nur dumm sind, nur weil es die Mehrheitsmeinung ist? Riskiert man dabei nicht, von den gegnerischen Zeitungen ausgelacht zu werden? Man wird zumindest wissen wollen, wie die Situation ist. Und zumindest der eine oder andere Hinterbänkler wird dabei noch einen anderen Gedanken haben:

Nämlich wie die Menschen selbst auf solche Umfragen reagieren. Wie beeinflusst mich das Umfrageergebnis „92% der Bevölkerung sind für X“? Gut, ich selbst habe es drauf, zu sagen „na und, mir doch egal was der Mob denkt“. Aber selbst für mich selbst möchte ich nicht völlig ausschließen, dass mich diese Information in Richtung der Mehrheitsmeinung beeinflusst, da ist das Unterbewusstsein völlig ausreichend dafür.

Aber wenn da steht „99% der Dummen, aber nur 85% der Klugen sind für X“, sieht die Sache schon deutlich anders aus. Ich möchte nicht ausschließen, dass es Situationen gibt, in denen ich mich trotzdem der Meinung der Dummen anschließe – aber nur nach reiflicher Überlegung, und gegen einen nicht nur unterbewussten inneren Widerstand. Wenn ich das einfach nur so nebenbei lese, und nicht weiter nachdenke, nur halt das Unterbewusstsein wirken lasse, bin ich mir sicher: Ich werde in Richtung der Meinung tendieren, die laut Umfrage Indiz für Klugheit ist. Also in dem Beispiel die Minderheitsmeinung.

Und das dürfte nicht nur mir so gehen. Ich wage daher die folgende soziologische Hypothese: Während die gewöhnliche Umfrage durch ihre Rückwirkung auf die Leser die Mehrheitsmeinung verstärkt, wird die Umfrage des neuen Typs die Meinung der Klugen verstärken.

Und weil auch der Politiker auf diese Idee kommen dürfte, könnte er es für eine gute Idee halten, für Minderheitenmeinungen einzutreten, die vor allem unter den Klugen verbreitet sind. Denn die könnten ja, als Folge solcher Umfragen, populärer werden.

Also nicht nur die Parteien als solche, sondern auch die Hinterbänkler der einzelnen Parteien, die sich für die Zukunft profilieren wollen, dürften potentiell zahlende Kunden für solche Meinungsumfragen sein.

Warum das für Libertäre interessant sein könnte

Eine Marktlücke ist erstmal für jeden interessant, der was verdienen will. Ich denke allerdings, dass noch etwas anderes hinzukommen kann. Wenn sich das Umfragemodell ausbreitet, hat das ja, wie beschrieben, implizite politische Folgen: Weder die Zeitungen noch die Politiker werden, wie heute, wider besseres Wissen der Mehrheitsmeinung hinterherhecheln. Sondern sie werden die Positionen unterstützen, die von den Klügeren mehr favorisiert werden. Selbst dann wenn es sich um Minderheitsmeinungen handelt.

Und damit ist die Idee für all die besonders attraktiv, die solche intelligenten Minderheitenmeinungen vertreten.

Muss ich noch weiter begründen, wie ich darauf komme, dass dies für Libertäre interessant sein könnte?

Aber dafür ein eigenes Meinungsforschungsinstitut gründen?

Nun gut, eine nette Idee, und wenn jemand das machen würde, wäre das schön, und Geld verdienen könnte er damit wohl.

Aber was wenn man nunmal kein Geld hat, ein eigenes Meinungsforschungsinstitut zu gründen?

Nun, für allzu groß halte ich den Aufwand, den man braucht, um aus der Idee was zu machen, nicht.

Man könnte beispielsweise damit beginnen, entweder bei einem Meinungsforschungsinstitut anzufangen um Insiderwissen zu erlangen, oder versuchen als Selbständiger zwischen Meinungsforschungsinstituten und deren Kunden zu vermitteln. Also man baut Kontakte sowohl zu den Instituten als auch zu deren potentiellen Kunden (Parteien und Politiker) auf. Oder als Scheinselbständiger irgendwas zwischen Außendienst des Instituts und wirklich selbständiger Vermittlungsfirma.

Das Modell der selbständigen Vermittlungsfirma wäre folgendes: Das eigentliche Institut verkauft mir – als Dauerkunde zum Vorzugspreis – Antworten auf meine Fragebögen. Die Fragen erhalte ich von den Kunden, die ich selbst finde. Ich lebe vom Kundenfinden und habe eventuell den Zusatzprofit dadurch dass sich mehrere Kunden für dieselbe Frage interessieren, für die ich das Institut nur einmal bezahlen muss.

Jetzt kommen die Investitionskosten: Ich brauche mehr als die Prozentzahlen, die ein reiner Vermittler weiterverkaufen würde. Die Antworten müssen von einem festen Kreis von Befragten stammen, die jeweils durch ein Identifikationsnummer auch über mehrere Umfragen hinweg identifiziert werden können, und ich möchte diese Identifikationsnummern auch haben. Das ist wertvolle Zusatzinformation, für die ich dem Institut was zahlen muss. Allerdings nicht allzu viel, da das Institut diese Information ja ohne Kosten hat.

Oder, als Variante: Das Institut verkauft mir für besonders billig die entsprechenden sowieso schon vorhandenen Daten für Fragen, für die andere Kunden des Instituts schon bezahlt haben.

Als einmalige Anfangsinvestition brauche ich nur das Befragungsergebnis für den IQ.

Und dann nehme ich ein paar Antworten auf Politikerfragen und spalte die Ergebnisse auf, mache also aus den 92% insgesamt die Unterteilung in 99% der Dummen und 85% der Klugen. Die Unterteilung der Nummern nach dumm und klug ist das Ergebnis meiner Anfangsinvestition, und die Nummern sind meine Zusatzinvestition in die Frage.

Und dann kann ich die politisch brisantesten Ergebnisse den Journalisten der besonders daran interessierten Blätter anbieten. Und, egal wieviel die dafür zu zahlen bereit sind – wenn sie die Zahlen nutzen, machen sie zumindest Reklame für meine Vermittlerfirma.

Warum sollte das eigentlich nicht klappen?

Warum ich selbst das nicht mache

Einmal habe ich echt keine Lust zum Geschäftsmann zu werden. Und ich denke mal auch keinerlei Begabung dazu.

Und dann bin ich ehrlich gesagt mehr am Ergebnis interessiert – also daran, dass so schnell wie möglich der Effekt eintritt, alle Zeitungen sich über Politiker lustig machen, die die Meinung der Dummen vertreten, und die Politiker selbst so etwas vermeiden. Aber wenn ich eine eigene Firma hätte, wäre ich im Gegenteil daran interessiert, dass die Konkurrenz die Idee möglichst spät mitkriegt, so dass ich selbst den meisten Profit einstreiche.

Also propagiere ich lieber die Geschäftsidee selbst. Und wer ähnlich denkt, wer auch daran interessiert ist, dass Politiker und Journalisten nicht der Mehrheitsmeinung hinterherhecheln, sondern der der Klugen, der möge mir folgen und die Idee weiterverbreiten. Vielleicht einfach mal ein paar Kommentare vom Typ „was interessiert schon die Durchschnittsmeinung – die Meinung der Klugen interessiert mich viel mehr“ zu Artikeln die Umfrageergebnisse zitieren. Oder vielleicht noch was an Ideen beitragen.

Und meine eigene Geschäftsidee ist, dass derjenige, der sie als erster implementiert, und der den Profit dafür einstreicht, möglicherweise den einen oder anderen staatsunabhängigen Wissenschaftler damit sponsorn könnte (den einen ;-) reicht schon). Oder vielleicht könnte er ja auch ein bisschen Beratung gebrauchen. Vielleicht habe ich ja noch ein paar mehr Ideen …